"In die Seele der Zeit blicken"
„Gestern war Morgen“, das Jugendbuch über (kirchliche) Geschichte und die zugehörige interaktive Zeitreise als DVD, ist eine spannende Sache. Ebenso spannend sind die beiden Autoren, die das ungewöhnliche Projekt im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern realisierten. bayern-evangelisch.de sprach mit Markus Springer, 44, und Dr. Roland Rosenstock, 43, über das Zusammenspiel von Fakten und Fantasie.
Herr Springer, Herr Rosenstock, was sollen die jugendlichen Leser aus dem Buch und der DVD mitnehmen?
Markus Springer (Foto): „Lesespaß! Am meisten freut mich, wenn jemand, nachdem er das Buch gelesen hat, sagt: 'Hey, das war eine spannende Geschichte!' Es soll Spaß machen, Friederike und Max bei ihrem Abenteuer zu begleiten. Und natürlich erzählt unsere Geschichte auch davon, wie sehr unsere Gegenwart und also auch die Zukunft ein Produkt unserer Vergangenheit ist. Dass Krieg und Hass zerstören, und dass Großzügigkeit, Toleranz und Friedfertigkeit Leben gelingen lassen. Dass wer das 'Heute' begreifen und die richtigen Entscheidungen für das 'Morgen' treffen will, das 'Gestern' kennen muss. Deswegen ist für uns Deutsche die Erinnerung an Faschismus und Shoah so wichtig. Aber wer wir sind und wie wir's wurden geht darüber natürlich noch weit hinaus. Mich würde auch freuen, wenn es uns gelänge, Neugierde zu wecken. Und für das eine oder andere spätere Aha-Erlebnis zu sorgen: 'Mensch, über diese Sache bin ich doch schon mal gestolpert…'“
Roland Rosenstock: „Ich würde mir auch wünschen, dass bei den jungen Lesern ein Gefühl für die Wichtigkeit von Toleranz ausgefeilt wird; die evangelische Kirche hätte in Bayern nicht Fuß fassen können, wenn ihr nicht hierfür der Weg über die Toleranz geebnet worden wäre. In jedem Kapitel haben wir das immer wieder versucht zu vermitteln, sei es mit Blick auf das Miteinander unterschiedlicher Religionen, sei es mit Blick auf das Miteinander unterschiedlicher Konfessionen: dass das Fremde keine Bedrohung ist, sondern stets ein ,es-geht-auch-anders‘ signalisiert, dass es lohnenswert und bereichernd ist, sich darauf einzulassen. Wenn wir die jungen Rezipienten damit erreichen können, haben wir viel erreicht.“
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Geschichtsbuch für Jugendliche wie „Gestern war morgen“ zu schreiben?
Springer: „Ganz am Anfang stand ein Jubiläum – nämlich, dass die bayerische evangelische Landeskirche vergangenes Jahr 200 Jahre alt wurde. Weil das eng verbunden ist mit der Geschichte des modernen Bayerns, also: dass Bayern 1806 Königreich wurde, mit einem toleranten katholischen Herrscher und seiner evangelischen Frau, wird die ganze Sache schnell spannend. Geschichte ist die Summe ganz vieler menschlicher Geschichten, von bewegenden Einzelschicksalen und kollektiven Dramen, von glücklichen und unglücklichen Ereignissen. Ich glaube, dass man Geschichte, ihre Wendepunkte und großen Entwicklungsströme am spannendsten und am eindrucksvollsten mit im besten Sinn 'merkwürdigen' Geschichten erzählt, die etwas deutlich werden lassen, die berühren und in Erinnerung bleiben. Geschichten, die in die Seele der Zeit blicken lassen, und in die Seele der Menschen, die in dieser Zeit lebten.“
Deshalb also eine Zeitreise?
Springer: „Zeitreisen sind ja nun wirklich nichts Neues. Aber die Vorstellung, eine längst vergangene Zeit selbst zu erleben, ihren Menschen zu begegnen, eine versunkene Welt mit allen Sinnen zu erfahren, fasziniert immer wieder neu. Und ich vermute, dass jeder, der sich intensiver mit Geschichte beschäftigt hat, das Gefühl kennt: sich auf so eine Zeitreise zu begeben, die einen eintauchen lässt und mitreißt. Es lag also nahe, das 'Abenteuer der Geschichte' als Zeitreise-Abenteuer von zwei ganz normalen heutigen Kids zu erzählen. Wobei ich glaube, dass diese Mischung von Fantasie und Fakten nicht nur Jugendliche sonder Leser in jedem Alter ansprechen kann.“
Wie hat sich das Schreiben für Sie angefühlt?
Springer: „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht – auch wenn man beim Schreiben manchmal zu verzweifeln glaubt. Die beiden Protagonisten Max und Friederike jagen ja durch 200 Jahre Geschichte. Wir mussten also sehr viel recherchieren, um zusammenhängende, auch in den Details glaubwürdige Einzelgeschichten erzählen zu können. Das Buch selbst ist nur die kleine Spitze eines großen Eisbergs. Aber mich hat es schon immer fasziniert, im Heute, in meiner Umwelt die Spuren des Gestern zu finden und in der Vorstellung lebendig werden zu lassen. Wer mit offenen Augen durch seine Stadt oder sein Dorf geht, für den kann ein Film vor seinem geistigen Auge ablaufen über das, was an diesem Platz, in dieser Kirche, in dieser Straße passiert ist. Aus solchen Imaginationsprozessen sind die Geschichten entstanden, die Max und Friederike erleben.“
Mit Blick auf den Aspekt der "Verzweiflung": Gibt es irgendetwas, womit Sie sich die Qual am Schreibtisch versüßen können? Kaffee trinken, Schokolade essen, Rauchen?
Rosenstock: „Wein – ich trinke immer gerne einen guten Rotwein, der hat mich auch bei ,Gestern war morgen‘ beflügelt. Und Schokolade mag ich natürlich auch, am liebsten Zartbitter.“ (lacht)
Springer: „Tee! Ich trinke unglaublich viel Tee – am liebsten Earl Grey!“ (lacht)
Die Kapitel führen ja wirklich einmal quer durch die Geschichte, vom Aufstieg des Landes zum Königreich Bayern über Napoleon und dem Nationalsozialismus bis zur Gegenwart. Gab es ein Kapitel, das Ihnen besonders leicht gefallen ist?
Springer: (lacht) „Das Zukunftskapitel. Da ist alles drin: Romantik vor dem Hintergrund einer ziemlich düstere Horrorvision. Und aufwändig recherchieren musste man dafür auch nicht.“
Rosenstock (Foto): „Es gab auch eines, dass uns relativ schwer gefallen ist: das Kapitel über den Krieg rund um die Festung Marienberg in Würzburg; von diesem historischen Ereignis gab es zwar Bilder, aber wenig erzählte Geschichte, da war es nicht so einfach, sich in diese Zeit hineinzuversetzen, um für die Kinder und Jugendlichen den spannendsten Aspekt herauszuziehen. Aber ich glaube, es ist uns ganz gut gelungen.“
Geschichtsbücher für Jugendliche gibt es viele – was macht „Gestern war morgen“ besonders?
Rosenstock: „Das Buch ist ja eng mit der DVD verbunden, zu jedem Buchkapitel gibt es ein Hörspiel, oft einen eigenen Filmausschnitt, der auf die jeweilige Thematik abgestimmt ist. Die Kinder und Jugendlichen werden auf diese Weise regelrecht in den Stoff hineingezogen, erleben erlebte Geschichte mit allen Sinnen – ausgehend von der Tatsache, dass sich ,Gestern war morgen‘ auch gut im Schulunterricht einsetzen lässt, glaube ich, dass hierdurch das Lernen möglicherweise leichter fällt, als mit anderen Materialien.“
Springer: „Die besondere bayerisch-evangelische Perspektive. Und natürlich die Multimedia-DVD, die 'Kerygma' zum Buch produziert hat. Ein solches Paket, das Kirchen-, Religions- und damit letztlich 'Wertegeschichte' auf solche, also hoffentlich spannende Weise erzählt, gab es, glaube ich, bisher noch nicht.“
Herr Springer, Herr Rosenstock, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke


