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"Falsche Begehrlichkeiten vermeiden"
„Schrecklich mutet die Vorstellung an, im Jahr 2015, wenn Adolf Hitlers Urheberrecht auf seinen Bestseller »Mein Kampf« und somit auf die vom Freistaat Bayern untersagten Nachdrucke erlöschen, lägen in Bahnhofsbuchhandlungen und bei Sortimentern ganze Stapel eines neuen Paperbacks auf: Adolf Hitler ,Mein Kampf‘.“ Mit diesen Worten steigt Professor Christoph Lindenmeyer in sein „nachrichten“- Essay „Hitlers ,Mein Kampf‘: neuer Profit nach 85 Jahren?‘ ein. In der aktuellen Ausgabe des Nachrichten-Magazins der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern beschäftigt sich der Professor und Koordinator für kulturelle Beziehungen und Projekte in der Hörfunkredaktion des Bayerischen Rundfunks mit dem staatlich verwalteten Copyright von Hitlers Propaganda-Pamphlets, das im Jahr 2010 erlischt. Denn was passiert dann?
„Hitlers Urheberrecht hatte die Bayerische Staatsregierung für sich reklamiert, um die Schreckensschrift jeder missbräuchlichen und unkommentierten Veröffentlichung vorzuenthalten“, erläutert Lindenmeyer. „Das freistaatliche Veto selbst zu einer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte für das Erscheinungsdatum 2015 geplanten, wissenschaftlich kommentierten neuen Ausgabe von Hitlers ,Mein Kampf‘ besteht bis heute. Auch eine Debatte im Bayerischen Landtag (der epd berichtete) dokumentiert die unvereinbaren Positionen zu einer neuen Edition.“
Offensive Auseinandersetzung ist gefragt
Es sei unverantwortlich, Nachdrucke von NS-Propagandamaterial für den freien Markt zuzulassen, so habe auch der Überlebende des Konzentrationslagers Dachau und unermüdliche Zeitzeuge Max Mannheimer gewarnt, „angesichts immer häufiger auf dem Markt angebotener Reprints von Nazi-Propaganda in Presse und Buch“, so Lindenmeyer; allein Historiker wie Peter Longerich (London) und der Medienpsychologe Roland Mangold (Stuttgart) hätten dem widersprochen, auf die Relevanz neuer Einsichten durch die Kenntnis der Originaltexte hingewiesen und darauf gesetzt, dass ,Aufklärung besser als Verbote‘ sei.
Lindenmeyer wendet das Für und Wider eines „beginnenden neuen Historikerstreits“ hin und her, vor allem angesichts der Übermacht des Internets, in welchem ohnehin immer wieder Zitate und Textstellen anonymer Anbieter auftauchen; er warnt davor, durch „falsche Tabuisierungen falsche Begehrlichkeiten bei politisch Naiven oder Verführen“ zu wecken. „Denn“, so Lindenmeyer, „für Aufklärung gibt es keine Alternative“. Entsprechend seien „nicht Ablagerung, nicht Entsorgung von Hitlers ,Mein Kampf‘“ gefragt, „sondern die offensive Auseinandersetzung mit einem Text, der fast wie eine Regieanweisung die Hölle auf Erden beschwor, die sich dann im vollen Inferno auch ereignete“.

