{Abo bestellen}
„Das kann man nicht ignorieren“
Frau Voltz, seit wann gibt es den „Förderverein für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen“ in Nürnberg?“
Gisela Voltz: „Der Verein ist gewachsen aus einer Selbstorganisation von in Bayern lebenden Flüchtlingen und MigrantInnen: 1998 haben sie sich zusammen mit deutschen UnterstützerInnen zu einer Aktionsgruppe unter dem Dach des bundesweiten Netzwerkes ,Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen‘ zusammengefunden. Zwei Jahre später haben wir uns zur Gründung eines Fördervereins entschlossen, um Spenden annehmen und Projekte für Flüchtlinge und MigrantInnen in unserer Region in Deutschland auch finanziell unterstützen zu können. Ich bin schon seit der Gründung 1998 dabei.“
Wofür setzt sich der „Förderverein für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen“ genau ein?
Voltz: „In erster Linie betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit, um auf die Lebensbedingungen von Flüchtlingen in unserer Region aufmerksam zu machen, die nach wie vor mehr als schlecht sind. Wir unterstützen sie dabei, ein Aufenthaltsrecht zu bekommen und informieren über die Zustände in den Heimatländern sowie die Fluchtgründe. Ds weiteren klären wir Flüchtlinge und MigrantInnen über ihre Rechte auf und unterstützen sie z.B. bei Kampagnen gegen die Pflicht in Gemeinschaftsunterkünften zu leben, gegen die Residenzpflicht oder gegen die Lebensmittelpakete (mit Lebensmitteln von schlechter Qualität, welche die Flüchtlinge in Bayern wöchentlich geliefert bekommen, Anm. d. Red.) Überdies begleiten wir Flüchtlinge und MigrantInnen, die kein Deutsch können, zu Ämtern, Rechtsanwälten oder Arztbesuchen und leisten Übersetzungsdienste.“
Die erwähnten Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Deutschland sind zum Teil menschenunwürdig, das ist bekannt und daran hat sich in den letzten Jahren leider auch nicht viel geändert. Können Sie unseren Lesern trotzdem noch einmal anhand einiger Beispiele einen kleinen Einblick geben?
Voltz:„Menschen, die in Bayern Asyl beantragen müssen zuerst in die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Zirndorf, dort gibt es eine erste Anhörung und Entscheidung über ihren Asylantrag. Meist wird ihr Antrag zuerst abgelehnt, obwohl sie aus schwierigen politischen und wirtschaftlichen Situationen in ihren Heimatländern kommen. Kein Mensch flieht freiwillig! Dann müssen sie in der Regel in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften leben mindestens bis zum Abschluß ihres Asylverfahrens und meist auch länger, oft sechs, sieben Jahre. Diese Lager sind in der Regel viel zu beengt, oft nur mit einer Toilette und einer Dusche für zehn, fünfzehn oder mehr Menschen. Häufig sind diese Zwangsunterkünfte sehr abgelegen. Sie verhindern zudem die Lebensmöglichkeiten und die soziale Integration der Flüchtlinge in Deutschland. In Bayern erhalten sie außerdem wöchentliche Lebensmittelpakete meist mit Lebensmitteln von schlechter Qualität.“
Welche Hürden stellen sich Flüchtlingen noch entgegen, um in Deutschland Fuß zu fassen?
Voltz: „Die Ausbildungen und Abschlüsse, die sie in ihrer Heimat erworben haben, werden hier oft nicht anerkannt; ich kenne viele Menschen aus dem Irak, Iran und aus afrikanischen Ländern mit einem akademischen Abschluss, die hier damit keine Chance haben. Deshalb ist es für sie auch mehr als schwierig, eine qualifizierte Arbeit zu finden. Davon abgesehen müssen sie abhängig vom Status der Aufenthaltserlaubnis lange auf eine Arbeitserlaubnis warten. Und wenn Flüchtlinge dann mal eine Arbeit finden, muss der Arbeitgeber erst einmal nachweisen, warum er den Job an den Flüchtling vergibt und nicht an einen Deutschen oder einen EU-Bürger. Auch wenn es sich oft um ganz schlecht bezahlte Jobs handelt.“
Wie sind Sie zu Ihrem ehrenamtlichen Engagement gekommen?
Voltz: „Ich habe schon als Schülerin im ,EineWelt‘-Laden gearbeitet, wenn man einmal die Not anderer Menschen gesehen hat, kann man das nicht mehr ignorieren. Des weiteren trägt unser Lebensstil und unsere Wirtschaftspolitik in Europa zur Ausbeutung und Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika bei. Da will ich zu mehr Gerechtigkeit beitragen. Außerdem habe ich es gerne international; ich empfinde den Kontakt zu Menschen anderer Nationen als sehr bereichernd.“
Warum?
Voltz: „Andere Menschen anderer Kulturen leben oft so interessante Lebensarten vor, dass man davon unglaublich viel lernen kann. Wer da nicht hinschaut, lässt sich was entgehen. Außerdem macht es schlicht und ergreifend Spaß, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Das hält wach.“
Frau Voltz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke

