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Kinder brauchen keine perfekten Eltern

(c) www.elternkurs.net

Viele Eltern seien in Erziehungsfragen unsicher und suchten Orientierung, erklärt die Diplom-Sozialpädagogin Dorathea Strichau. Sie ist die pädagogische Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für evangelische Erwachsenenbildung in Bayern (AEEB) und hat den Elternkurs "Auf eigenen Beinen stehen" innerhalb von rund drei Jahren mit Fachleuten der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung entwickelt.

Der Kurs beruht auf neuesten pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen. Er wendet sich an Mütter und Väter in Phasen, in denen sie besonderer Weise gefordert sind: die Zeit der "Familienfindung" nach der Geburt eines Kindes und die Phase der Loslösung der Jugendlichen von der Familie mit Eintritt der Pubertät.

Einen eigenen Erziehungsstil finden

Der Kurs "vertrauen, spielen, lernen" richtet sich an Mütter und Väter mit Babys und Kleinkindern von null bis drei Jahren. Der zweite Kurs wendet sich an Eltern mit Kindern zwischen zwölf und 16 Jahren und heißt "Ich bin so frei – wenn Kinder flügge werden". Für beide Altersstufen gibt es bislang nur wenig passgenaue Angebote. Die Kurse schließen also eine Lücke.

Vor allem aber vermitteln sie ein Wissen, das in keinem Buch steht: Sie helfen den Eltern, einen eigenen Erziehungsstil zu finden. "Die meisten Eltern müssen sich erst klarwerden, worauf es ihnen ankommt", erklärt Strichau. Im Kurs lernen sie, wie sie ihre Kinder im Alltag fördern können, ohne selbst auf der Strecke zu bleiben. Denn: "Kinder brauchen nicht perfekte Eltern, sondern solche, die sich jeden Tag mit ihnen auf den Weg machen", sagt Strichau.

Gelassener Grenzen setzen

Diplom-Pädagogin Susanne Herpich hat bereits verschiedene Elternkurse organisiert. Ihr zufolge kommen die Eltern in den Kurs, weil sie konkrete Probleme haben. Dort stellen sie dann fest, dass sie mit ihren Fragen nicht alleine da stehen, sondern diese "ganz normal" sind. "Das ist oft eine wichtige Erkenntnis, dass andere Familien auch Probleme haben", sagt Herpich.

Die Kurse sind auf vier Treffen zu je zweieinhalb Stunden begrenzt. Sie konzentrieren sich auf wesentliche Themen der jeweiligen Entwicklungs- und Familienphase. Beim Kurs für Eltern mit Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren lernen Eltern etwa, wie sie ihre Tochter oder ihren Sohn bei der Identitätsfindung, Sinnsuche und bei der Entdeckung der Sexualität begleiten können. "Wenn Eltern wissen, wie stark Jugendliche in der Pubertät gefordert sind, können sie mit Alltagssituationen oft besser umgehen und gelassener Grenzen setzen", erklärt Herpich.

Kinder sollen Vertrauen entwickeln

Ein weiteres Merkmal: Die Kurse sind auf ein christliches Menschenbild ausgerichtet: "Wir verstehen religiöse und werteorientierte Erziehung als Bestandteil von Erziehung, nicht als Sonderbereich", sagt Herpich. In vielen Familien werde Religion gelebt, ohne dass sich die Eltern dessen bewusst seien – so etwa beim weihnachtlichen Gottesdienstbesuch.

Der Elternkurs will die pädagogische und die religiöse Perspektive von Erziehung integrieren: Kinder sollen Vertrauen entwickeln zu anderen Menschen – und Gottvertrauen. Das kann beispielsweise über Rituale wie einem Mittags- oder Abendgebet geschehen. Oder über ein intensives Gespräch mit Jugendlichen über Glaube und Religion. Gleichwohl richten sich beide Kurse an alle Eltern – also auch Kirchenferne oder Menschen mit anderem religiösen Hintergrund, so Strichau.

Der Elternkurs der Evangelischen Erwachsenenbildung ist mittlerweile so gut eingeführt, dass in Nürnberg eine Projektstelle eingerichtet wurde. Diese soll helfen, die Kurse möglichst schnell flächendeckend in Bayern einzuführen. Derzeit bieten knapp 40 Einrichtungen wie Familienbildungsstätten, Bildungswerke und Kirchengemeinden die Kurse an.

Text: Rieke C. Harmsen / epd