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Den Blick schärfen für die Sehbehinderung

(c) www.dbsv.org

Das Kirchengebäude ist stark verschwommen, der Kirchturm reckt sich zittrig in den Himmel. Ein Teil der Kirche verschwindet unter einem runden grauen Fleck, der aussieht wie die Blüte einer Pusteblume: Er fasert nach allen Seiten aus, sein Kern jedoch bleibt undurchdringlich. Das unscharfe Gotteshaus hinter dem grauen runden Fleck ziert das Titelmotiv des "Aktionsleitfadens", den der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) herausgegeben hat - aktuell zum "Sehbehindertensonntag" am 6. Juni! Der Leitfaden ist für die Veranstalter gedacht, die am Sonntag, 6. Juni, um auf die Problematik der Sehbehinderung aufmerksam zu machen.

Denn diese lässt viele Menschen im Dunkeln tappen, beklagt Lothar Süß, Kirchenrat und Sehhindertenbeauftragter von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Das Tückische an der Sehbehinderung dieser Art und dieses Ausmaßes ist ihre Schwammigkeit. "Sehbehinderung beginnt ab einem Sehverlust von siebzig Prozent, der mit Sehhilfen nicht mehr auszugleichen ist", erklärt Lothar Süß. Sehbehindert ist deshalb aber noch lange nicht mit Blindheit gleichzusetzen, unterstreicht Süß: "Wer auf seinem Auge mit der besten Sehleistung nicht mehr als 2 Prozent sieht, gilt als blind". Sehbehinderung bewegt sich also in der weitläufigen Grauzone zwischen noch korrigierbarer Fehlsichtigkeit und Blindheit. Und erlangt unterschiedliche Schweregrade, welche Betroffene auch nicht immer eingestehen - manchmal sogar sich selbst nicht, vor allem aber anderen nicht.

"Viele Menschen mit Sehbehinderung sind verschämt und outen sich nicht - und Außenstehende sehen es ihnen nicht an", sagt Kirchenrat Lothar Süß. Menschen mit Sehbehinderung hätten sich mitunter in ihrem Leiden so eingerichtet, dass sie ihren Alltag tatsächlich inklusive Sehdefizit meistern - sie ,wurschteln' sich irgendwie durch. Einerseits ein Stück weit hochgradig bewundernswert, andererseits kommt es zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Menschen ohne und Menschen mit Sehbehinderung.

"Ich sehe so, wie Du nicht siehst"

"Menschen ohne Sehbehinderung neigen dazu, Ausdrücke zu gebrauchen, die Nullinformationen enthalten, zum Beispiel Wörter wie ,da' und ,dort'", sagt Süß. Sie drücken sich nicht genauer aus, weil diese Richtungs- und Ortsangaben für sie eine Selbstverständlichkeit darstellen - sie haben ja vor Augen, was sie meinen. Dabei müssten sie sich in eine Sichtweise hineindenken, die die Nürnberger Blinden- und Sehbehinderten-Seelsorge unter Vorsitz von Lothar Süß auf ihrer Homepage definiert: "Ich sehe so, wie Du nicht siehst."

Am "Sehbehindertensonntag" am Sonntag, 6. Juni, soll nun einmal mehr auf diese Diskrepanz aufmerksam gemacht werden. Bundesweit finden zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen statt. Natürlich auch in Bayern. So lädt zum Beispiel Kirchenrat Lothar Süß unter Mitwirkung der Blinden- und Sehbehinderten-Seelsorge zu einem zweistündigen Gottesdienst in die Reformations-Gedächtnis-Kirche in Nürnberg ein. An die Gottesdienstbesucher werden dabei spezielle Brillen ausgegeben, die das eingeschränkte Sehen von Menschen mit Sehbehinderung simulieren. Der Gottesdienst beginnt um 9.30 Uhr. Weitere Termine zum "Sehbehindertensonntag 2010" gibt es hier! Informationen zum Thema gibt es auch hier!