"Mögen wir uns wiedersehen"

ÖKT Himmelfahrtsgottesdienst, St. Markus München
13. Mai 2010, Landesbischof Dr. Johannes Friedrich
Predigttext: Act 1, 3-11


3 Jesus zeigte sich den Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der
Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen
vom Reich Gottes.
4 Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu
verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er,
von mir gehört habt;
5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem heiligen Geist
getauft werden nicht lange nach diesen Tagen. 6 Die nun zusammengekommen
waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das
Reich für Israel? 7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder
Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; 8 aber ihr
werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und
werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis
an das Ende der Erde. 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends
aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. 10 Und als sie
ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer
in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da
und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen
wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Liebe Gemeinde,
täglich erleben wir ihn in mehrfacher Form: den Abschied; einen Abschied von Menschen nach einer kurzen Begegnung oder nach einer langen gemeinsamen Zeit.Die Abschiede im Alltag sind häufig von geringer Bedeutung, aber ein Abschied von einem vertrauten Menschen, den wir lange nicht mehr sehen werden, das ist nicht immer ganz einfach.

„Auf Wiedersehen“ sind die bei uns gängigen Worte des Abschieds; oft nicht mehr als eine Grußformel, die manchmal gedankenlos einfach so dahingesagt wird. Doch eigentlich steckt in diesen Worten sehr viel mehr, nämlich ein Wunsch und eine Hoffnung: Mögen wir uns wieder sehen. Auf ein Wiedersehen. Unter gläubigen Menschen wird dann oft gesagt – und ich sage das gerne und bewusst: Wir sehen uns wieder – so Gott will. Inschallah, wie die arabischen Christen sagen. Abschied nehmen fällt uns oft nicht leicht. Besonders schwerwiegend wird ein „Auf Wiedersehen“, wenn es ein Abschied auf lange oder gar ungewisse Zeit ist, wenn die Person, die man verabschiedet einem viel bedeutet und am Herzen liegt. Sie kennen das vielleicht alle: Sie haben gerade einen lieben Menschen verabschiedet. Der Zug fährt aus dem Bahnhof, man winkt sich zu bis die Rücklichter nicht mehr zu sehen sind. Danach sieht man noch lange und wehmütig in die Richtung, in die der Zug davongefahren ist, auch wenn er schon längst nicht mehr sichtbar ist.

Der Liedermacher Reinhard Mey beschreibt in seinem wohl bekanntesten Lied „Über den Wolken“ auch einen solchen Abschied: Als das Flugzeug bereits längst nicht mehr zu erkennen ist, sieht er ihm noch lange nach. „ Meine Augen haben schon ejenen winzigen Punkt verloren“ schreibt Mey. Nur noch das Geräusch der Motoren ist zu hören. Am Ende klingt es fast wehmütig, wenn er singt: „Ich wär gern mitgeflogen“. Liebe Gemeinde, wir alle kennen solche Abschiedssituationen und oft ergreifen uns nach solchen Abschiedssituationen Schwermut und Trauer. Vielleicht ging es den Jüngern Jesu – wie es die Apostelgeschichte beschreibt - ähnlich am Himmelfahrtstag auf dem Ölberg oberhalb der Stadt Jerusalem; bei diesem Abschied auf ungewisse Zeit, diesem Abschied von Jesus, mit dem sie Jahre ihres Lebens gemeinsam verbracht und erlebt haben. Gerade war Jesus noch mitten unter ihnen, doch plötzlich ist er von ihnen genommen. Gebannt starren sie noch lange in den Himmel, bis die Engel sie aus ihrer Erstarrung herausreißen: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Die Jünger sahen Jesus noch lange nach, auch als nichts mehr von ihm zu sehen war. Vielleicht hat sich der eine oder andere gewünscht mit Jesus in den Himmel fahren zu können, ein anderer hat an die gemeinsame Zeit mit Jesus zurückgedacht und sich gewünscht, die Uhr zurückdrehen zu können. Doch alle waren sie noch wie gebannt von diesem Abschied, nahezu bewegungslos.

Aber, liebe Gemeinde, in Abschiedssituationen zu verharren, dem vergangenen nachzutrauern, das bringt nichts. Man hält viel zu oft einfach an einer Situation fest ohne nach vorne auf das Kommende zu blicken. Mancher igelt sich in solch einer Abschiedssituation ein, lebt nur noch in der Vergangenheit und denkt an die guten alten Zeiten zurück, ohne zu bedenken, dass das Leben weitergeht. Wären die Jünger in ihrer Situation verharrt geblieben, hätte es Stillstand bedeutet, dann hätte sich die frohe und befreiende Botschaft Jesu nicht über die ganze Welt ausgebreitet, dann wären wir heute keine Christen, dann würden wir jetzt nicht diesen Himmelfahrtsgottesdienst und diesen zweiten ökumenischen Kirchentag feiern.

Wir wissen wie die Geschichte nach Jesu Himmelfahrt weiterging. Die Jünger haben auf das vertraut, was Jesus ihnen gesagt hatte. Sie sind nicht einfach stehen geblieben. Sie haben sich aufgemacht in der Hoffnung und Erwartung, dass das, was ihnen die Engel gesagt haben, bald eintreffen würde: „Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ Die ersten Christen rechneten damit, dass Jesus jeden Augenblick wieder zurückkommen würde. Auch Paulus geht in seinen Briefen davon aus, dass der eine oder andere seiner Adressaten die Wiederkunft Jesu noch erleben würde. Diese Parusieerwartung, die Erwartung der ersten Christen, dass Jesus bald auf die Erde zurückkehren werde und seine Gemeinde zu sich holen würde, hat vielen Christen die Kraft und den Mut gegeben in schwierigen Situationen, in Not, Verfolgung und Bedrängnis durchzuhalten und nicht ihren Glauben zu verlieren.

Doch wie ist das heute? Rechnen wir noch damit, dass Jesus Christus bald auf die Erde wiederkommt? Viele haben den Glauben und die Hoffnung auf eine
Wiederkunft Jesu verloren. Fast 2000 Jahre ist es her, eine lange Zeit. Mit einem solchen zeitlichen Abstand fragt sich so mancher: Ist das mit der Himmelfahrt denn überhaupt alles wahr und so passiert, wie es die Apostelgeschichte beschreibt? Jesus im Himmel, das ist doch kaum nachvollziehbar. Wenn im Text erzählt wird „Eine Wolke verhüllte ihn und nahm ihn auf“, dann ist das ein Bild. Es geht aber nicht um das Bild, sondern um das, was dieses Bild erzählen will. Eine Schwierigkeit der deutschen Sprache verleitet zum Missverstehen. Wir haben das eine Wort „Himmel“ für beides: den Sternenhimmel mit seinen Wolken und für den Bereich, in dem Gott ist. Im Englischen lassen sich beide unterscheiden: „sky“ ist das Firmament mit Wolken und Gestirnen, „heaven“ ist der Ort Gottes. Wenn wir von „Himmelfahrt Christi“ reden, dann ist das Wichtige an dieser Aussage nicht,
dass unser Herr in die Wolken gefahren, sondern dass er zu seinem Vater im Himmel gegangen ist. Wenn der auferstandene Christus zu Gott geht, entfernt er sich nicht von uns. „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen“ hatte Christus in seinen Abschiedsreden angekündigt und auf dem Ölberg am Tag seiner Himmelfahrt noch einmal bekräftigt.

Ich selbst glaube fest an diese Wiederkunft Jesu. Ich bin überzeugt, dass Er uns in den heaven, in sein himmlisches Reich holen wird. Dafür möchte ich auch
Zeuge sein mit meinen Worten und mit meinem Leben. Doch ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich, ob wir für die Wiederkunft Jesus bereit sind, sei es als Kirche oder auch ganz privat. Und ich stelle mir die Frage: „Wann wird Jesus denn eigentlich wiederkommen?“ Jesus sagt: Der
Menschensohn wird wiederkommen wie ein Dieb in der Nacht.“ Vielleicht gerade dann, wenn niemand damit rechnet. Eine unangenehme Vorstellung. Zu gerne würden wir wissen, wann das Geschehen eintreten wird. Schließlich wollen wir doch vorbereitet sein, wenn Jesus wiederkommt.

Liebe Gemeinde, immer, wenn wir Gäste bekommen, achten meine Frau und ich darauf, dass alles gut vorbereitet ist. Kurz vor dem Besuch werde ich richtige geschäftig. Da müssen noch Stühle geräumt, ein Tischtuch ausgewechselt, und die Kissen auf dem Sofa
noch einmal geordnet werden. Alles soll ja in bester Ordnung sein, wenn der Gast kommt. Er möge ja keinen falschen Eindruck bekommen. Schwierig ist es dann, wenn der Gast nicht zur geplanten Zeit eintrifft, viel zu spät, wenn man gar nicht mehr mit ihm rechnet, oder – fast noch unangenehmer - zu früh, wenn man ihn noch nicht erwartet hat. Dann setzt eine Hektik ein. Man versucht noch schnell alles fertig zu bekommen. Das Essen, das noch nicht ganz
vorbereitet ist, der Hackbraten, der noch einige Zeit im Ofen braucht, der Wein, der aus dem Keller geholt werden muss, der Eingangsbereich, den man eigentlich noch kurz fegen wollte. Ja, es passt uns gar nicht, wenn jemand viel zu früh, weit vor dem vereinbarten Zeitpunkt bei uns vorstellig wird. Noch unangenehmer, wenn auf einmal ein Gast vor der Tür steht, den wir gar nicht erwartet haben. Dann können wir ihn entweder höflich verabschieden oder
versuchen mit dem aufwarten, was wir gerade im Haus haben. Da ist nicht mehr die Zeit noch einmal groß einkaufen zu gehen, zu putzen und alles optimal
herzurichten.

Wie wäre es, liebe Gemeinde, wenn Jesus heute zu uns käme, wenn er heute auf die Erde zurückkommen würde. Wären wir darauf vorbereitet, könnten wir ihm unser Haus in sauberem und aufgeräumtem Zustand präsentieren? Was die Münchner Innenstadtkirchen St. Matthäus und hier St. Markus anbetrifft, haben wir uns größte Mühe gegeben, die beiden Kirchen im neuen Glanz und frisch herausgeputzt zu präsentieren. Da könnte er jetzt gerne eintreffen. Doch wären wir als Kirche, wären wir als Christinnen und Christen auch innerlich bereit für seine Ankunft? Oder wäre es nicht besser, genau zu wissen, wann Jesus kommt, damit wir auch von langer Hand mit vielen Gedanken und viel Elan seine Ankunft vorbereiten könnten, damit wir uns die Zeit genau bis dahin einteilen und entsprechend planen könnten

Doch Jesus sagt zu seinen Jüngern auf dem Ölberg: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat.“ Schade eigentlich. Anders wäre es doch viele einfacher. Es hat jedoch seinen Grund, liebe Gemeinde, warum wir es nicht wissen sollen, wann Jesus wiederkommt. Wenn man sich einmal in der Woche oder im Monat anders verhalten und von seiner Schokoladenseite präsentieren soll, weil Besuch da ist, dann ist das oft gar nicht so schwer. Da kann man mal für ein paar Stunden freundlich sein und sich von der besten Seite zeigen. Wenn der Besuch aber wieder gegangen ist, dann darf die Anspannung nachlassen und man kann wieder so sein, wie man ist.

Genau das, liebe Gemeinde, ist es aber, was wir als Christen nicht sollen, einfach unsere besten Seiten präsentieren, wenn es von uns verlangt wird. Wir sollen unser ganzes Leben so gestalten, dass es von der Erwartung auf Jesu Wiederkunft zeugt. Das heißt nicht, dass wir ein perfektes Leben führen sollten oder es auch nur annährend könnten. Aber es ist eine Lebenseinstellung und eine Geisteshaltung, die wir in der Welt deutlich werden lassen sollen. Wie gehen wir mit Fehlern um? Wollen wir sie klein reden, vertuschen, so tun als ob nichts geschehen wäre, oder gehen wir offensiv damit um? Benennen und
bekennen wir unsere Fehler und ziehen daraus Konsequenzen oder versuchen wir unsere Vergehen unter den Teppich zu kehren? Offener und geradliniger Umgang mit dem eigenen Leben und mit den eigenen Fehlern, das schafft Glaubwürdigkeit für die Botschaft Jesu Christi. Das wünsche ich mir von mir selbst, aber auch von unserer Kirche, dass wir nicht nur bei besonderen Gelegenheiten christlich und vorbildlich sind, sondern dass unser Leben ein Spiegel der Erwartung des Kommens Jesu ist, dass die Menschen erkennen, aus welcher Hoffnung wir leben. Ein hoher Anspruch! Wer schafft das denn, immer
aufrecht und ehrlich zu sein?

Liebe Gemeinde, ich weiß, dass es geradezu unmöglich ist, diese Kraft selbst aufzubringen, aus sich heraus. Da wird es schnell verkrampft. Ein Leben in der ständigen Erwartung Jesu zu führen, das gelingt nur durch die Kraft Gottes. In unserem heutigen Predigttext verspricht Jesus den Jüngern: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein. Wir wissen, was an Pfingsten passiert ist. Die Jünger haben nicht verkrampft versucht ein besseres Leben zu führen, sie haben sich auf das Versprechen Jesu gestützt und sind nicht enttäuscht worden. Der Geist hat sie erfüllt und sie wurden glaubwürdige Zeugen. Nicht fehlerlos. Ein Petrus war immer noch ein Petrus mit all seinen Stärken und Schwächen und mit ein wenig Hang zur Selbstüberschätzung. Thomas war immer noch Thomas und hatte vielleicht nach wie vor Schwierigkeiten, Dinge und Ereignisse zu glauben, die er nicht sehen konnte. Jeder der Jünger war noch er selbst, keiner war fehlerfrei und makellos. Aber sie haben aus der Kraft des Heiligen ihr Leben gestaltet und wurden dadurch zu glaubwürdigen Zeugen für die Hoffnung, die durch Jesus Christus geschenkt ist.

Das, liebe Gemeinde, wünsche ich mir auch von uns evangelischen Christinnen und Christen, das wünsche ich mir von allen Christen und das erhoffe ich mir von diesem zweiten ökumenischen Kirchentag. Dass hier von München aus eine Hoffnung ausstrahlt, die wir alle zusammen leben und dafür Zeugnis geben. Dass die Menschen, die diesen Kirchentag mit Distanz oder Skepsis oder auch mit neutralem Interesse beobachten, erfahren und erleben mögen: Diese Christen leben aus der Hoffnung und aus der Kraft des Heiligen Geistes, der uns den Mut und die Kraft schenkt, zu unseren Fehlern zu stehen und sie auch konsequent zu bereinigen. Das ist wichtig in diesen Wochen, wo wir immer wieder erschüttert sind darüber, was in unseren Reihen, was in den Kirchen alles Schreckliches passiert ist.

Der Geist, der uns verändert und durch uns die Welt verändern will. Der Geist, der uns wach macht und uns aufrüttelt, wenn wir träge und müde zu werden
drohen. Der Geist, der trennendes verbindet und einen möchte, was zusammengehört. Und der Geist, der uns auch die Kraft schenkt auf die Wiederkunft Christi voller Hoffnung, Vertrauen und Sehnsucht zu warten. Maranatha – ja, komm Herr Jesus.

Amen.