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"Den Brüchen des Lebens eine echte Heimat geben"
Einen besonders scharfen Blick "auf die entwurzelnden Wirkungen der Globalisierung" habe Libeskind durch seine Erfahrung der Heimatlosigkeit und Wanderschaft des jüdischen Volke, unterstrich Katrin Göring-Eckardt; die Räume des Architekten schafften "keine trügerische Harmonie", sondern würden den Brüchen des Lebens eine echte Heimat geben. Gerade bei seinen Plänen für das Bauwerk auf "Ground Zero" habe Libeskind die Bürgerinnen und Bürger in einer wohl einmaligen Weise in den Planungsprozess miteinbezogen, sagte Göring-Eckardt.
Der jüdische Präsident des Deutschen Koordinierungsrats der Christlich-Jüdischen Gesellschaften, Henry Brandt, hatte zuvor die "Woche der Brüderlichkeit" eröffnet, die in diesem Jahr unter dem Motto "Verlorene Maßstäbe" steht. In seiner Ansprache rief der Augsburger Rabbiner dazu auf, verlorene Maßstäbe wiederzufinden und zu erhalten. Dies sei eine Herausforderung, der man sich für die nächsten Generationen stellen müsse. "Dazu gibt es keine Alternative", sagte Brandt. Die aktuelle finanzielle und wirtschaftliche Krise seien "Symptome einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Malaise". Der Rabbiner appellierte, sich an Lehren und Grundsätze zu erinnern, die in Jahrtausenden gewachsen seien, wie Freiheit und Friedenswille. "Dies ist der Pulschlag der Menschheit - lebenserhaltend und lebensnotwendig".
"Verschüttet, verdeckt und unberücksichtigt"
"Von der ersten Minute seiner Regierungszeit an", sagte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in seinem Grußwort, "bin ich mit verlorenen Maßstäben konfrontiert worden." Er nannte die Finanzkrise und den Skandal um die Landesbank, Kindesmissbrauchsfälle und "überspitzte Satiredarstellungen". Die Maßstäbe seien aber nicht verloren, sondern "verschüttet und verdeckt und unberücksichtigt". Sie wieder sichtbar zu machen brauche es eine "gemeinsame Kraftanstrengung", sagte der Ministerpräsident. Der Blick auf die Geschichte zeige, dass es oftmals die Brüche seien, die einer Gesellschaft das rechte Maß zurückgeben könnten.
Einen Tag vor der Zentralen Eröffnungsfeier im Augsburger Stadttheater hatte am Samstagabend überdies die zentrale jüdisch-christliche Gemeinschaftsfeier zur "Woche der Brüderlichkeit" in einer Synagoge stattgefunden, unter anderem in Anwesenheit von Dr. Johannes Friedrich. In seiner Begrüßung sagte der bayerische evangelische Landesbischof, Christen und Juden müssten gemeinsam den Herausforderungen "einer immer a-religiöser werdenden Gesellschaft begegnen". Die Gesellschaft lasse die Maßstäbe und Werte, die auf der jüdisch-christlichen Tradition basierten, immer mehr außer Acht. "Oder konkret gesagt, wir missachten die Gebote Gottes", meinte Friedrich.
"Hybris und Selbstüberschätzung" kritisiert
Der Augsburger Rabbiner Brandt kritisierte im Übrigen auch "Hybris und Selbstüberschätzung": Die Devise von Toyota, "nichts ist unmöglich, ist gerade gescheitert". Dabei wolle er nicht Armut verherrlichen, sagte der Rabbiner, sondern daran erinnern, "dass uns Bescheidenheit und Demut anstehen. "Je mehr Besitz man hat, umso mehr Verantwortung hat man". Das sei "die mathematische Gleichung, mit der wir den Weg zu den verlorenen Maßstäben zurückfinden". Die Grundsätze für eine lebenswerte Existenz seien immer gleich. "Es gibt keine jüdischen oder christlichen Teillösungen", erklärte Brandt. Der katholische Bischof von Augsburg, Walter Mixa, nannte die "Woche der Brüderlichkeit", "ein Ausrufezeichen in unserer Zeit, der es mitunter das Maß verzieht". Juden und Christen müssten zusammenstehen. "Das sind wir uns als Geschwister schuldig", sagte Mixa.
Die "Woche der Brüderlichkeit" geht bis einschließlich Sonntag, 14. März. In mehreren Städten im Dreieck zwischen Nürnberg, Ansbach und Bamberg stehen verschiedenste Vorträge, Konzerte und Lesungen auf dem Programm. Das vollständige Programm finden Sie hier! Der Deutsche Koordinierungsrat der 83 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) verleiht seit 1968 die Buber-Rosenzweig-Medaille im Gedenken an die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig. Seit 1952 jedes Jahr im März veranstalten die christlich-jüdischen Gesellschaften in der Bundesrepublik Deutschland die "Woche der Brüderlichkeit", um zur Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden beizutragen. Weitere Informationen finden Sie auch auf unseren Seiten!

