Kein "kirchliches Kürprogramm"
"München wird den Begriff der Ökumene weiten" - dessen ist sich Eckhard Nagel, evangelischer Präsident des "2. Ökumenischen Kirchentages (ÖKT)" sicher. Mit Blick auf das konfessionell übergreifende Großereignis vom 12. bis 16. Mai 2010, zu dem gut 125000 Besucher für die rund 3000 über die gesamte Landeshauptstadt verteilten ÖKT-Veranstaltungen erwartet werden, zeigen sich die ÖKT-Gastgeber und -Veranstalter erfreut und zuversichtlich, sowie auch kritisch.
Als kurzfristige Reaktion auf die aktuellen Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche, "haben wir vier weitere Veranstaltungen in unser Programm aufgenommen", informiert Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Gleichwohl seien es nicht mehr, denn "eine mehrfache Wiederholung der Thematik wird uns nicht weiterbringen", glaubt Glück. Nagel indes bewertet diese aktuelle Orientierung an den Missbrauchsvorfällen als "wichtiger Versuch des 2. Ökumenischen Kirchentages, mit der Suche nach einer vernünftigen Diagnosestellung vor einer passenden Therapie" im Rahmen dieser diffizilen Thematik beizutragen - nicht mehr, aber auch nicht weniger habe sich der ÖKT selbst als Anspruch hierfür spontan gestellt.
"Fühlen, schmecken, hören, sehen"
Und, so unübersehbar und gewichtig der Schatten der Missbrauchsvorfälle über der katholischen Kirche zweifelsohne schwebe, so stark soll auch weiterhin das Schwerpunktthema des "2. ÖKT" im Mittelpunkt stehen: die Ökumene. Jene "wollen wir weder kompliziert machen", so Dr. Johannes Friedrich, Landesbischof der gastgebenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, "noch als kirchliches Kürprogramm" abrücken von den Menschen. Der konstruktive Kontakt zwischen den Konfessionen soll beim "2. ÖKT" vor allem Nähe vermitteln, "wir wollen die Ökumene fühlen, schmecken, hören, sehen", so Friedrich, "wir brauchen die Ökumene um des glaubwürdigen Zeugnisses in unserer Gesellschaft willen".
Erzbischof Reinhard Marx, sein katholischer Kollege des zweiten "ÖKT"-Gastgebers, das Erzbistums München und Freising, pflichtet dem Ansinnen des Landesbischofs bei, den Kirchentag nicht auf schöngeredete Theorie zu reduzieren, im Gegenteil: "Wir lassen uns beim ÖKT auf den heilsamen Zwang ein, auf den anderen zu hören, gegebenenfalls konstruktiv zu streiten und auszuhalten, dass der andere anders denkt."
"In Respekt und Neugierde aufeinander zugehen"
Hierfür ist aus Sicht beider Bischöfe zunächst das Eingeständnis notwendig, dass es Unterschiede zwischen den Konfessionen, deren Entwicklung ein geduldiges Begleittempo braucht. "Ich leide auch sehr darunter, dass wir nicht soweit sind, dass wir ein gemeinsames Abendmahl feiern", konstatiert Landesbischof Friedrich; eine Tatsache, die etwa den Umstand bedingt, dass die Konfessionen neben einer gemeinsamen Eucharistiefeier, auch eigene Eucharistiefeiern zelebrieren werden.
Dies ist jedoch nicht als Entwertung des konfessionell gemeinschaftlichen Erlebnisses abzuurteilen, bekräftigt Erzbischof Reinhard Marx. "Wir wünschen uns, dass die Menschen dies nicht als ein ,Gegeneinander-Ausspielen' verstehen und diese auch vorherrschende Nebeneinander zur politischen Fehlinstrumentalisierung missbrauchen" - denn hiermit nehme man sich selbst die bereichernde positive Grundhaltung, die den Boden ebnen würde für das Idealziel des "2. ÖKT": "dass wir alle in Respekt und Neugierde aufeinander zugehen".




