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"Ich bin eine, die die Tür aufhält"
Frau Zeidler, die Kircheneintrittsstelle in München besteht seit dem Jahr 2008. Wie sieht ihre Bestandsaufnahme im Rückblick auf die vergangenen zwei Jahre aus?
Sandra Zeidler: „Wir haben eine kleine Erfolgsgeschichte geschrieben. Seit Mai 2008 sind 350 Menschen (wieder) eingetreten, es gab also praktisch jeden zweiten Tag einen (Wieder-)Eintritt. Natürlich sind die Austrittszahlen im Vergleich nach wie vor viel höher, in München liegen sie im vierstelligen Bereich. Aber dennoch gab es keine ,saure-Gurken-Zeit‘ bei uns, sondern einen kleinen, aber stetigen Strom an Menschen, der gerne wieder dazugehören will.“
Was ist Ihnen in der Begegnung mit den Menschen, die Sie als Ansprechpartnerin für den (Wieder-)Eintritt in die Kirche aufsuchen wichtig?
Zeidler: „Diese Begegnung ohne große Hürden zu gestalten, also so niederschwellig wie nur irgend möglich. Manche Menschen haben Angst, dass sie wegen ihres Austritts irgendwie schief angeschaut werden. Dass sie vielleicht erst eine Prüfung bestehen müssen, um wieder in die Kirche aufgenommen zu werden. Dies alles versuche ich zu thematisieren, den Menschen ihre Bedenken zu nehmen. Es soll eine Begegnung auf Augenhöhe werden."
Wie gestalten Sie diese ganz konkret?
Zeidler: „Ich sage dem anderen: ,Ich bin da, ich bin offen, ich habe Zeit.‘ Ich frage nach den Motiven für den einstmaligen Austritt…“
Warum?
Zeidler: „Nicht um zu urteilen. Sondern weil ich den Menschen kennen lernen will, so gut, wie das in der Kürze der Begegnung möglich ist. Ich bin einfach interessiert daran: Was ist in seiner Lebensgeschichte passiert? Wie hat sich diese Lebensgeschichte entwickelt, dass der Mensch wieder zurückfindet zur Kirche, das ist doch spannend. Ich habe Respekt vor den Gründen, die er seinerzeit für seinen Austritt hatte, und diesen Respekt will ich gerne authentisch zeigen, und das kann ich nur, wenn ich den anderen kennen lerne, soweit, wie er auch Lust darauf hat. Auf der anderen Seite kriegt mein Gegenüber sich auf dem Weg einer solchen Bilanz auch noch einmal selbst klar, was sicher auch noch einmal gut tut.“
Man könnte Sie als ,Repräsentantin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern‘ bezeichnen, aber das klingt vielleicht für viele sperrig und abschreckend. Wie kann man Ihre Rolle griffiger beschreiben?
Zeidler: „Ich bin eine, die die Tür aufhält. Die niemanden drängt, durch diese Tür durch zu gehen. Aber die sie aufhält.“
Hat bei Ihnen schon einmal ein Zweifler angeklopft? Einer, der mit dem Gedanken spielt, wieder einzutreten, aber noch starke Bedenken hat und über diese Bedenken einfach nur reden will?
Zeidler: „Seit unserem Bestehen waren das zwei von den genannten 350 Personen. Die meisten, die hierher kommen, sind fest entschlossen.“
Bleiben wir trotzdem mal bei den Zweiflern: Wie überzeugen Sie die, wieder einzutreten?
Zeidler: „Das Überzeugen steht nicht an erster Stelle. Das muss jeder selbst entscheiden. Ich bin dazu da, ihnen zuzuhören, sie zu fragen: ,Was gibt es für Fragen‘? Ich bin dazu da, sie ernst zu nehmen, mit ihnen zu sprechen, mit ihnen Wege zu überlegen, wie sie sich ein Bild von Kirche, von ihrer Gemeinde machen können, wenn sie Zweifel an ihrem Wiedereintritt haben – zu welchen Veranstaltungen, Kreisen sie da gehen können.“
Inwieweit berührt Sie Ihre Arbeit persönlich?
Zeidler: „Ich bin berührt davon, dass die Menschen sehr offen zu mir sind, dass sie mir Teile ihrer Lebensgeschichte erzählen, die sie dazu bewogen haben, wieder einzutreten. Ein Mann erzählte von einem Freund, der bei einem Skiunfall ums Leben kam; in seiner Not ist der Mann zu einem Seelsorger vor Ort gegangen und der hat ihn so toll begleitet, dass er sich daraufhin wieder zum Eintritt entschloss. Eine andere Frau war durch ihren Mann ausgetreten, doch nun stand die Scheidung an und sie wollte einen bewussten Neuanfang: auch in Form des Wiedereintritts. Oder letzte Woche: Eine Ärztin, die in den siebziger Jahren ausgetreten war, berichtete von den Kontakt zu ihren Enkelkindern; beim gemeinsamen Singen eines Gute-Nacht-Liedes habe sie den Zugang zu ihrer Kindheit wieder gespürt, in der Kirche einmal sehr wichtig für sie war – und sich daraufhin wieder zum Eintritt entschlossen.“
Inwieweit kann Kirche den Menschen Heimat und Halt sein?
Zeidler: „Ganz wichtig ist da einfach die Kirche als Gebäude. Zu wissen, da ist ein Haus, da kann ich reingehen, da ist Ruhe. Da saßen schon ganze Generationen vor mir drin und haben gesungen und gebetet auf den Kirchenbänken. Unterschätzen darf man auch nicht die kleinen persönlichen Kontakte, Gesten und Begegnungen. Die großen Events sind gar nicht so wichtig, es sind die kleinen Dinge, die nachhaltig berühren. Der Willkommensbrief vom Pfarrer zum Beispiel, nachdem man wieder eingetreten ist, dieses Gefühl, da nimmt mich jemand wahr, auch wenn der mich gar nicht kennt. Die kleinen Berührungspunkte geben einem das Gefühl, das die meisten nach ihrem einstmaligen Austritt vermisst haben: irgendwie dazuzugehören.“
Frau Zeidler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke
Weitere Informationen zum Thema Kircheneintritt finden Sie auch auf unseren Seiten, sowie bei der Münchner Kircheneintrittsstelle!

