Interview mit Landesbischof Dr. Johannes Friedrich

In einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sprach  der bayerische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich unter anderem über wichtige Entscheidungen der zu Ende gehenden Synodalperiode und seine Erwartungen an die nächste Synode, die Partnerschaftsarbeit der Landeskirche und das Verhältnis der Christen zum Islam. Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut.

Epd: Was waren aus der Sicht des Landesbischofs die wichtigsten Entscheidungen während der zu Ende gehenden Synodalperiode? 

Landesbischof Dr. Johannes FriedrichDr. Friedrich: Die wichtigste Entscheidung und der größte Erfolg dieser Synode war zweifellos die Konsolidierung von Haushalt und Finanzen. Über alle Friktionen hinweg - zu erinnern ist dabei nur an die "Giftliste" zu Anfang des Prozesses – kam die Synode zu einem sehr einmütigen Beschluss. Das war eine Riesenleistung, da ja die Arbeitsbereiche einer ganzen Reihe von Synodalen durch die Kürzungen unmittelbar betroffen waren. Weitere zukunftsweisende Ergebnisse waren die Landesstellenplanung und die neue Form der Gemeindefinanzierung. Bei diesen wahrlich nicht einfachen Problemen hat die Synode vor allem durch Transparenz ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Beschlüsse jetzt auf den verschiedenen Ebenen zielgerichtet umgesetzt werden können. Auch wenn das beispielsweise für Gemeinden, die in Zukunft schlechter gestellt sind, durchaus schmerzlich ist.

Epd: Kamen wegen dieser nötigen strukturellen Fragen die Inhalte etwas zu kurz? Wie werten Sie vor diesem Hintergrund das Programm "Kirche vor Ort"?

Dr. Friedrich: "Kirche vor Ort" ging ja ursprünglich zurück auf eine gemeinsame Tagung aller kirchenleitender Organe in Rummelsberg zu einer Prioritäten-Setzung des kirchlichen Handelns. Es war dann in der Folge bewundernswert, wie die Synode diesen grundsätzlichen Prozess erdacht, initiiert und durchgeführt hat. Und wir werden daran weiterarbeiten, das wird uns auch in Zukunft eine große Hilfe sein. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt war die umfassende Neupositionierung unserer Partnerschafts-Arbeit. Dabei hat die Synode nicht nur die Struktur dieses Arbeitsfeldes neu geordnet, sondern auch die theologischen Grundlagen in einem Papier formuliert. Zusammenfassend gesagt: Es spricht sehr für diese Synode, dass sie bei allen wichtigen strukturellen Herausforderungen, wie etwa Finanz- und Stellenplanungen, die Kraft fand und auch in der Lage war, ganz wesentlich theologisch-inhaltlich Fragen zu bearbeiten. 

Epd: Als Synodaler und als Bischof haben Sie verschiedene Synoden erlebt. Welche Veränderungen gab es?

Dr. Friedrich: Die größte Verschiebung gab es bei den synodalen Arbeitskreisen. Während sich früher weit über die Hälfte der Synodalen dem Arbeitskreis "Offene Kirche" zugehörig fühlte, haben jetzt alle drei Arbeitskreise in etwa das gleiche Gewicht. Gerade in dieser Synode und den schwierigen Problemstellungen haben sich die Gesprächskreise, die sich nicht als gegeneinander stehende Fraktionen verstehen, sehr bewährt. Denn die Vor- und Nachbesprechungen in den Gesprächskreisen haben die Lösung der Probleme oft erst ermöglicht. Für mich als Bischof war es wichtig, dass ich dort sensible Dinge, wie etwa Personalfragen, auch mal ohne mediale Öffentlichkeit ansprechen konnte.

Epd: Also gerade kein Trend zu mehr Parlamentarismus in der Synode?

Dr. Friedrich: Ganz im Gegenteil. Die Synode hat bewusst den in der Verfassung festgelegten Grundsatz einer kirchlichen Leitung in "arbeitsteiliger Gemeinschaft und gegenseitiger Verantwortung" praktiziert. Das bedeutet dann auch zum Beispiel, dass die Synode nicht in erster Linie eine Kontrollfunktion gegenüber dem Landeskirchenrat hat, wie manche meinen. In der Kirchenleitung wirken vielmehr das synodale, das episkopale und das konsistoriale Prinzip partnerschaftlich zusammen. Damit ist die Synode, um es etwas abgehoben zu sagen, Ausdruck einer spezifisch protestantischen Kirchlichkeit, auf die wir stolz sein können.

Epd: Führt diese Partnerschaftlichkeit bei Entscheidungen nicht in erster Linie zu Minimal-Kompromissen?

Dr. Friedrich: Die Synode hat genau das Gegenteil bewiesen, wie die geglückte Konsolidierung ganz konkret gezeigt hat. Außerdem hat die Synode bei schwierigen Entscheidungen große Verantwortung übernommen. So haben etwa bei der Konsolidierung die synodalen Ausschuss-Vorsitzenden und die von ihnen gebildete Lenkungsgruppe eine entscheidende Rolle gespielt.
Aber auch grundsätzlich bin ich der festen Überzeugung, dass für eine Kirche knappe Mehrheitsentscheidungen in wichtigen Fragen gar nichts bringen. Damit Beschlüsse in der ganzen Breite einer Volkskirche greifen können, brauchen wir für alle Seiten vermittelbare Kompromisse. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Fürther Erklärung zur Homosexualität, die zwar für einzelne zu wenig weit geht, aber von einer großen Mehrheit akzeptiert ist. Dadurch konnte ein an sich schwieriges Problem für die tägliche kirchliche Praxis geklärt werden.

Epd: Welche Bedeutung hatte der persönliche Führungsstil? Gab es für Sie eine Situation, in der Sie daran dachten, die "Vertrauensfrage" zu stellen?

Friedrich: Die Präsidentin und das gesamte Präsidium zeichnet ein geschwisterlicher, partnerschaftlicher Führungsstil aus. Von meinem Naturell her schätze ich das Friedliche und Verbindliche. Deshalb habe ich keine Konflikte oder konträren Positionen vermisst.
Der Gedanke einer Vertrauensfrage hat sich für mich nie gestellt. Denn wichtige Entscheidungen wurden bereits transparent im Vorfeld besprochen. Dabei hat sich sehr bewährt, dass ein Mitglied des Synoden-Präsidiums regelmäßig bei den LKR-Sitzungen dabei ist. Angesichts dieser bewährten Kommunikations-Praxis und Partnerschaftlichkeit gehe ich auch für die nächste Synodalperiode fest davon aus, dass wir zu einvernehmlichen Lösungen und Entscheidungen finden werden.

Epd: Welche Wünsche und Erwartungen haben Sie an die nächste Synode?

Dr. Friedrich: Zuerst zur Organisation: Damit die Synode möglichst optimal arbeitsfähig ist, sollten möglichst viele Ausschuss-Vorsitzenden in den LSA eingebunden sein.
Inhaltlich habe ich den Wunsch an die Synode, aber auch an die Kirchenleitung insgesamt, dass wir vernünftig mit den im Moment etwas stärker sprudelnden Finanzen umgehen. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten möglichst nicht in eine beengte oder gar existenz- und zukunftsgefährdende Situation kommen. Dazu gehört konkret, dass auf gar keinen Fall neue Personalstellen geschaffen werden, wenn dafür nicht alte aufgegeben werden. Wir sollten darauf hinarbeiten, dass es bei den theologischen Personalstellen zu gleichmäßigen Ab- und Zugängen kommt und dass das Verhältnis von hauptamtlichem pädagogischen und theologischen Kräften zur Anzahl der Kirchenmitglieder auf dem heutigen Stand gehalten werden kann.

Epd: Ist dann der Vorwurf doch berechtigt, dass bei allen kirchlichen Berufsgruppen abgebaut wurde, nur nicht entsprechend bei der Pfarrerschaft?

Dr. Friedrich: Was den Abbau von Stellen betrifft, hinken wir in der Tat bei den Pfarrerinnen und Pfarrern nach. Der Beschluss ist jedoch immer noch gültig, nur in der Umsetzung zeitlich gestreckt. Denn wir könnten ihn überhaupt nur umsetzen, wenn wir in den nächsten drei, vier Jahren überhaupt keine neuen Pfarrer und Pfarrerinnen aufnehmen würden. Das wäre jedoch ein riesengroßer Fehler: Allein zwischen 2021 und 2025 gehen 500 Pfarrer in den Ruhestand, also rund ein Viertel der derzeitigen Gesamtzahl. Durch einen Aufnahmestopp würden wir einen großen und unverantwortlichen Pfarrermangel produzieren. Dem wollen wir durch unsere Personalplanung entgegenwirken. 
 
Epd: In den letzten Wochen haben Sie die Lutheraner in Ungarn und China besucht. Wie sehen Sie die kirchlichen Partnerschaften?

Dr. Friedrich: Wie meine Reisen einmal mehr gezeigt haben, ist die Partnerschafts-Arbeit für uns unverzichtbar und heilsam. Dadurch wird uns bewusst, dass wir immer noch eine der reichsten Kirchen der Welt sind und alle Einsparungen letztlich keine Existenzfragen sind. In der intensiven Partnerschaft zu Ungarn ist es erstaunlich, wie viele Gemeinden feste und regelmäßige Kontakte haben.
Mit China streben wir keine formelle neue Partnerschaft an. Hier ist eher ein theologischer Austausch gewünscht. Für die chinesischen Protestanten sind wir das Mutterland der Reformation, sie suchen das theologische Gespräch.
Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die von vornherein ganz anders aufgestellt ist, laufen evangelische Kirchen Gefahr, zu sehr bei sich selbst zu bleiben. Das können vor allem lebendige Partnerschaften verhindern.

Epd: Das Partnerschafts-Fest in Ungarn stand auch im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung in den Kirchen. Sehen Sie darin auch einen Schwerpunkt für Ihre Arbeit?

Dr. Friedrich: Unbedingt. Denn es ist eine zentrale Aufgabe der Kirche, sich aktiv gegen rechtsextreme Strömungen und Tendenzen einzusetzen. Grundlage für ein derartiges Engagement ist aber zu erst einmal die eigene Glaubwürdigkeit. Dazu gehört auch, eigene Versäumnisse während der NS-Zeit einzugestehen. Ich habe das Verhalten der bayerischen Landeskirche in dieser Zeit nie für bewunderungswürdig gehalten. Das habe ich beispielsweise bei der Gedenkfeier für Bonhoeffer in Flossenbürg in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht.

Epd: Wie kann die Vergangenheitsbewältigung konkret aussehen?

Friedrich: Wie die Debatte der letzten zwei Jahre um Bischof Meiser gezeigt hat, ist es nötig, sich so weit wie möglich in die damalige Zeit hineinzuversetzen. Das ist zwar nur in Annäherung möglich. Dennoch sollten wir durch intensive Beschäftigung versuchen, möglichst viele Facetten wahrzunehmen. Dann wird auch deutlich, wie schwer es für die Menschen damals war, sich wirklich eindeutig zu verhalten.
Über das Rechts-Links-Thema hinaus gehört dazu auch die Frage, wie wir uns jetzt angesichts der aktuellen Herausforderungen verhalten, etwa der Globalisierung. Ist es richtig, dass wir enge Kontakte zu Politik und Wirtschaft pflegen, wenn Millionen Menschen verhungern? Bei Gesprächen mit Unternehmern ist es mir wichtig, auch immer die negativen Auswirkungen der Globalisierung anzusprechen. Trotzdem kann es sein, dass gerade beim Thema Globalisierung die nächsten Generationen sehr kritische Anfragen an uns richten werden.

Epd: Eine globale Frage ist auch das Verhältnis der Christen zum Islam.

Dr. Friedrich: Die Kirche darf nicht einen der beiden Pole verstärken: Entweder sich so stark auf den Islam zuzubewegen, dass die Unterschiede verwischen, oder in jedem Muslim einen Islamisten zu sehen. Die ganz große Mehrheit der Muslime in Deutschland hat nichts am Hut mit dem Islamismus. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass ein hier lebender Muslim friedfertig ist. Die Vorgänge um den Imam in Penzberg fand ich sehr erschreckend, als Leute, die sich als Christen bezeichnen, plötzlich Hetzflugblätter verbreiteten. Eine differenzierte Sichtweise bringt die EKD-Denkschrift „Klarheit und gute Nachbarschaft“, die ich für sehr richtig halte. Sie darf aber nicht instrumentalisiert werden, um Islamophobie zu schüren.

Epd: Was sind die Unterschiede von Christentum und Islam?

Dr. Friedrich: Der Hauptunterschied liegt im Gottesverständnis. Für einen Muslim ist ein Dreieiniger Gott undenkbar, genauso wie die Vorstellung, dass Gott einen Sohn hat. Deshalb können Christen und Muslime auch nicht miteinander beten, sondern nur respektvoll bei dem Gebet des jeweils anderen dabei sein. Auch gemeinsame Amtshandlungen sind nicht möglich.
Andere Unterschiede haben hingegen nicht unmittelbar religiöse Unterschiede. Zwar ist die Frau im Koran nicht gleichberechtigt zum Mann, die Praxis in muslimischen Ehen ist aber sehr unterschiedlich. Und auch in christlichen Ehen gab und gibt es Unterdrückung der Frau. Ich warne hier vor Pauschalurteilen. Keine Frage kann hingegen sein, dass jemand, der aus religiösen Gründen irgendein Grundrecht ablehnt, auf Dauer nicht in Deutschland leben kann.

Epd: In diesem Jahr haben Sie Israel besucht, wie ist Ihr Eindruck?

Dr. Friedrich: Noch nie bin ich so deprimiert von einer Israel-Reise zurückgekommen. Auch wenn Olmert und Abbas versuchen, wieder aufeinander zuzugehen, habe ich keine große Hoffnung. Wie sich bei unserem Besuch immer wieder gezeigt hat, sind beide Politiker in ihren jeweiligen Regierungen und Lagern nur außerordentlich schwach verankert. Deshalb fehlt eine politische Kraft, die die Dinge wirklich voranbringen kann.

(Quelle: epd)