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Deutscher Stifterpreis 2010 geht an Jens Mittelsten Scheid

(c) www.anstiftung-ertomis.de

"Wir haben hinreichend Probleme - weltpolitisch und national", meint Scheid. Weil diese Probleme von Menschen gemacht seien, könne nur er sie lösen. Aus diesem Ansatz heraus gründete Scheid 1982 die "anstiftung" mit dem Ziel, Strukturen zu schaffen, die den Menschen dabei helfen, selbst tätig zu werden und damit sich und die Umwelt verändern. 1987 entstand das Münchner "HEi", das "Haus der Eigenarbeit": In drei, mittlerweile in sechs offenen Werkstätten können Interessierte Möbel bauen, Kleidungsstücke nähen, Kunstwerke schmieden oder einfach ihr Fahrrad reparieren und sich dabei von einer Fachkraft beraten lassen. Viele Menschen seien unsicher, wenn sie kämen, und würden dann sehen, was sie eigentlich alles könnten. "Sie werden ihr Werk nicht so schnell wieder wegwerfen, weil sie stolz sind auf ihre Leistung", so Scheid.

Jens Mittelsten Scheid ist nicht das erste und auch nicht das einzige Mitglied der Unternehmerdynastie "Vorwerk", das sich sozial in die
Gesellschaft einbringt: Seine Eltern gründeten die Stiftung "ertomis" mit Schwerpunkt auf NS-Forschung, Architektur und Medizin. Nach dem Tod seiner Eltern fusionierte Scheid "anstiftung" und "ertomis" zu einer deutschlandweit tätigen Stiftungsgemeinschaft mit dem Ziel, Menschen zu befähigen, ihre Kompetenzen zu entdecken und Räume zu schaffen, "in denen der Einzelne nicht nur sein Konto im Blick hat, sondern auch seine Nachbarn und seine eigene Kreativität", so Scheid.

"Vor der Integration muss ein Mensch Wurzeln schlagen"

Nach Ansicht des studierten Philosophen, Politologen und Soziologen besteht die Lösung der gegenwärtigen Probleme nicht in immer mehr Wachstum und Produktivität, sondern in der Entdeckung dessen, was den Wert gesellschaftlichen Lebens eigentlich ausmacht: in einem guten Leben jenseits des Marktes. In Räumen, in denen sich Familie und Beziehungen, neue Ideen und freiwilliges Engagement entfalten können.

Vielfalt ist das Anliegen der 2003 gegründeten "Stiftung Interkultur": In bundesweit rund 100 interkulturellen Gärten verbindet sie Menschen aus verschiedenen Kulturen durch Gartenbau, handwerkliche und umweltbildende Arbeiten. "Vor der Integration in eine neue Gesellschaft muss ein Mensch erst Wurzeln schlagen und sich wohlfühlen", sagt Jens Mittelsten Scheid. Oder das Projekt "Urbane Landwirtschaft": In München und anderen deutschen Städten wachsen auf Balkonen, auf Dach- und Abstandsflächen und auf städtischen Ackerflächen Gemüse und Obst. Die Ernte hilft den Menschen, sich selbst zu versorgen. Damit erleben sie, wie sich durch eigene Arbeit die Welt verändert.

"Konzepte, die Gestaltungsmöglichkeiten bieten"

Damit die Arbeit weitere Früchte trägt, wurde 2009 das "Netzwerk Wandelstiften" gegründet. Der Zusammenschluss von bisher 16 Stiftungen hat sich das Ziel gesetzt, "dem sozialen Wandel ein menschliches Gesicht zu geben". Außerhalb seiner Stifterarbeit engagiert sich Jens Mittelsten Scheid in einer langen Reihe weiterer Projekte auf den Gebieten Ökologie, Nachhaltigkeit und Kultur, darunter das Projekt "Start in die Sonnenenergiewirtschaft", die "Tutzinger Stiftung zur Förderung der Umweltbildung", das "Global Challenges Network", das Projekt "Rückenwind" der Evangelischen Kirche in Bayern, der Münchner Verein "Green City", die "Franz Marc Museumsgesellschaft", das Kinderkunstmuseum in Berlin und die Evangelische Akademie Tutzing. Wenn Scheid nicht gerade für eines dieser Projekte unterwegs ist, arbeitet auch er mit seinen eigenen Händen: auf seinem Bauernhof in den bayerischen Alpen.

Der Deutsche Stifterpreis wird 2010 zum zwölften Mal anlässlich des Deutschen Stiftungstags vergeben. Das Thema in diesem Jahr lautet "Stiftungen in der Stadt - Impulsgeber für das Gemeinwesen vor Ort". Was bedeutet der Preis für Jens Mittelsten Scheid? Einerseits freut er sich sehr, denn der Preis ist eine Gelegenheit, noch mehr Menschen für seine Anliegen zu erreichen. Andererseits betrachtet er sich nicht als Mann für die große Öffentlichkeit. Für die Findungskommission des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen steht fest, dass Scheid mit seinen Projekten zeigt, wie Stiftungen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können. In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft entwerfe er Konzepte, "die den Menschen Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten".

Info im Internet: www.anstiftung-ertomis.de

Text: Gisela Dürselen / epd