"Mehr Frauen in Leitungspositionen"
Demokratie ist ein ganz wichtiges Thema, wenn es um gegenseitige konfessionelle Lernprozesse geht, davon ist Helga Grömer (zu sehen auf unserem Foto mit ihrem Begleiter Georg Duschl) überzeugt. Die 49-jährige Katholikin ist aus Passau angereist und findet es gut, dass die evangelische Kirche dem weiblichen Geschlecht mehr Mitspracherecht einräumt. "In der evangelischen Kirche gibt es mehr Frauen in Leitungspositionen, das könnte sich die katholische Kirche von den Protestanten abgucken." Umgekehrt entdeckt sie in der katholischen Kirche "mehr Vielfalt in der Liturgie: Die Messegewänder sind farbiger, prachtvoller, die Gottesdienste stimmungsvoller, zum Beispiel durch den Einsatz von Weihrauch". Das verstärkte Augenmerk auf mehr Äußerlichkeiten könnte man der katholischen Kirche als Tendenz zur Oberflächlichkeit anlasten, gesteht Helga Grömer zu. Andererseits übten gerade visuell starke Versatzstücke eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Menschen aus; nicht unwichtig in Zeiten wie diesen, wo sich die Kirchenaustritte mehren.
Georg Duschl, 59, ebenfalls katholisch und ebenfalls aus Passau, stimmt seiner Begleiterin Grömer dahingehend zu, dass in der evangelischen Kirche im Gottesdienst "manchmal zu sehr auf das Wort geguckt wird - man ist manchmal zu sehr mit dem Kopf dabei, als mit dem Herzen", zumindest, was die Ausgestaltung der Gottesdienstfassade angeht. Sympathisch findet er an der evangelischen Kirche hingegen, dass organisatorische Vorgänge weniger hierarchisch ausgelegt seien. "In der evangelischen Kirche werden mehr synodale Prozesse ernst genommen" - darüber sollten die Katholiken seiner Meinung nach auch einmal nachdenken.
"Wenn der Glaube zu offen ist, ist das auch nicht gut"
In bezug auf christliches Bewusstsein plädiert Barbara Arnold, 60, für die Katholiken. "Ich glaube, echte Katholiken sind ganz fromm, engagieren sich ehrenamtlich ganz stark für ihre Kirche" - in dieser Hinsicht könnten sich viele Protestanten davon insprieren lassen. Arnold, die mit ihrem Mann Friedrich aus Fürth angereist ist und selbst evangelisch ist, findet andererseits, dass Menschen mit ihrer Konfession unvoreingenommener Andersdenkenden gegenüber seien. "Protestanten gehen mehr auf die Katholiken zu." Friedrich Arnold, 59, ebenfalls evangelisch, stimmt seiner Ehefrau Barbara Arnold mit Blick auf "mehr Offenheit" zu, verstärkt verströmt von evangelischer Seite. Die katholische Kirche bremse sich selbst durch zuviele "Hemmnisse" aus, "zum Beispiel täten sie gut daran, vom Zöllibat abzugehen", lächelt Arnold gutmütig. Feste Regeln wiederum seien grundsätzlich nicht schlecht, "wenn der Glaube zu offen ist, ist das auch nicht gut" - so nimmt es der Fürher mit Blick auf die evangelische Kirche wahr.
Eine Beobachtung, die auch andere teilen. Zum Beispiel ein 60-jähriger Taxifahrer aus München, der an dieser Stelle nicht mit Namen genannt werden will - in die Öffentlichkeit zu treten, ist nicht sein Ding. Wohl aber ganz eigene, spannende Gedanken. Seit 37 Jahren ist der Katholik mit einer Protestantin verheiratet. Wenn er zusammen mit seiner Frau einen evangelischen Gottesdienst besucht, lauscht er immer ganz andächtig den Predigten, die oft "anspruchsvoller, intellektueller" seien, als in der katholischen Kirche. "Die evangelische Kirche fordert ihre Besucher stärker dazu auf, sich intensiver mit der Bibel auseinanderzusetzen, indem sie es nicht bei reinzen Rezitationen belässt, sondern Bibelstellen mitunter gezielt auf die Gegenwart, Situationen aus dem Alltag der Menschen anwendet." Diese Transferierung vermisst der Katholik bei seiner Kirche; zwar stünde in kathlischen Gottesdiensten auch der Bibeltext im Mittelpunkt, "aber ohne Bezug zum realen Leben".
"Das ist wie Kino, eine Auszeit vom Alltag"
Andererseits freut sich der Taxifahrer über die Plakativität der katholischen Kirche, die auch schon Kirchentagsbesucher Helga Grömer aus Passau als positiv bewertete: "Katholische Gottesdienste sind von barocker Schönheit, voluminöser fürs Auge, als evangelische Gottesdienste; sie sprechen mehr die Sinne, mehr die Seele an - das ist wie ins Kino, eine Auszeit vom Alltag", von der sich protestantische Pfarrer bei der Gestaltung ihrer Gottesdienste noch mehr inspirieren lassen könnten: um die Kirche auch äußerlich noch mehr zu einem Ort des Wohlfühlens zu machen.
Und was ist mit dem inhaltlichen Miteinander? Friedrich Arnold, der Kirchentagsbesucher aus Fürth, ist sich sicher, Ökumene ist viel mehr als bloße Theorie. "Im ganz Kleinen und in den Gemeinden wird sie längst gelebt. Deshalb würde ich mir wünschen, dass evangelische und katholische Kirche sich viel stärker auf ihre jeweilige Basis konzentrieren, als Ökumene auf höheren Ebenen zu etwas Unerreichbarem zu verkomplizieren."




