Sieben Wochen ohne: Scheu!
„Näher: Sieben Wochen ohne Scheu“ lautet das Motto der Evangelischen Kirche für die diesjährigen Fastenwochen. Passend hierzu stellt die Redaktion von „bayern-evangelisch.de“ zwei Menschen vor, die anderen Menschen Scheu nehmen – und zwar ganz professionell von Berufs wegen. Im Mittelpunkt des Interesses: Pfarrer Jürgen Arlt, Leiter der Evangelischen Telefonseelsorge in München, und Pfarrerin Karin Wildt, Seelsorgerin in der Notfallambulanz im Klinikum Bruderschaft in Bamberg. Ein Portrait.
Die Stille liegt bleischwer in der Luft, die Sekunden kriechen, der Augenblick zieht sich. Jürgen Arlt hält den Telefonhörer in der Hand, am Ende der Leitung hört er das Atmen des Anrufers. Sonst nichts. Kein Wort. Der Anrufer schweigt. Arlt ist gerade im Einsatz als Berater bei der Telefonseelsorge (TS) München, es ist eine Schicht von vielen hier und heute, und doch ist es eine besondere für Arlt. Solch ein Erlebnis hatte er noch nicht: ein Mensch, der anruft bei der Telefonseelsorge, ganz offenkundig mit Not in der Seele, sonst würde er ja nicht anrufen. Und dann das. Der Mensch traut sich einfach nicht zu reden, er atmet, schnauft nur in den Hörer.
Jürgen Arlt (Foto links) erzählt von diesem Anruf in der Rückblende, vor Jahren hatte sich der ereignet, als er noch ehrenamtlich für die Evangelische Telefonseelsorge in Heidelberg arbeitete. Heute, beziehungsweise seit 2008 leitet der Pfarrer dieselbe in München, mit einem Team aus ehrenamtlichen Seelsorgern und anonymen Anrufern: „Meine Gemeinde.“ Eine Gemeinde, der er die Scheu nehmen muss, seinen Mitarbeitern vor ihrem Job in der Supervision, aber natürlich auch den Anrufern. Vor allem den Anrufern. Die Erinnerung an den besagten Schweigeanruf vor einigen Jahren, hat Arlt deutlich vor Augen geführt, wie ausgeprägt die Scheu der Menschen ist, gerade, wenn sie sich am anderen Ende der Leitung befinden: Das verzweifelte Schweigen des männlichen Anrufers spiegelte diese Scheu sozusagen in zugespitzter Form. Die Situation traf Arlt nicht unvorbereitet, „in der Ausbildung zum Telefonseelsorger stellt man sich darauf ein“. Schwer auszuhalten ist sie trotzdem.
„Dem anderen sein Schweigen lassen“
Als Telefonseelsorger muss man da einen Balanceakt leisten. „Ziel ist natürlich, Schweigen in Reden zu überführen – wenn man das schafft, hat man viel geschafft“, so Arlt. Gleichwohl ist dieses Ziel das Ideal und steht erstmal nicht im Vordergrund. Oberste Priorität hat erstmal was anderes: „dem anderen sein Schweigen zu lassen, um ihm Raum und Zeit zu geben, seine erste Scheu zu überwinden“, erklärt Arlt. Der Telefonseelsorger teilt den stummen Anrufer dabei mit, dass er bereit ist, „es mit ihm auszuhalten, zu schweigen. Hin und wieder stelle ich dann mal eine Frage, zum Beispiel was es ihm denn so schwer macht, zu reden. Wenn er seine Scheu, sein Schweigen einfach nicht überwinden kann, teile ich ihm auch mit, wie ich mich fühle. Etwa, dass ich es jetzt noch einige Minuten mit ihm aushalte, in fünf Minuten aber auflegen werde“. Es geht darum, zu signalisieren, dass man da ist, aber auch Grenzen setzt. Aber vor allem da ist, denn „Scheu ist erstmal ganz natürlich und menschlich, die man ja schon beim Kleinkind beobachten kann, dass gegenüber nicht vertrauten Menschen fremdelt – eine auch wichtige und natürliche Vorsicht und völlig normal. Insofern qualifiziere ich Scheu erstmal grundsätzlich als positive Reaktion, der ich mit Verständnis und ohne Vorbehalte begegne und nicht mit dem Anspruch ,die Scheu muss sofort weg!’“
Es geht auch darum, ohne Druck zu sein, sich Zeit lassen dürfen. Und aus dieser Freiheit heraus auszuprobiert, seine Scheu ein Stückchen loszulassen. Mitunter macht man vielleicht lohnende Erfahrungen. Anrufer, die sich trauen zu sprechen, erleben dann etwa ein Angebot wie die Telefonseelsorge als zwar zunächst vorherrschende Anonymität, die sich aber rasch einbette in die Vertrautheit der eigenen Wohnung, aus der ein Mensch die TS oft anwähle – dem Einfühlungsvermögen der Seelsorger sei Dank. „Menschen, die ein Problem haben und noch nicht den Mut aufbringen konnten, dieses Problem dort zu besprechen, wo es hingehört“, so Arlt, „profitieren dann von dem Gespräch mit uns durch sogenanntes ,Probehandeln’“: sie machen quasi einen unverbindlichen Testlauf und sind später im Ernstfall besser vorbereitet. Erste Scheu zu überwinden, ist wichtig, „wenn man es einmal geschafft hat, wird es beim nächsten Mal vielleicht wieder schwer, aber unter Garantie nicht so schwer, wie beim ersten Mal“, unterstreicht Arlt. So arbeite man an seinem eigenen Vertrauen, das man nach der Telefonseelsorge, vielleicht einem Therapeuten schenken könnte, wenn man spüre, das Problem geht eigentlich noch viel tiefer. Und so öffne man sich viele Türen; die Tür zu sich, zu einem gelingendem Miteinander. Die Tür ins Leben.
„Genaues Hinhören auf das Unausgesprochene“
Anderen dabei behilflich zu sein, diese angstfrei zu öffnen, darum bemüht sich auch Karin Wildt (Foto links). Die 45-jährige Pfarrerin aus der Nähe der fränkischen Stadt Hof blickt auf eine lange Dienstzeit als Seelsorgerin in fränkischen Dorfgemeinden zurück. Viele Menschen sind ihr begegnet, die den Kontakt zu ihr gesucht haben, mit so unterschiedlichen Anliegen wie Krankheit, Eheprobleme oder auch Müdigkeit im Glauben: „Wen etwas drückte, der klingelte an der Tür des Pfarrhauses“, nickt Wildt, „als Pfarrerin ist man da schon ein wichtige Partnerin für ein Gespräch.“ Welches von den meisten dann auch dankbar und offen angenommen wurde, während so Manchem nach dem ersten Schritt dann doch wieder der Mut verließ.
Generell gestaltet die Pfarrerin den Umgang mit den Menschen die zu ihr kommen „sehr situationsabhängig, sehr vom Gegenüber abhängig. Ich versuche, mein Gegenüber genau zu sehen, wahrzunehmen, sensibel dafür zu sein, in welcher Form der andere ansprechbar ist. Genaues Hinhören auf das Gesprochene ist da ebenso wichtig, wie sensibel zu werden für das Unausgesprochene“. Erste Hemmungen eines besonders schüchternen Menschen „versuche ich häufig dadurch zu lindern, indem ich ihn da abhole, wo er gerade steht. Das kann auch schon einmal durch Small Talk geschehen, indem ich ihn auf Alltägliches anspreche, um erstmal überhaupt eine Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens zu schaffen“.
„Ich kann das nachfühlen, was du gerade erzählst“
Auch „ein gewisses Maß an Selbstmitteilung kann als Seelsorgerin wichtig sein, um dem anderen die Scheu zu nehmen: um mitzuteilen, ,ich kann mich einfühlen, ich kann das nachfühlen, was du da gerade erzählst.’“ Ohne sich gleichwohl in den Vordergrund zu spielen, mit der richtigen Distanz zu sich und seinen Grenzen und den Grenzen des Gegenübers.
Eine Kunst, die viel Feingefühl erfordert und die Wildt in Zukunft noch nachhaltiger ausbauen wird: Seit dem 15. Januar ist die Pfarrerin als neue Seelsorgerin in der Notfallambulanz am Klinikum am Bruderwald in der Sozialstiftung Bamberg im Einsatz. Dann wird sie Menschen, die im Notfall das Hospital aufsuchen müssen und deren Sorge um ihr Leben die größte Angst vor dem Augenblick darstellt, zur Seite stehen.
Ohne Scheu.
Text: Almut Steinecke

