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Spezial

Sieben Wochen ohne: Tabu!

"Näher: Sieben Wochen ohne Scheu": das diesährige Motto der Evangelischen Kirche für die Passionszeit hat es wirklich in sich. Denn: Das Leben hält mitunter Themen bereit, die so seelenschwer sind, soviel Schrecken bergen, dass eine Scheu davor zunächst vollkommen angemessen erscheint. Aber gleichzeitig: Ist es wiederum wichtig, an diese Themen immer wieder zu erinnern und die zunächst so angemessen erscheinende Scheu vor ihnen dann immer wieder aufs Neue zu überwinden, eben weil sie so seelenschwer sind, soviel Schrecken bergen - hoffentlich nie wieder eine aktive Rolle spielen in unserem Leben. Zu Themen wie diesen gehört der Holocaust, mit dem wir uns im vierten Teil unseres großen Passionsspezials auf "bayern-evangelisch.de" auseinandersetzen, tatkräftig unterstützt und bereichert durch zwei überaus kompetente Ansprechpartner: Dr. Gabriele Hammermann, 47, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Dr. Björn Mensing, 47, Pfarrer an der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Ein Interview.

Herr Dr. Mensing, wie kann man sich einem so schweren Thema wie Holocaust ohne Scheu nähern?

Dr. Björn Mensing: „Erstmal gar nicht. Einem Thema wie Holocaust ohne Scheu zu begegnen, finde ich unnatürlich und auch unangemessen. Eine gewisse Scheu auch vor einem authentischen Ort wie der Gedenkstätte Dachau ist erstmal ganz natürlich und menschlich.“

Aber wie kann ein Ort wie die Gedenkstätte Dachau dazu beitragen, dass das Grauen von damals für die Besucher greifbar wird? Frau Dr. Hammermann, was meinen Sie?

Dr. Gabriele Hammermann: „Meiner Meinung nach spielen vor allem unsere Zeitzeugengespräche mit den Überlebenden eine ganz entscheidende Rolle: Die persönliche Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Häftling berührt und bewegt die Besucher am meisten. Einfach, weil durch diese Gespräche Geschichte nicht in Form abstrakter, struktureller Information transportiert wird, sondern weil die Besucher durch diese Begegnung emotionales Lernen und Einfühlen mit kognitivem Lernen verbinden können. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass  Menschen, die dem Thema anfänglich mit einer inneren Reserviertheit begegneten, durch die Beschäftigung mit lebensgeschichtlichen Berichten eine größere Offenheit entwickelten.“

Dr. Mensing: „Wir versuchen, den Menschen Einzelschicksale jüdischer und anderer  Gefangener aus der Zeit näher zu bringen. Einen oder mehrere Verfolgte ganz konkret und plastisch vorzustellen. Der Vergangenheit also quasi ein Gesicht zu geben. Dadurch soll die anfängliche Scheu abgelöst werden durch ein empathisches, mitfühlendes Interesse, das die Besucher der Vergangenheit entgegen bringen. Ich stelle dabei immer einen Häftling vor, der den Holocaust überlebt hat, heute noch lebt und einen, der die Zeit nicht überlebt hat. Und zwar mit Absicht.“

Welche Absicht ist das?

Dr. Mensing: „Würde ich ausschließlich ehemalige Häftlinge vorstellen, die ermordet worden sind, könnte die Scheu zu einem innerlichen Stillstand werden, einer Art unbeweglicher Trauer führen. Unser Ziel der Arbeit ist aber nicht das reine Betrauern der Ermordeten, das in seiner Ausschließlichkeit eine Trauer hervorrufen könnte, die unbeweglich ist. Erst wenn ich dem Besucher die Möglichkeit gebe, sich in einer Art einzufühlen, die den Menschen von damals nicht einlinig auf die Opferrolle der NS-Gewalt reduziert, kann ich ihn wirklich berühren. Dazu gehört, zu zeigen, dass die Biografie der Häftlinge nicht nur aus ihrer Zeit als Häftlinge besteht. Dass sie nachher auch noch ein Leben hatten. Beziehungsweise bei Ermordeten auch deutlich zu machen, welches Leben sie vor ihrem Tod im KZ geführt haben. Um den Menschen von damals in seiner Ganzheit vorzustellen, die sich dadurch auszeichnet, dass sie auch eigenständige, freie Anteile beinhaltet. Und um so auch der Einfühlung der Besucher eine Ganzheit zu geben, die sich so viel stärker einprägt und nicht so schnell vergessen wird.“

Wie wichtig sind Gedenkstätten generell, bzw. welche Funktion erfüllen sie aus Ihrer Sicht?

Dr. Mensing: „Gedenkstätten wie Dachau geben der Erinnerungsarbeit eine besondere Qualität. Weil es sich um einen authentischen Ort handelt. Hier ist der Zugang zur Vergangenheit auf einer vertieften Ebene möglich, was woanders sicher so nicht möglich ist. Es könnte sein, dass die inneren Bilder durch das Anstoßen äußerer Impulse eine noch stärkere Intensität erfahren, folglich das Entsetzen über die Verbrechen und das Mitgefühl mit den Opfern eine noch stärkere Intensität erfährt, als an einem anderen Ort. Ich hatte schon Geschichtslehrer mit ihren Schulklassen hier, die mir völlig verblüffte Rückmeldungen gegeben haben; die Aufmerksamkeit ihrer Schüler sei ungleich höher als im normalen Unterricht, in dem sie sich oft schwer tun, mal 45 Minuten bei der Sache zu sein. Und hier sind sie ganze zwei Stunden voll da.“

Dr. Hammermann: „Meines Erachtens bestehen die Aufgaben der Gedenkstätten darin, Orte eines internationalen Diskurses und der historischen Bildung zu sein. In diesem Sinne sind sie angewiesen auf die Unterstützung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, auch der Kirchen. Eine eindimensionale institutionelle Anbindung an die Politik würde den Gedenkorten sicherlich schaden. Für die Nachkommen der ehemaligen Häftlinge sind Gedenkstätten Friedhöfe, Orte, an denen sie ihrer Angehörigen gedenken können. Gedenkstätten haben, etwa wenn Angehörige in den Archiven mehr zum Schicksal ihrer ehemals verfolgten Verwandten herausfinden wollen, auch eine humanitäre Verpflichtung. Sie sind zudem Orte anwendungsgezogener Forschung und zeithistorische Museen.“
 
Der Journalist Henryk M. Broder warf dem Zentralrat der Juden in Deutschland unlängst vor, eine ,Reue-Entgegennahme-Instanz’ zu sein. Haben Sie sich sowas auch schon mal anhören müssen?

Dr. Mensing: „Nein. Ich denke aber auch, die Zeiten sind einfach vorbei, in denen Gedenkstättenpädagogik teilweise darauf ausgerichtet war, Schuldgefühle hervorzurufen. Ein Grundschuldgefühl allein darüber zu empfinden, dass man Deutscher ist und dann in so eine Grundbetroffenheit hineingepresst zu werden. Einer solchen Art des Umgangs mit der Vergangenheit könnte man sicher eine so hochpolemische Verurteilung vorwerfen. Aber nicht unserer Umgangsweise, die sogar einen Gegentrend markiert: es ist zu vermeiden, bei einer Führung Betroffenheit zu forcieren. Die stellt sich schon von selbst ein. Und lässt den Ort dann nicht als Ort der Reue wahrnehmen, sondern als Ort der Opfer.“

Dr. Charlotte Knobloch, die derzeit amtierende Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat jüngst erklärt, dass sie nach Ablauf ihrer Amtszeit im November für eine weitere Wahlperiode nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Knobloch ist die letzte, die den Holocaust noch persönlich miterlebt hat. Als ihr Nachfolger ist Dieter Graumann im Gespräch, 1950 in Israel geboren und anderthalb Jahre später nach Deutschland eingewandert, der die Ermordungen der Juden nur aus Erzählungen kennt. Inwiefern kann jemand, der den Holocaust selbst nicht miterlebt hat, die Erinnerung an diese Zeit wach halten?

Dr. Mensing: „Aus meiner Arbeit mit Zeitzeugen und NS-Verfolgten muss ich sagen: es gibt nichts, was an die Stelle der Zeitzeugen treten könnte. Auf der anderen Seite kommt es aber nun mal naturgemäß zu einem Generationenwechsel. Und die Gesellschaft kann nicht einfach die Verantwortung auf den Zentralrat der Juden in Deutschland abwälzen, indem sie ihm die Funktion zuschreibt, alleinig und primär die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Die unmittelbaren Zeitzeugen werden irgendwann alle gestorben sein. Und dann muss es sowohl Aufgabe der Nachkommen der Zeitzeugen, der Nachkommen der Täter als auch für die gesamte Gesellschaft eine ethische Pflicht sein, die Arbeit im Sinne der Zeitzeugen fortzuführen!“

Am 30. April 2009 wurde ein neues Besucherzentrum auf dem Gelände der Gedenkstätte Dachau eingeweiht. Vor welchen Hintergründen haben Sie den Bau für notwendig erachtet?

Dr. Hammermann: „Die Neugestaltung der Gedenkstätte wurde 2005 und im vergangenen Jahr durch zwei wesentliche Massnahmen abgeschlossen. Seit dem 60. Jahrestag der Befreiung im April 2005 kann man die Gedenkstätte wieder über den historischen Zugang, das Jourhaus betreten. Damit eröffnet sich für die Besucher erstmals die Möglichkeit, die  Topographie des früheren Konzentrationslagers in seiner ganzen Dimension zu erfassen. Die zweite wesentliche Neuerung ist das Besuchergebäude, das inzwischen mit dem diesjährigen Preis des Bundes der Deutschen Architekten Bayern, ausgezeichnet wurde. Aus vielen Gründen ist dieses Zentrum dringend notwendig gewesen: Hier finden die Besucher nun eine Besucherinformation und eine Audioguide-Ausgabe, außerdem einen Buchladen, in dem sie ihren Besuch weiter vertiefen können sowie eine Cafeteria, in der es wieder möglich ist, zur Ruhe zu kommen.“

Dr. Mensing: „Die Gruppen, Schulklassen, hatten in der Vergangenheit immer auf dem Areal des ehemaligen Appellplatzes des Konzentrationslagers auf ihre Führung über das Gelände gewartet. Da uns dieser Bereich als Wartebereich nicht angemessen erschien und der Würde des Ortes zuwiderlaufend, begrüßen wir die Errichtung des neuen Besucherzentrums, dass der Wartebereich dorthin verlegt wurde. Hier können sich die Besucher besser auf ihre Führung einstimmen.“

Welche Projekte, Innovationen sind künftig im Rahmen des Angebots der Gedenkstätte Dachau geplant?

Dr. Hammermann: „Zum einen planen wir, uns in unserer didaktischen und wissenschaftlichen Arbeit noch stärker als zuvor auf unser internationales Publikum zu konzentrieren, unsere Audioguides zum Beispiel dahingehend auf den neuesten Stand zu bringen: In Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftlern eruieren wir, welche Grundinformationen in bezug auf den Holocaust in verschiedensten Ländern weltweit vorherrschen und werden unsere Audioguides dann auf dieses Basiswissen abstimmen. Zum anderen soll es noch mehr Zeitzeugensequenzen in der Originalsprache der jeweiligen Zeitzeugen geben. Dazu soll in die Ausstellung ein Learningcenter für Jugendliche integriert werden: Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit haben, sich über die Auseinandersetzung mit historischen Audio- und Videosequenzen eine CD mit geschichtlichen Informationen selbst zusammenzustellen und mit nach Hause zu nehmen.“

Diese aktive Beteiligung ist natürlich gerade für Jugendliche besonders wichtig.

Dr. Hammermann: „Ja. Wir wollen wegkommen von der konfrontativen Situation, in der wir jungen Besuchern etwas vorsetzen – lieber sollen es sich die Jugendlichen ein Stück weit selbst erarbeiten, ihre Lehrer idealerweise den Gedenkstättenbesuch im Unterricht zusätzlich vor- und nachbereiten.“

Frau Dr. Hammermann, Herr Dr. Mensing, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke