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"Ich erfahre mehr über das Leben, als über den Tod"

Herr Roser, zusammen mit Ihrem Kollegen, dem katholischen Arzt und Theologen Eckhard Frick, bekleiden Sie die europaweit erste „Professur für Spiritual Care“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Welche Bedeutung hat „Spiritual Care“ für die Palliativmedizin bzw. die Hospizarbeit?
Traugott Roser: „Spiritual Care gehört schon zum Konzept der Begründerin der modernen Hospizbewegung und Paalitaivmedizin, der zwischen 1918 und 2005 lebenden Dame Cicely Saunders, einer englischen Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester. Die Medizin folgt dem Prinzip, dass nicht nur der körperliche Zustand eines todkranken/sterbenden Menschen berücksichtigt werden muss, sondern er in seiner Ganzheit mit sämtlichen physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen Beachtung findet – denn nur ein Ansatz zur Betreuung, der ihn in dieser Ganzheitlichkeit betrachtet, kann ihm eine echte Hilfestellung leisten, wenn sein Leben zu Ende geht.“

Warum?
Roser:
„Es konnte in vielen Studien nachgewiesen werden, dass Patienten mit einer schweren Erkrankung über spirituelle Fragen sprechen möchten, nicht zuletzt auch mit Seelsorgern, da sie sich erst dann als ,ganze Menschen‘ gesehen und gewürdigt fühlen.“

Welche spirituellen Fragen sind das?
Roser: „Fragen, in denen es um das Sein geht, um die nackte Existenz als der Mensch, der man ist. Wenn ein Mensch stirbt, befindet er sich zum Beispiel in dem Geflecht der Beziehungen zu den ihm nahestehenden Menschen. Dann  will er wissen, ,was wird aus denen, die mir wichtig sind, wenn ich nicht mehr da bin? Was wird aus meinen Kindern? Was wird aus meinen noch lebenden Eltern?‘ Er möchte diese Menschen segnend hinterlassen wissen.“

Welche Fragen beschäftigen ihn noch?
Roser: „Er – oder sie – möchte Antworten finden auf die Frage, was ihn in seiner Existenz ausgemacht hat. ,Was bleibt von mir?‘ – eine Auseinandersetzung mit diesem Thema ist für sterbende Menschen sehr hilfreich. Eine Rückschau zu halten auf sein Leben, sowohl eine positive als auch eine negative.“

Warum ist das hilfreich?
Roser: „Es holt den Moment des Sterbens in das Leben, das eigene Leben hinein. Der Tod ist plötzlich keine abstrakte Größe mehr, die durch ihre Gesichtslosigkeit Angst einflößt. Sondern das Sterben wird zu etwas ganz Individuellem, da jeder Mensch einzigartig ist und seine ganz eigene Geschichte hat. Mit dem Sterben geht ein unverwechselbares, individuelles Leben zu Ende, da ist es wichtig, Bilanz zu ziehen. Dem Moment des Todes wird so eine menschliche Individualität und die nötige Würde gegeben.“

Warum hilft eine solche Herangehensweise noch?
Roser: „Schon die Bibel berichtet, dass zum guten Sterben Lebenszufriedenheit gehört. Abraham war alt und  lebenssatt. Es fällt leichter, das eigene Ende anzunehmen, wenn man sich so konstruktiv und wertschätzend damit auseinander setzen kann.“

Als Seelsorger leisten Sie solche spirituellen Gespräche mit sterbenden Menschen auch ganz praktisch, bestimmt ist das oft sehr schwer. Wie schaffen Sie das?
Roser: „Man muss sich mit seinen eigenen Geistern auseinander gesetzt haben. Keiner kann sich davon frei sprechen, dass das Ganze auch ein Stück weit Angst bereitet. Aber ich erfahre in meiner Arbeit mehr über das Leben als über den Tod – eben weil mir die Menschen in einer ganz dichten Konzentration von ihrem Leben erzählen, und da ist absolut nicht immer nur Belastendes dabei, sondern oft auch Beglückendes, Wunderbares. Ich empfinde das als einen großen Reichtum.“

Herr Roser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke

Zur Person: Traugott Roser, 46, ist evangelischer Theologe und hat sich über das Fachgebiet „Spiritual Care“ an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München habilitiert. Er ist seit vielen Jahren in der Krankenhausseelsorge mit den Schwerpunkten Palliativmedizin und Kinderpalliativmedizin tätig und hat mehrere wissenschaftliche Arbeiten auf diesen Gebieten veröffentlicht. Seit April 2010 besetzt er gemeinsam mit seinem Kollegen, dem katholischen Theologen Eckhard Frick, die „Erste Professur für Spiritual Care“ am Lehrstuhl für Palliativmedizin der  LMU München. Die Stiftungsprofessur ist auf fünf Jahre begrenzt und Bindeglied eines Netzwerkes zwischen dem Lehrstuhl für Palliativmedizin sowie dem Lehrstuhl für Kinderpalliativmedizin (beide an der LMU) und der „Professur für soziale Arbeit in der Palliativmedizin“ an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München.

Informationen zum Thema Hospizarbeit finden Sie auch auf den Seiten der Diakonie Bayern!

Informationen zum Thema Hospizarbeit finden Sie auch auf den Seiten der Evangelischen Stiftung Hospiz!

Informationen zum Thema Hospizarbeit finden Sie auch auf unseren Seiten!