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"Ich lese mir vorher nicht seine Akte durch"
Herr Grigoleit, wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Gefängnispfarrer aus?
Ralf Grigoleit: „Neben der Einzelseelsorge und Paargesprächen biete ich zweimal in der Woche Gesprächsgruppen für die Inhaftierten an: Am Freitagnachmittag den sogenannten ,offenen Kreis’, in dem die Teilnehmer die Themen, über die sie sprechen wollen, selbst vorgeben und am Samstagnachmittag einen ,Bibelgesprächskreis’, in dem wir gemeinsam Texte aus dem alten und dem neuen Testament lesen. Zusätzlich lade ich samstags und sonntags zu Gottesdiensten in den Ordenssaal oder die Anstaltskirche an.“
Welches Angebot nutzen die Inhaftierten am meisten?Ralf Grigoleit: „Den ,Offenen Kreis’. Die Teilnehmer haben hier am ausgeprägtesten Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen, sich gegenseitig zu ihren Werten und Überzeugungen zu befragen, es herrscht eine hohe Lebendigkeit. Der Wunsch nach der Beschäftigung mit der Bibel ist aber auch deutlich spürbar.“
Was ziehen die Inhaftierten aus der Beschäftigung mit der Bibel?Ralf Grigoleit: „Ich glaube, die Auseinandersetzung mit den doch irgendwie vertrauten Geschichten der Bibel fühlt sich für sie sehr nach Kindheit an. Es gibt ihnen etwas Vertrautes und strahlt einen gewissen Halt aus.“
Den Sie auch im Rahmen von gesonderten Gesprächsterminen versuchen, zu transportieren.Ralf Grigoleit: „Ja. Die Inhaftierten haben jederzeit die Möglichkeit, mit mir ein Vier-Augen-Gespräch zu vereinbaren. Ich komme sie dann in ihren Zellen oder Besprechungsräumen besuchen. Die Gespräche dauern zwischen 30 und 60 Minuten, und ich führe alle Gespräche unbegleitet, ohne dass ein Justizvollzugsbediensteter dabei wäre.“
Gab es da auch schon eine Situation, in der Sie Angst bekommen haben?Ralf Grigoleit: „Nein. Ich arbeite im Strafvollzug sicherlich in einer privilegierten Situation, da die Stellung als Seelsorge einen Vertrauensvorsprung gewährt. Die Inhaftierten sehen uns generell als mögliche Unterstützer an. Daher brauche ich bei der Begegnung mit den Inhaftierten auch keine Vorinformationen, sondern kann offen in die Gespräche gehen. Wenn ich einen Häftling treffe, dann lese ich mir vorher nicht seine Akte durch, informiere mich also nicht im Vorfeld darüber, weshalb dieser Mensch eine Zeit in der JVA einsitzen muss, was er sich hat zuschulden kommen lassen. Das erleichtert die Begegnung und die Kontaktaufnahme sehr.“
Wie gestalten Sie diese Begegnung dann konkret?
Ralf Grigoleit: „Die Menschen, die in der JVA einsitzen, erleben sich einer öffentlichen Kritik ausgesetzt, die sie in eine Verteidigungshaltung zwingt, was ja stets Gesprächssituationen beschwert. Ich versuche, dem Inhaftierten erstmal zu vermitteln, dass ich seinen Fragen und Problemen zuhören kann. Und das ich mit ihm die Schmerzen aushalte, die durch die Inhaftierung sein Leben beschweren, etwa den Schmerz und die Unruhe darüber, an einem Ort festzusitzen und nicht in Freiheit zu sein. Indem ich ihm Raum gebe, darüber reden zu können. Dadurch, dass ich da bin und ihm erstmal nur zuhöre. Dass ich vermittele: ,ich sehe deine Not, ich fühle mit.’ Dabei darf der Mensch soviel erzählen, wie er möchte und er darf erzählen, wonach ihm ist. Ich bin da und höre zu. Wenn ich merke, dass das erste drängende Mitteilungsbedürfnis quasi ausgesprochen ist, überlege ich zusammen mit dem Gefangenen: ,Wie kannst du mit der Erfahrung der Demütigung deines Lebens durch andere (indem du hier einsitzen musst) dennoch deinen eigenen Weg finden und gehen?’
Ralf Grigoleit: „Das verstehe ich gut. Dennoch denke ich, dass wir nur dann einen Zugang zu unserer Schuld finden, wenn wir entdecken, dass wir andere Möglichkeiten zu Handeln haben und hatten, also auch einen Zugang zu unseren Stärken. Und nur, wer die eigenen Schmerzen wahrnimmt, kann auch über die Schmerzen anderer Menschen, die er ausgelöst hat, existentiell nachdenken und den Wunsch entwickeln, alternative Handlungsweisen zu entwickeln. Dies wird ja auch mit dem Wunsch nach einer Therapie umschrieben. Als Seelsorge möchte ich diesen Wunsch bei den Inhaftierten Menschen selbst entwickeln helfen. Dazu gehört, dazu beizutragen, dass der andere nicht verbittert, sondern ermutigt wird. Dass er – theologisch ausgedrückt – die Spur Gottes in seinem Leben findet, die durch dunkle Täler führt, durch die eigene Schuld in ein versöhnteres Leben, durch die Inhaftierung in ein gelingendes Leben. Dass er sein Leben innerhalb des Ausschnitts seiner momentanen Situation reflektiert, sich damit auseinandersetzt, wie die Inhaftierung für ihn zu dem Sinn seines Leben gehört. Welche Perspektiven, Wünsche er hat, wie er Würde, Verletzbarkeit, Gemeinschaftsfähigkeit definiert und lebendig gestaltet. Oft geht es dabei weniger darum zu gucken, was fehlt, sondern wo ein Zuviel war im Leben.“
Wie meinen Sie das?Ralf Grigoleit: „Der Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace erzählt eindrucksvoll wie nahezu alle handelnden und beschriebenen Personen von etwas angetrieben werden, was außerhalb ihrer liegt: Erfolg, Anerkennung, die Aufmerksamkeit der Eltern, der Peer-Group. Und dafür sind alle bereit, sich selbst oder andere zu verletzen, zu betrügen, zu täuschen mit Hilfe von Drogen (zu Aufputschen im Wettkampf mit anderen, zum Abdunkeln der realen, schmerzhaften Welt), Machtspielen und sozialen Anpassungsleistungen. Das sehe ich auch bei vielen Inhaftierten und ihren Geschichten, die andere verletzten, um dem eigenen Ziel näher kommen zu wollen, ohne die Folgekosten zu berechnen und zu berücksichtigen.“
Mit welchen Gefühlen und Gedanken kommen die Gefangenen um einen Jahreswechsel herum zu Ihnen?Ralf Grigoleit: „Der Bedarf an Gesprächen ist um den Jahreswechsel herum größer, als zu anderen Zeitpunkten des Jahres. Natürlich deshalb, weil den Menschen durch dieses spezielle Datum vor Augen tritt, dass sie auf der Stelle treten und dass Ihnen, wenn es nicht das Jahr der voraussichtlichen Entlassung ist, ein weiteres Jahr in der JVA bevorsteht. Ich suche dann mit ihnen eine Antwort auf folgende Frage zu finden: ,Warum beschäftigt dich die Not, die aus dem kommenden Jahr entgegenschaut gerade jetzt? Und um welche Not handelt es sich da genau?’ Oftmals steckt dahinter die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, mit der sich die Inhaftierten anhand der Zählbarkeit der Jahre konfrontiert sehen. Sie fragen sich: ,werde ich meine Eltern noch mal wieder sehen? Meine Eltern sind jetzt 86 und 82 – werden sie noch leben, wenn ich erst in einem Jahr die JVA verlassen kann? Und was ist, wenn ich vor ihnen sterbe, während ich hier bin? Wird mir ein weiteres Jahr Zeit in Freiheit geraubt werden? Wie helfe ich mir in dieser Not?’
Wie hilft man sich da?
Ralf Grigoleit: „Ich versuche, mit dem Gefangenen nicht auf eine Lösung des ,großen Ganzen’ zu gucken, sondern auf Zwischenziele, mit denen er seinen Augenblick aufhellen kann. Etwa, wenn ihm die Zeit vertrödelt erscheint: ,Welche Ausbildung könnten Sie im nächsten Jahr innerhalb der JVA machen? Welche Sprache könnten Sie lernen? Welche Kontakte könnten Sie zur Außenwelt aufnehmen und wie könnten Sie diese gestalten, damit sie Ihr Herz erleichtern? Sie sagen, Ihnen würde kaum noch jemand schreiben – haben Sie denn schon mal jemanden geschrieben? Sie sagen, Ihre Mutter würde Sie gar nicht mehr besuchen, weil sie böse auf Sie wäre aufgrund der momentanen Situation, aber vielleicht ist das nur in Ihrer Vorstellung so – vielleicht würde sie sich über einen Besuch bei Ihnen freuen und wartet auf Ihre Einladung? Welche kleinen Schritte können Sie gehen, um ein größeres Ziel zu erreichen, um Ihre Situation zu öffnen und zu verändern?’ Solche und ähnliche Gedanken wende ich dann mit den Inhaftierten hin und her.“
Was hat Sie persönlich an der Gefängnisseelsorge gereizt?
Ralf Grigoleit: „Mein Großvater war Bauer in Ostpreußen und hatte während des Dritten Reiches einen Mann polnischer Abstammung politisch denunziert, so dass er wohl von der SA hingerichtet wurde. Diese Geschichte geisterte auch durch unsere Familie und wurde immer wieder diskutiert, gerade auch weil er zu dieser Schuld nicht stehen wollte. Ich lebte mit ihm unter einem Dach und war beunruhigt darüber, dass er starrsinnig an seinen nationalsozialistischen Überzeugungen festhielt und gleichzeitig zu dieser Geschichte schwieg. Mich bewegte dieser tiefe Bruch durch meine Jugend, da eine persönliche Beziehung mit zu diesem Mann, mit dem ich lebte, nicht möglich war. Dies ließ mich auch in der Theologie danach fahnden, wie von Versöhnung geredet werden kann, wenn Schuld nicht eingesehen wird. Ich fand es damals schon spannend, herauszufinden, wie man mit Schuld und Zuweisung von Schuld anders umgehen kann, als nur recht zu bekommen, sondern richtig zu leben. Wie man Klarheit über die Schuld gewinnt, ohne in ein Schwarz-Weiß-Muster von guten und bösen Menschen stecken zu bleiben. Wie man sich von diesem sehr hemmenden Muster zu einer freieren Entfaltung seiner Persönlichkeit lösen kann. Darauf habe ich bis heute keine allumfassende Antwort gefunden. Aber ich bin immerhin aktiv auf der Suche.“
Herr Grigoleit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke

