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Dienst am Menschen

(c) Diakonie Bayern

Frau Auernhammer, inwieweit kann sich die Diakonie Bayern für die Absolvierung eines Freiwilligen Sozialen Jahres bzw. das Ableiten des Zivildienstes als Institution positionieren, unter deren Dach sozial eingestellte Jugendliche besonders viel lernen können - was bieten Sie Zivildienstleistenden oder FSJlern, das diese woanders nicht geboten bekommen?
Auernhammer: "Wenn wir Diakonie als einen eng mit der evangelischen Kirche verbundenen beziehungsweise zur evangelischen Kirche gehörenden Bereich verstehen, dann hat sie eine wesentliche und maßgebliche Position und zwar bereits seit über 50 Jahren. Das Diakonische Jahr, aus dem sich das Freiwillige Soziale Jahr als gesetzlich geregelter Freiwilligendienst entwickelte, entstand 1954 im Diakoniewerk Neuendettelsau. Das Diakoniewerk Neuendettelsau ist auch einer der acht in der Evangelischen Landesarbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen FSJ-Träger. Sowohl in der Arbeitsgemeinschaft als auch innerhalb der Träger arbeiten Einrichtungen der Diakonie und der verfassten Kirche eng und erfolgreich zusammen."

Woraus resultiert da der Vorteil für die Freiwilligen?
Auernhammer: "So werden viele diakonische Einrichtungen und vor allem die darin tätigen Freiwilligen von den beiden strukturell in das Evangelische Jugendwerk München beziehungsweise Nürnberg eingebundenen und als FSJ-Süd beziehungsweise FSJ-Nord bekannten FSJ-Zentralstellen betreut. Gerade diese Verbindung der Bereiche und Strukturen bietet den sozial eingestellten Jugendlichen die Möglichkeit, Diakonie und Kirche hautnah zu erleben. Sie bietet aber auch den kirchlichen und diakonischen Einrichtungen die Möglichkeit, sich jungen Menschen als Lern- und Arbeitsfeld erfahrbar zu machen – in den Einsatzstellen vor Ort und in den Begleitseminaren."

Wie sehen die aus?
Auernhammer: "Die den Einsatz begleitenden fünf übers Jahr verteilten Bildungswochen dienen dem Erfahrungsaustausch, der persönlichen und beruflichen Lebensplanung sowie der persönlichen und sozialen Bildung und Kompetenzentwicklung. Selbstverständlich hat die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit Glaubensfragen und Werten in den Seminaren, die von evangelischen Trägern durchgeführt werden, einen viel höheren Stellenwert als bei den meisten anderen Trägern. Auch Themen und Initiativen wie Friedens- und Versöhnungsarbeit oder entwicklungspolitische Fragen, die in der evangelischen Jugend und Kirche einen hohen Stellenwert einnehmen, sind in den Seminaren evangelischer Träger wesentlich präsenter als bei anderen Trägern."

Inwiefern kann eine soziale Tätigkeit, ganz allgemein gesprochen, die Seele Jugendlicher nachhaltiger bereichern als der Dienst an der Waffe?
Auernhammer: "Schon allein das jeweilige Umfeld, das ja viel stärker auf Gemüt und Seele einwirkt als wir oft wahrhaben wollen, ist völlig unterschiedlich. In einer Kaserne herrscht eine völlig andere Atmosphäre als im Krankenhaus oder Altenheim. Macht und Stärke als Basis militärischer Einrichtungen – menschliche Bedürfnisse, Hilfsbedürftigkeit und Zuwendung als Grundlage sozialer Einrichtungen. Soziales Engagement heißt Einbeziehen und Helfen, Militär heißt angreifen bzw. abwehren. So möchte ich den populären Slogan aus der Friedensbewegung ,Schwerter zu Pflugscharen', der ja aus dem alten Testament stammt (Micha 4,3) aktualisieren in ,Gewehre zu Pflegehilfsmitteln' und ,Panzer zu Rollstühlen'."

Worin unterscheidet sich das FSJ als Bildungs- und Orientierungsjahr vom Zivildienst?
Auernhammer:  "Ungeachtet dessen, dass sicherlich viele konkrete Tätigkeiten gleich sind, besteht zwischen Zivildienst einerseits und Freiwilligendienst andererseits ein fundamentaler Unterschied in der Zielsetzung. Zivildienst ist ein Pflichtdienst, der auf der Frage aufbaut, was die Gesellschaft braucht. Wo besteht Bedarf, der durch den Einsatz von jungen Menschen abgedeckt werden kann? Ausgangsfrage für den Einsatz im Freiwilligendienst sind die jungen Menschen. Wo können sie ihr Engagement fruchtbar werden lassen, was dient gleichermaßen ihrer Entwicklung und der Gesellschaft? Mit Blick auf die Motivation kann davon ausgegangen werden, dass Freiwillige Motivation und Einsatzfreude mitbringen, auf die aufgebaut werden kann, die weiter entwickelt werden können. Beim Pflichtdienst können sich Motivation und Einsatzfreude entwickeln oder auch nicht."

Welche Unterschiede gibt es noch?
Auernhammer: "Wesentlicher Unterschied sind auch die pädagogische Begleitung und die bereits erwähnten Bildungsseminare. In ihnen geht es ganz explizit auch darum, was der junge Mensch in seinem Freiwilligendienst lernen und erreichen will – für sich persönlich, fachlich in der Einsatzstelle etc. Sie ermöglichen in besonderer Weise soziales Lernen und bewusste und reflektierte Erfahrungen. Die im FSJ gesetzlich vorgeschriebenen fünfundzwanzig Seminartage bzw. fünf Seminarwochen pro Jahr sind sowohl quantitativ als auch qualitativ viel stärker an den Bedürfnissen und Lernerfordernissen der jungen Menschen ausgelegt als dies üblicherweise bei den Begleitseminaren des Zivildienstes der Fall ist. Aus gesellschaftlicher Sicht besteht ein fundamentaler Unterschied darin, welche Signale junge Menschen wahrnehmen. Angebote für ein freiwilliges Engagement stärken das Bewusstsein junger Menschen für die Zivilgesellschaft sicherlich wesentlich nachhaltiger als ein Zwang zum Ableisten eines Pflichtdienstes."

Was würden Sie persönlich Jugendlichen denn eher empfehlen: ein FSJ oder Zivildienst?
Auernhammer: "Dies hängt von den Voraussetzungen, Zielen und Interessen des jungen Mannes ab. Wenn er vor allem an neuen Erfahrungen, an sozialem Lernen, an Anregungen und Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung interessiert ist, dann ist ein FSJ auf jeden Fall die bessere Wahl. Junge Männer, die fest im Beruf stehen und für die es darum geht, die Zivildienstpflicht möglichst rasch zu erfüllen, für die ist der Zivildienst die bessere Wahl. Wer jedoch bereits von vorneherein über eine freiwillige Verlängerung des Zivildienstes nachdenkt, sollte sich gleich für einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst entscheiden."

Welche Erfahrungen machen Sie mit den sich freiwillig sozial engagierenden Jugendlichen? Wollen die nur ein Jahr "rumkriegen", oder hängen die sich richtig rein?
Auernhammer: "Die meisten hängen sich tatsächlich richtig rein. Auch und gerade dann, weil und wenn sie dies nicht nur aus altruistischen Motiven des Helfen-Wollens tun, sondern auch für sich selbst etwas gewinnen wollen: Orientierung, Unterstützung bei der Zukunftsplanung, sich ausprobieren etc.

Inwieweit ist das Ableisten sozialer Dienste eine gute Vorbereitung auf das spätere Berufsleben? Glauben Sie, dass hierdurch die Ausarbeitung sogenannter Soft Skills (soziale Kompetenzen) gefördert wird?
Auernhammer: "Eindeutig ja. Ein Freiwilligendienst ist eine hervorragende Möglichkeit der Vorbereitung und des Übergangs ins Berufsleben. Sei es das Kennen- und Beachtenlernen von Rahmenbedingungen des modernen Arbeitslebens, die praktische Anwendung von Arbeitstugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit oder die Erfahrungen, in ein Team mit unterschiedlichen Aufgaben und Rollenanforderungen eingebunden zu sein. Das wird in der Schule nicht gelernt. Oftmals wird ein sozialer Freiwilligendienst auch als Vorpraktikum für eine Fachschule oder ein Studium anerkannt. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Möglichkeit, im Freiwilligendienst auszuprobieren,ob man/frau für ein bestimmtes Berufsfeld geeignet ist, und/oder Neigungen für bestimmte Arbeitsfelder zu entdecken. Viele Freiwillige können durch den Einsatz ihre Entscheidungen festigen. Andere entdecken im FSJ, dass ein sozialer Beruf genau das ist, was sie wollen und können. Ob sich jemand für das Berufsfeld begeistern kann oder nicht, hängt übrigens nicht nur von den jeweiligen Tätigkeiten ab, sondern sehr stark auch davon, wie Betriebsklima und Anleitung in der Einsatzstelle erlebt werden."

Frau Auernhammer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Interview: Almut Steinecke

Weitere Informationen zum Thema gibt es hier!