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"Gottes Vertrauen nicht missbrauchen"

Herr Dr. Schürger, der „Tag der Erde“ soll die Menschen dazu ermuntern, die Art ihres Konsumverhalten und ihr Verhältnis zur Umwelt zu überdenken, ihr Bewusstsein dafür einmal mehr zu schärfen – mit Blick auf den Klimawandel wichtiger denn je. Andererseits nutzt ein einzelner Aktionstag wie dieser natürlich rein gar nichts, wenn man anschließend wieder in nächlässigen Alltagstrott verfällt: eine leider häufige klassische Folge von klassischen Aktionstagen. Wie bewerten Sie diese Problematik?

Dr. Wolfgang Schürger: Der ,Tag der Erde' macht natürlich schon Sinn, das ist ein wichtiges Zeichen. Wir sollten aber bitte nicht den Fehler machen und diesen Tag als Einzelgelegenheit für umsichtig-umweltbewusstes Verhalten verstehen. So ein ,Gedenk'-Tag ist nur sinnvoll, wenn er wirklich zu Denken gibt und nachhaltig zu einer Verhaltensänderung führt. Es braucht dauerhafte Veränderungen, wenn wir so leben wollen, dass wir ,die Schöpfung bewahren' - besser, als in der Vergangenheit. Dann müssen wir zum Beispiel täglich überlegen: Wie viel der vorhandenen Ressourcen benötigen wir wirklich, um nachhaltig zu leben, den Alltag effektiv zu gestalten? Nehmen wir nur das Beispiel der Stand-by-Schaltung: Wenn wir konsequent auf Stand-by-Schaltungen bei technischen Geräten verzichten, würden bundesweit ein bis zwei Atomkraftwerke überflüssig – das muss man sich mal klar machen!

Wenn die Umwelt verrückt spielt in Form von Naturkatastrophen, neigen manche Menschen dazu, Gott dafür verantwortlich zu machen. Warum ist es belastend, so zu denken?

Schürger: Paul Tillich, einer der interessantesten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts hat gesagt: ,Gott ist der Grund des Seins'. Wenn wir uns zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde bekennen, dann glauben wir daran, dass er alles Leben in seiner Hand hält. Das heißt, Gott macht sich selbstverständlich für die Umwelt stark, er hat aber auch dem Menschen die Freiheit gegeben. Und der Mensch ist in seiner menschlichen Freiheit fehlbar und somit in der Lage, der Umwelt Schaden zuzufügen. Die Frage wäre also nicht, inwieweit Gott Einfluss auf die Umwelt hat, sondern, inwieweit der Mensch bereit ist, sich seine menschliche Fehlbarkeit einzugestehen. Das Eingestehen dieser Fehlbarkeit wäre die Voraussetzung dafür, um anschließend verantwortungsvoll mit ihr umzugehen – und der Umwelt bewusster zu begegnen.

 Bei der diesjährigen Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche, die erst kürzlich in Bad Windsheim stattfand und an der auch Sie teilgenommen haben, stand das Thema Klimaschutz und Klimawandel im Focus der Sitzungen...

Schürger: … und wir haben uns dabei nicht nur theoretisch mit diesem Thema beschäftigt, sondern auch praktisch! Die Landessynode wird zum Beispiel in den nächsten Jahren regelmäßig ihre Co2-Bilanz überprüfen und verbessern. Wir rechnen also nach: wie sind die Teilnehmer angereisst? Wie können wir die Verbräuche von Heizung, Lüftung, Beleuchtung im Kongresszentrum umweltbewusst steuern, wie können wir die Energieverbräuche in den Hotels und den Materialverbrauch der Synode senken? Es wäre schön, wenn zum Beispiel jede Kirchengemeinde sich diesem Vorgehen anschließen würde.

Welche Hilfe könnte sie dafür in Anspruch nehmen?

Schürger: Die Gemeinde könnte sich zum Beispiel dazu entschließen, das Umweltmanagement ,Grüner Gockel' zu nutzen (Infos im Internet unter www.gruener-gockel.de, Anmerkung der Redaktion): In der Gemeinde kümmert sich dann ein Umweltteam regelmäßig darum, eine Umweltbilanz zu erstellen und dem Kirchenvorstand Verbesserungsvorschläge zu machen.

Was tun Sie ganz persönlich, um sich für die Umwelt einzusetzen?

Schürger: Ich nutze konsequent öffentliche Verkehrsmittel, vermeide konsequent Stand-by-Schaltungen und habe darauf geachtet, in eine Neubauwohnung zu ziehen, die super isoliert ist. Das minimiert den Co2-Ausstoß – und die Heizkosten. Wir sollten den ,Tag der Erde' wirklich nutzen, um uns klarzumachen: Wir berauben uns unserer Lebensgrundlage, wenn wir so weitermachen wie bisher, wenn wir unseren Lebensstil nicht entscheidend verändern. Gott hat uns den Auftrag zu geben, unsere Erde zu bewahren, gut mit ihr umzugehen. Das ist ein hohes Vertrauen, das Gott da in uns gesetzt hat. Wir sollten dieses Vertrauen nicht missbrauchen.
                                                                                                                                                 

Interview: Almut Steinecke