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"Man gewinnt, indem man gibt"
Ostern umschließt ganz unterschiedliche religiöse Erfahrungen und ist damit eine Herausforderung – so wie auch unser Verhältnis zu Gott, die Art, wie wir ihn sehen und ihm begegnen, eine manchmal schwierige Aufgabe ist, in der es Höhen und Tiefen gibt. Ein Interview mit dem Theologie-Professor Heinrich Bedford-Strohm, 49, über Gefühle, Eigennutz und Nächstenliebe.
Herr Prof. Bedford-Strohm, warum ist gerade Ostern eine gute Gelegenheit, um sein Verhältnis zu Gott bewusst zu definieren?
Bedford-Strohm: Ostern ist ein Fest, das ganz gegensätzliche menschliche Erfahrungen ins Gespräch mit Gott bringt. Auch das Weihnachtsfest ist mit dichten menschlichen Erfahrungen und Gefühlen verbunden. Weihnachten gilt als das ,Fest der Liebe'. Das Besondere an Ostern ist, dass es nicht nur mit einem Gefühl – der Liebe und der Freude – verbunden ist, sondern mit Gefühlen, die in ihrer Unterschiedlichkeit kaum größer sein könnten und dazu noch schnell aufeinander folgen. Der Karfreitag ruft Traurigkeit hervor, Trauer über das Leiden Jesu, Trauer über seinen Tod am Kreuz. Nur 48 Stunden später sind die Gefühle im Mitgehen des Weges Jesu geprägt vom Gegenteil: Glück, tiefe Freude über die Auferstehung Christi, die tröstliche Gewissheit, dass mit dem Tod nicht alles aus und vorbei ist. Durch diese ganz unterschiedlichen Gefühle, hoffentlich vermittelt durch besonders schöne, sinnliche Gottesdienste, spricht Ostern nicht nur den Kopf an, sondern erreicht den Bauch. Wer das bewusst durchlebt, kann Gott in diesen Tagen vielleicht noch ein Stückchen näher kommen, als sonst.
Das stellt in der Tat eine Chance, aber auch eine große Herausforderung dar. Der Mensch hat ja eigentlich große Angst vor Tod und Trauer; die Kurve zum hoffnungsvollen Glauben an die Auferstehung zu kriegen, fällt da sicher nicht jedem sofort leicht . . .
Bedford-Strohm: Die Botschaft des Sieges über den Tod entwickelt genau deswegen ihre Kraft, weil sie auch von den Abgründen weiß, durch die die Menschen gehen. Jesus selbst, der den Tod überwand, ist durch diese Abgründe hindurchgegangen. ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?', hat er am Kreuz gerufen. Wer sich die Osterbotschaft genau anschaut, merkt: Das Leiden Jesu wird zu keinem Zeitpunkt verdrängt oder ausgeblendet, es wird in die Hoffnung integriert, als ein wichtiger Teil des Weges, der zu dem hoffnungsvollen Ausgang überhaupt erst führt. Deshalb ist die Botschaft des Sieges über den Tod auch nicht als plötzliches, plattes ,Happy-End' zu verstehen, sondern als Zeugnis Jesu, durch das die Menschen erkennen können: ,Selbst, wenn es noch so dunkel um mich ist und selbst, wenn ich noch so tief im Abgrund stecke – ich komme immer wieder ins Licht'.
Dafür braucht es eine Menge Optimismus. Viele Menschen tun sich damit schwer, weil pessimistische Sichtweisen offenbar einfacher sind. Und viele fühlen sich von Gott oft sehr verlassen, wenn die Dinge im Leben nicht so laufen, wie sie es sich im Gebet gewünscht haben.
Bedford-Strohm: Es ist manchmal schwer, zu akzeptieren, dass Dinge nicht so laufen, wie wir sie uns wünschen – gerade dann, wenn wir darum beten. Aber Gott ist kein verlängertes Instrument von uns selbst. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe. Ich nehme mal das ganz banale Beispiel des Kindergebets für die Lieblings-Fußballmannschaft: ,Bitte, lieber Gott, lass Bayern München heute 3:0 gegen 1860 München gewinnen'. Und im Nachbarhaus gibt es dann vielleicht ein Kind, das Fan von 1860 München ist und genau in diesem Augenblick parallel das Gegenteil betet. Das Beispiel zeigt, wie absurd ein Gottesbild wäre, das Gott einfach als Wunschumsetzer begreift. Auch wir Erwachsenen wünschen uns manchmal einen Gott, der uns vor allem das gibt, was wir ersehnen.
Es liegt aber auch in der Natur des Menschen, in gewisser Hinsicht eigennützig zu sein. Manche sind es mehr, andere weniger, aber Fakt ist, wer sich an Gott wendet, will immer was von ihm. Jedes Kind beginnt doch sein Gebet mit den Worten: ,Bitte lieber Gott, mach...'
Bedford-Strohm: Aus solchen kindlichen Gebeten spricht zunächst einmal ein tiefes Vertrauen in Gott und seine Begleitung in unserem Leben. Und das ist gut so. Das Problematische daran ist, wie gesagt, dass wir meinen, Gott könne und müsse einfach wie ein Zauberer unsere Wünsche erfüllen. Aber Sie sprechen ja noch etwas anderes an: Darf man auch an sich selbst denken? Die Antwort ist ein klares Ja, jedenfalls dann, wenn die Sorge um uns selbst nicht auf Kosten der anderen geht. Man muss wegkommen von einem Verständnis der Nächstenliebe, in dem das eigene Selbst abgewertet, ja verleugnet wird. Darum geht es gar nicht bei der Nächstenliebe. Es heißt ja nicht umsonst: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.' Es ist kein Zufall, dass das Nächstenliebegebot in der Bergpredigt Jesu ganz eng mit der ,Goldenen Regel' zusammengebunden wird: ,Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch'. Darin wird anerkannt, dass jeder Mensch eigene Interessen hat. Aber er soll eben jedem anderen das Gleiche zubillligen, was er für sich selbst auch in Anspruch nimmt.
Was ist der Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Eigennutz?
Bedford-Strohm: Eigennutz wird ungesund, wenn er das Recht der Anderen missachtet. Das passiert zum Beispiel, wenn sich das nachvollziehbare Streben danach, das Notwendige zum Leben zu bekommen, in Gier nach materiellen Dingen verkehrt und der Andere dadurch aus dem Blick gerät. Die Kritik Jesu an der Verehrung des ,Mammon', an dem Kleben am Geld, weist darauf hin: Materielle Dinge können keine innere Leere auffüllen, weil sie eine Seele auf Dauer nicht nähren können – weil sie keinerlei Lebenskraft in sich tragen. Man braucht natürlich Materielles zum Leben, aber das Herz wird davon nicht satt. Da hat der christliche Glaube mehr zu bieten, z.B. indem er eine Schule der Dankbarkeit ist. Er öffnet uns die Augen für den Reichtum, mit dem wir jeden Tag beschenkt werden und den wir so oft als etwas Selbstverständliches sehen: den Vogelgesang im Frühling, Sonnenstrahlen, die nach einem langen Winter den Körper wärmen, Menschen, die mir lieb sind – das alles wird mir jeden Tag geschenkt! Wer das alles als etwas Geschenktes erfährt, als etwas, das er sich eben nicht durch seine eigene Leistung verdient hat, der kann auch etwas von seinem eigenen Reichtum weitergeben und mit anderen teilen. Ungesunder Eigennutz hat oft seine Wurzel darin, dass wir eine Wahrnehmungsstörung im Hinblick auf all das haben, was uns jeden Tag geschenkt wird. In Wirklichkeit ist es doch so: wer etwas Gutes für andere tut, tut damit gleichzeitig etwas Gutes für sich selbst
Man behandelt sich selbst wie einen guten Freund . . .
Bedford-Strohm: Das kann man durchaus so sagen. Die Liebe gehört ja zu den wenigen Dingen, die größer werden, wenn man sie teilt. Diese Liebe im Herzen zu spüren, dazu hilft uns das Weihnachtsfest mit der Erinnerung an die Geburt des Heilands. Die Gewissheit, dass diese Liebe trotz aller Abgründe des Lebens nicht mehr auszulöschen ist, sondern am Ende den Sieg davon trägt, das ist die befreiende Botschaft des Osterfestes. Es hat also wirklich seinen guten Sinn, dass wir uns in diesen Tagen zurufen: Frohe Ostern!
Interview: Almut Steinecke
Info: Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm ist Direktor der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie an der Universität Bamberg und Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

