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Streitfall Evolution: Akademie Tutzing lud zur Auseinandersetzung mit christlichem Fundamentalismus ein
Die Welt erinnert sich in diesem Jahr an den 200. Geburtstag von Charles Darwin und an das Erscheinen seines Hauptwerks "Die Entstehung der Arten" vor 150 Jahren. Doch selbst nach so langer Zeit hadern Christen, die das biblische Zeugnis möglichst wörtlich verstehen wollen, mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Gründe und Hintergründe versuchte am vergangenen Wochenende (7./8.3.2009) eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing im mittelfränkischen Heilsbronn auszuleuchten.
Was für die so genannten Kreationisten schwer zu verkraften ist, liegt auf der Hand: Die Erkenntnisse über das Alter der Erde und des Universums übersteigen weit die biblischen Angaben. Wo bleibt die Rolle des Schöpfers, wenn spontane Mutationen und eine gnadenlose Auslese die Entwicklung der Arten vorantreiben? Und hat Charles Darwin dem Menschen nicht die Würde als Krone der Schöpfung geraubt? Doch wer Evolution und Schöpfung als scharfe Gegensätze begreife, habe weder von den umfassenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen noch von der biblischen Überlieferung etwas verstanden, machten Naturwissenschaftler und Theologen unisono deutlich.
In Deutschland beschere zwar die fortschreitende Entkirchlichung und das "Zerbröseln" von Gemeinden den Kreationisten Zulauf, meint Hansjörg Hemminger, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Leugnen oder Ignorieren naturwissenschaftlicher Erkenntnisse deute er jedoch vor allem als Ausdruck einer Suche nach Sicherheit. Vielfach spiele die Angst eine Rolle, dass mit dem "Wegbrechen" bestimmter biblischer Positionen wie in einem Domino-Effekt die ganze Heilige Schrift ihre Verbindlichkeit verlieren könnte.
Derartige Befürchtungen seien jedoch unbegründet, betonte beispielsweise Andreas Beyer, habilitierter Biologe an der Fachhochschule Gelsenkirchen-Recklinghausen. Als Naturwissenschaftler könne er zwar beschreiben, wie sich Leben entwickelt habe. Die Frage nach dem Warum und dem Sinn des Lebens könne man aber nur aus seiner je eigenen Glaubensüberzeugung oder Weltanschauung beantworten. Dass sich mit der Darwinschen Lehre auch die Theologie erübrigt habe, wie es einst in den sozialistischen Staaten den Schülern eingebleut wurde, verträten selbstkritische Naturwissenschaftler hingegen längst nicht mehr.
So war auch dem Mediziner Henrik Ullrich, dem Vorsitzenden der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen", dem wichtigsten Zusammenschluss der Kreationisten in Deutschland, weitgehend der Wind aus den Segeln genommen. Er gab sich moderat, versicherte, die wissenschaftlichen Erkenntnisse würden auch von seiner Organisation ernst genommen. Dennoch wolle er an einer Vorstellung von Gott festhalten, nach der dieser die Welt in sechs Tagen geschaffen habe.
Eine klare Grenze zog schließlich der Alttestamentler Professor Manfred Oeming von der Universität Heidelberg: "Wer die biblische Schöpfungsgeschichte als vermeintlich naturwissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Arten und des Menschen nimmt, begeht einen Kategorienfehler." Dass ein wörtliches Bibelverständnis in die Irre führe, lasse sich an ungezählten Beispielen demonstrieren. So stehe am Anfang der Bibel die Erzählung von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen, der Mensch sei dabei Gottes letztes Werk. Nach dem darauf folgenden, aber wahrscheinlich älteren Bericht, hauche Gott dagegen dem ersten Menschen das Leben ein, bevor er die Tiere erschaffe. "Das Beste ist, dass der spätere Bearbeiter beides nebeneinander stehen ließ, um deutlich zu machen, dass wir uns von der Urschöpfung immer nur Bilder machen können", so Oemig.
Quelle: epd

