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Rekonstruktion der Dauphin-Orgel in Kleinheubach eingeweiht
Über mangelndes Interesse an seiner Orgel kann der evangelische Pfarrer Sebastian Geißlinger aus dem unterfränkischen Kleinheubach (Landkreis Miltenberg) nicht klagen. Ganze Schulklassen kamen in den vergangenen Wochen in die St.-Martin-Kirche, um den Orgelbauern über die Schulter zu schauen, die die barocke Dauphin-Orgel von 1710 rekonstruierten. In einem Festgottesdienst mit Landesbischof Johannes Friedrich wurde das Instrument jetzt eingeweiht.
Kirchenmusik übe eine Faszination auch auf Menschen aus, "die sich der Kirche nur entfernt oder gar nicht verbunden wissen", erklärte Friedrich. Mit dem gesungenen und musizierten Evangelium in der Tradition Johann Sebastian Bachs würden viele Menschen erreicht, die sonst "von der Botschaft vom Kreuz nichts erfahren hätten", so der Bischof weiter.
600 noch lebende Nachfahren des Orgelbauers Christian Dauphin!
Das große Interesse an der Orgel könnte seinen Grund darin haben, dass in dem Ort viele der etwa 600 noch lebenden Nachfahren des damaligen Orgelbauers Johann Christian Dauphin (1682-1730) leben, wie erst kürzlich bei Nachforschungen bekannt wurde. Die Konzentration so vieler Nachfahren des Orgelbauers an einem Ort erklärt sich aus einer historischen Besonderheit: Bis zum Zweiten Weltkrieg bildete Kleinheubach eine evangelische Enklave im katholischen Umfeld. Geheiratet wurde meist innerhalb des Ortes, allerhöchstens noch in die 15 Kilometer entfernte Enklave Eschau. Daher finden sich noch heute zahlreiche Nachfahren der Familie Dauphin in Kleinheubach.
Pfarrer Geißlinger kann einen einige hundert Personen umfassenden Stammbaum vorlegen, in dem nur die Familienmitglieder aufgezeichnet sind, die den historischen Nachnamen tragen. Viele Nachkommen haben inzwischen andere Namen. Allein ein Drittel der Kirchenvorsteher weise eine Verwandtschaft mit dem Orgelbauer auf, so der Pfarrer, ebenso fast das gesamte Orgel-Fundraising-Team, das mit zahlreichen Aktionen 255 000 der benötigten 265 000 Euro gesammelt hat. Zur Einweihung wurden 250 Nachfahren eingeladen.
Dem ursprünglichen Klang möglichst nahe kommen
Es scheint nur folgerichtig, dass sich die Kirchengemeinde noch mit Geißlingers Vorgänger Hans Burkhardt für eine Rekonstruktion der barocken Orgel entschied, als Veränderungen am bisherigen Instrument anstanden. Das barocke Werk des Meisters, dessen Familie über drei Generationen hinweg Orgeln in und für die Region baute, war schon lange verloren gegangen.
Im Original-Gehäuse befand sich ein Instrument von 1882, das zahlreiche Umbauten, fehlerhafte Reparaturen und mit der Zeit immer mehr Mängel aufwies. Der dumpfe und schwere Klang harmonierte nicht mit der barocken Leichtigkeit des Kirchenraums.
Diskussion um die Frage nach der Orgeltemperierung
Mit der Rekonstruktion nach überlieferten Dokumenten und erhaltenen Originalen will die Gemeinde dem ursprünglichen Klang möglichst nahe kommen. Aus dem Orgelbauvertrag von 1707 gehen Aufbau und Register der damaligen Orgel hervor. Außerdem konnte man sich an einer Dauphin-Orgel im nahen Sulzbach orientieren, die noch in größeren Teilen erhalten ist.
Diskussionen unter Fachleuten löste die Frage nach der Temperierung der Orgel aus. Zur Debatte standen eine mitteltönige oder eine Wohltemperierung im Sinne Johann Sebastian Bachs. Der Orgelsachverständige Reinhold Morath konnte neue Erkenntnisse beitragen. Danach hatte Dauphins Lehrmeister, der Thüringer Johann Friedrich Wender, eng mit dem großen Thomaskantor zusammengearbeitet. Daher erschien es plausibel, dass sein Schüler Dauphin ebenfalls wohltemperierte Orgeln baute.
1300 Pfeifen aus Holz und Metall
An Dauphins Vorbild, Techniken und Materialien seiner Zeit orientierte sich die Vorarlberger Firma Rieger mit ihrer Rekonstruktion. Freilich wurden auch Zugeständnisse an die Erfordernisse der Moderne gemacht. Den Wind erzeugt ein elektrischer Motor. Zum Hauptwerk tritt ein weiteres Werk, die Orgel erhält damit zwei Manuale statt einem sowie 13 Register mit 1300 Pfeifen aus Holz und Metall, davon 36 vorne sichtbare Prospektpfeifen.
Quelle: epd / Beate Krämer, epd

