Für das Miteinander von Christen und Muslime
Die "Brücke-Köprü", das Begegnungszentrum für Christen und Muslime in Nürnberg, gibt es seit 1993. „Köprü“ ist das türkische Wort für „Brücke“, und der Name ist Programm: Das Zentrum will eine Brücke schlagen zwischen den verschiedenen Religionen, zwischen den Menschen islamischen und christlichen Glaubens. Denn um Berührungsängste abzubauen, braucht es Neugier aufeinander und Wissen übereinander, um einen Boden zu schaffen, auf dem echte Begegnung gedeihen kann: "Vertrauen", sagt Hans-Martin Gloël (Foto links unten).
Der 45-jährige Pfarrer ist der Leiter der "Brücke-Köprü" und beurteilt den interreligiösen Austausch als hochgradig konstruktiv. "Es ist spannend zu erfahren, aus welcher Perspektive ein Mensch anderen Glaubens den eigenen Glauben wahrnimmt und begreift", sagt Gloël. Einfache Fragen stoßen da zum Nachdenken an, "Fragen, die ich mir selbst vielleicht noch nie gestellt habe und die mich nun, da sie gestellt werden, herausfordern, meinen Glauben neu zu reflektieren und zu untersuchen", so der Pfarrer. "Etwa, wenn ein Mitbürger muslimischen Glaubens gerne wissen möchte, was es mit der Trinität auf sich habe und ob Christen da etwa an drei Götter glauben und was dieses Thema für meinen Glauben bedeutet.“
"Sich angenommen und angekommen fühlen"
Ebenso interessiert begegneten Christen den muslimischen Besuchern. "Muslime fühlen sich dadurch angenommen und angekommen, die ,Brücke' ist wie ein Schutzraum für sie". Diesen genießt auch Adnan Sunbol (Foto links unten), der im Alter von 22 Jahren aus Sidon Saida im Libanon nach Nürnberg kam. Der heute 56-jährige Sunbol nimmt seit 2008 aufmerksam am Austausch in der "Brücke" teil, genießt die "großartige Idee" die hinter der Einrichtung steckt. Zum Beispiel im Rahmen der Gesprächsrunde „Bibel & Koran“, in der die Teilnehmer Texte aus den beiden heiligen Schriften lesen und danach ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen miteinander ins Gespräch bringen.
Eine andere heißt „Kant & Kismet“, organisiert vom „Arbeitskreis für Leben und Denken in Orient und Okzident“, neben vielen weiteren Kursen, Vorträgen, Fortbildungen und Seminaren. Die alle eines zum Ziel haben: das Gespräch zu fördern. „Wir bemühen uns, den Menschen eine Basis zu bereiten, um leichter auf den anderen zuzugehen“, unterstreicht Gülsan Boz (Foto links unten), Sozialpädagogin in der „Brücke“. Die türkische Mitarbeiterin unterstreicht das unaufgeregte Miteinander unter den Menschen, bei dem sich zeige: „dass beide Seiten sich nicht gegenseitig ändern, sondern zunächst einfach akzeptieren wollen, sich gegenseitig so lassen wollen, wie sie sind.“
"Islam heißt übersetzt Hingabe"
Aus dieser Akzeptanz heraus könne man sich gegenseitig bereichern. Ein schöner Gedanke, der gleichwohl bei Außenstehenden nicht von Anfang da ist, erzählt Boz. „Viele Menschen haben Angst davor, dass sie hier missioniert werden sollen. Aber ums Missionieren geht es gar nicht. Sondern darum, zu erfahren, dass beides seinen Platz hat und möglicherweise voneinander zu lernen, indem wir nicht nur Unterschiedlichkeiten entdecken, sondern zulassen, dass es auch Gemeinsamkeiten gibt.“ Adnan Sunbol fällt sofort eine ein. „Frieden. Islam heißt übersetzt ,Hingabe‘ und ist eng verwandt mit dem arabischen Wort ,Salaam': der Begriff für Frieden. Und Jesus hat Frieden und Liebe gepredigt. Insofern können Christen und Muslime versuchen, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu verständigen. Eine tolle Idee, die nicht immer einfach umzusetzen ist. „Viele Muslime sind misstrauisch, viele Deutsche sind misstrauisch. Und viele Medien tragen ihren Teil dazu bei, dass dieses Misstrauen erhalten bleibt“, sagt Sunbol traurig.
Umso wichtiger findet er ein Zentrum wie die „Brücke“, die 2005 übrigens den Interkulturellen Preis der Stadt Nürnberg verliehen bekommen hat. Das Bundesministerium des Inneren fördert die Einrichtung zudem seit 2004 als modellhaftes Begegnungsprojekt.
Den Menschen hinter der Migrationsfassade entdecken
Sunbol freut sich darüber, würde sich eine Erweiterung seines Zentrums wünschen, „auf Bundesebene, auf europäischer Ebene“ soll sie sich erstrecken, damit alle diese „wunderbare Stimmung“ unter den Teilnehmern spüren könnten, die ihm sehr dabei hilft, sich in Deutschland wohl zu fühlen: „weil wir uns nicht gegenseitig angreifen, sondern unsere Differenzen annehmen und auf das gucken, was uns einander näher bringen kann. Damit man gut zusammen leben kann, braucht man Aufklärung.“
Um Deutsche den Menschen hinter der Migrationsfassade entdecken zu lassen. Um Mulime den Menschen hinter der deutschen Fassade entdecken zu lassen. Damit sie miteinander umgehen, wie Pfarrer Gloël es sich wünscht: "sprachfähig und sprachwillig und mit Festigkeit, die für Offenheit steht, nicht für Isolation."Text: Almut Steinecke


