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"Man lernt, dankbar zu sein"

(c) Privat

„Seit ich zehn Jahre alt war, wollte ich immer ins Ausland nach dem Abi - immer nach Afrika!“, plaudert Lisa Forstmaier mit einem Lächeln in der Stimme. Fragt man die frisch gebackene Abiturientin nach ihren Beweggründen, sich für das sonnengegerbte Land zu entscheiden, nennt sie ein zentrales Motiv: Lebensfreude – und zwar die der Afrikaner! „Mich hat schon immer fasziniert, wie fröhlich diese Menschen sind, dass sie meistens strahlen und lachen, egal wie schwer ihre Lebenssituation auch gerade ist.“ Für Lisa war klar, sie wollte nach Afrika, am liebsten direkt im Anschluss an das Abi.

Bei einem Freund entdeckte sie eines Tages einen Flyer von Mission EineWelt. „Das Auslandsprogramm sprach mich an, und ich habe an einem Infowochenende im November 2008 teilgenommen.“ Im Februar 2009 wurde Lisa zu einem Vorstellungsgespräch in die Hauptzentrale nach Neuendettelsau eingeladen. In der Auswahlrunde musste sie ein bisschen was über sich ergehen lassen, „ich musste Englisch sprechen und wurde gefragt, ob ich sofort Heimweh bekomme, wenn es mal Stromausfall oder kein Wasser mehr gibt“, grinst Lisa. Natürlich war Heimweh überhaupt kein Thema, schließlich wollte Lisa unbedingt weg, „wenn nicht nach dem Abi, wann denn dann? Rauskommen aus dem Trott, Abenteuer, was von der Welt sehen!“ – darauf hatte die junge Kemptenerin Riesenlust!

„Das soll Afrika sein?“

Lisas Leidenschaft übertrug sich auf ihre Prüfer: Nach der Vorstellungsrunde war sie für ein Projekt zur Betreuung von Straßenmädchen im „Pangani Lutheran Children Center“ (PLCC) der Kenianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nairobi angenommen. Am 13. August fuhr sie von Kempten aus zunächst nach Amsterdam, wo sie Ronja, ihre gleichaltrige Mitvolontärin vom Nordelbischen Missionswerk in Norddeutschland, kennen lernte. Ebenso wie Lisas soziale Projektstelle wurde auch Ronjas Einsatz vom „weltwärts"-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. „Das Einzige, was wir dazu tun mussten: Wir mussten im Vorfeld einen Spenderkreis aus zehn Bekannten zusammen suchen, die bereit waren, ein Jahr lang für uns jeweils monatlich zehn Euro zu zahlen“, erzählt Lisa. „Ich habe alle meine Verwandten, Bekannten, Omas und Opas befragt, und da hatte ich ganz schnell den Kreis zusammen“, nickt sie stolz.

Ihrem Afrika-Abenteuer stand nichts mehr im Wege. Frühmorgens düsten die Mädchen am 14. August 2009 acht Stunden per Direktflug nach Nairobi, wo sie ihre deutsche Mentorin von Mission EineWelt schon am dortigen Airport empfing. „Als ich ankam, konnte ich es kaum glauben“, schwärmt Lisa, „das sollte Afrika sein?“ Schwere Jeeps kreuzten auf den Straßen, bunte Werbespots flackerten auf Leinwänden durch die Abendluft, Wolkenkratzer ragten in den Himmel – „Ich kam mir vor wie in Amerika!“, schüttelt Lisa heute noch im Nachhinein den Kopf.

„Wie wenig viele zu essen haben. Wie wenig viele zum Anziehen haben.“

Doch als sie einen Tag später zu ihrem Arbeitsplatz im außerhalb von Nairobi gelegenen „Pangani Lutheran Children Center“ fuhr und im „Matatu“, dem dortigen Bus, über die staubigen Straßen holperte, ihren Blick durch die von winzigen Kieselsteinchen versprengten Busfensterscheiben schweifen ließ, drehte sich dias Glamour-Bild von diesem Land einmal um die eigene Achse. „Ich habe gesehen, wie arm die Menschen dort zum Teil leben. Wie wenig viele zu essen haben. Wie wenig viele zum Anziehen haben. Wie schäbig viele ihrer Häuser sind. Wie wenig Sicherheit sie in ihrem Leben haben, in einigen Gegenden können sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße gehen, weil die Sicherheitslage es nicht zulässt. Eben noch war Afrika groß, glitzernd, großzügig, und plötzlich war es beengt, begrenzt und düster - der Unterschied zwischen Nairobi-City und dem Vorort der Stadt war echt heftig“, erzählt Lisa.

Die ehemalige Schülerin lernte Evelyn und Rispa kennen, zwei 13-jährige Mädchen. Die Armut in ihrem Elternhaus hatte sie auf die Straße vertrieben, monatelang lebten sie unter freiem Himmel, bevor sie im „Children Center“ ein neues Zuhause fanden. Und in Lisa eine nur wenig ältere Lehrerin auf Augenhöhe, die sie in Englisch und Mathe unterrichtete, um sie wieder in die Gesellschaft zurückzuholen. Die sich mit ihnen auch auf Kiswahili unterhielt, der afrikanischen Landessprache; Lisa hatte noch vor ihrem Afrika-Aufenthalt einen entsprechenden Sprachkurs in Neuendettelsau belegt.

„Das begreift man einfach nicht, wenn man es nicht mit eigenen Augen sieht“

Auch oder gerade weil in Afrika „nicht ein einziger Tag wie Alltag war, sondern alles von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag irgendwie immer wieder neu wurde“, hat  sie kein Heimweh verspürt. „Es war eine unglaublich schöne Zeit“, sagt sie. „Und es war auch eine anstrengende Zeit, klar. Die Mädchen, die vorher auf der Straße gelebt hatten, waren zum Teil ganz aufgedreht und unkonzentriert und wollten meine Aufmerksamkeit. Aber wenn ich ihnen signalisiert habe ,ist gut jetzt!‘, haben sie sofort gehört. Der Lehrer ist in Afrika derjenige, der das Sagen hat“, erzählt Lisa.

Würde sie es wieder machen? Würde sie ihr Jahr in Afrika anderen Gleichaltrigen weiterempfehlen? Oh ja, Lisa nickt, „einfach, weil man ganz, ganz viele Erfahrungen macht, die ganz wichtig sind für das eigene Leben“, unterstreicht sie. „Man lernt dankbar zu sein, dass man in Deutschland so gut medizinisch versorgt wird. Man lernt dankbar zu sein, dass man nach Einbruch der Dunkelheit noch auf die Straße gehen kann, ohne dass man automatisch Angst haben muss, überfallen zu werden. Dass man genug zu essen hat, das ist einfach alles nicht selbstverständlich, aber das begreift man einfach nicht, wenn man nicht mal mit eigenen Augen sieht, wie es Menschen geht, die all das eben nicht so selbstverständlich haben. Ich habe es gesehen – und jetzt bin ich so dankbar dafür, was ich alles habe und nicht mehr so fixiert darauf, was mir angeblich alles fehlt!“

Text: Almut Steinecke