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Glücksspiel macht immer mehr Menschen abhängig
Am Samstag, 26. Juni, ist der "Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch". Ein Datum, das sich um ein altes, jedoch traurigerweise immerfort aktuelles Thema dreht, das niemals aus dem Blickfeld geraten darf. bayern-evangelisch.de schaut hin: mit Michaela Scheindel-Roth, Leiterin des Suchthilfezentrums Nürnberg, haben wir über den Anstieg von Abhängigkeitserkrankungen im Glücksspielbereich und geschlechtsspezifische Suchterkrankungen gesprochen. Ein Interview.
Frau Scheindel-Roth, ist die Zahl der Suchtkranken in Bezug auf eine spezielle Suchterkrankung angestiegen?
Michaela Scheindel-Roth: "Wir stellen fest, dass zunehmend mehr Glücksspieler (besonders Automatenspieler) unsere Beratung aufsuchen. Seit Mitte 2008 bieten wir hier Beratung und Vermittlung in stationäre Behandlungen an. Es kamen 2009 102 Betroffene und 27 Angehörige. Inzwischen bieten wir auch eine Gruppe für Glücksspieler an. Seit Ende 2008 beteiligt sich das Suchthilfezentrum am HaLT-Projekt. Die Mitarbeiter/-innen sowie Honorarkräfte gehen in Nürnberg in zwei Kliniken und besuchen Jugendliche am Krankenbett die nach einem Alkoholexzess ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Wir sprechen mit ihnen über ihre Motive und Hintergründe zum Trinken und klären über die Wirkung von Alkohol auf. 2009 erreichten wir 96 Jugendliche."
Das sind neue Angebote Ihrerseits?
Scheindel-Roth: "Das sind sozusagen neue Angebote, und sie werden gut angenommen. Wir beobachten, dass das Glücksspiel an Automaten zunimmt, da auch die aufgestellten Automaten zunahmen. Es gibt in Nürnberg 138 Spielhallen – meist mit mehreren Geräten. Dass Kinder und Jugendlichen einen ‚sorglosen’ Alkoholkonsum praktizieren bzw. auf die Wirkung beim Trinken abzielen, ist inzwischen bundesweiter Negativtrend. Hinzu kommen seit letztem Jahr mehr Menschen – auch hier sind Jugendliche in besonderer Weise betroffen -, die ‚computersüchtig’ sind."
Wie viele Menschen wenden sich im Schnitt pro Jahr an das Suchthilfezentrum?
Scheindel-Roth: "Im Jahr 2009 waren es 1073 Personen, die zur Beratung in das Suchthilfezentrum kamen (davon waren 341 Frauen und 85 Angehörige) und zusätzlich 350 Personen, die unsere Mitarbeiter/-innen in Haftanstalten (Nürnberg, Ansbach und Eichstätt) besuchten."
Wie alt sind Ihre Klienten?
Scheindel-Roth: "Da wir im HaLT-Projekt mitarbeiten, sind unsere jüngsten Klienten unter 16 Jahre und unsere ältesten Klienten sind im Rentenalter über 65 Jahre. Die meisten Klienten sind zwischen 30 und 60 Jahre – nämlich 513 Männer und 279 Frauen. In den Haftanstalten sind es meist männliche Klienten, die wir betreuen."
Alkohol stellt meiner Meinung nach immer noch mit die größte Gefahr dar, weil er so selbstverständlich wie kaum eine andere Droge in den Alltag der Menschen integriert ist. Ab wann spricht man von Alkoholsucht?
Scheindel-Roth: "Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bezeichnet jeden Alkoholkonsum, der zu psychischen, sozialen und körperlichen Schäden führt wie z.B. Alkoholunfälle, Partnerschaftsprobleme, finanzielle Probleme, Aggression und Gewalt, als Alkoholmissbrauch. Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn sich das Leben zunehmend auf die Droge Alkohol fixiert. Alkohol zu trinken und seine Wirkung zu erleben, ist so wichtig geworden, dass andere Interessen und persönliche Möglichkeiten vernachlässigt werden. Die Tage werden so geplant, dass Alkohol getrunken werden kann. Ein ganz zentraler Hinweis auf eine Abhängigkeit sind wiederholte, erfolglose Versuche, weniger zu trinken bzw. abstinent zu bleiben. Es fällt den Betroffenen sehr schwer, maßvoll (kontrolliert) zu trinken."
Gibt es auch geschlechtsspezifische Suchterkrankungen, also solche, die typisch sind für Männer und solche, die typrisch sind für Frauen?
Scheindel-Roth: "Wir stellen fest, dass Männer überwiegend wegen Glücksspielproblemen und Frauen eher wegen Essstörungen in das Suchthilfezentrum kommen. Bei Alkohol und Drogen gehen wir von einem ‚ausgewogenen’ Anteil von Frauen und Männern aus. Männer haben aber oftmals einen ‚riskanteren Konsum’. Der Anteil der Frauen in Beratung und Therapie hängt auch von den Angeboten für die Frauen ab (frauenfreundliche und frauenspezifische Beratung)."
Welche neuen Projekte hat das Suchthilfezentrum in Planung?
Scheindel-Roth: "Nachdem das Suchthilfezentrum seit 2008 das HaLT-Projekt und die Beratung für Glücksspieler anbietet, werden wir versuchen, diese Angebote – sie sind eigentlich zeitlich begrenzte Projekte – auch in den nächsten Jahren aufrecht zu erhalten. Wir wollen aber auch die Beratung für jugendliche Alkoholmissbraucher, die es seit einigen Monaten gibt, sowie die Beratung für Menschen mit PC-Sucht weiterhin bereitstellen."
Frau Scheindel-Roth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke
Weitere Informationen zu den Themen Sucht und Abhängigkeit finden Sie auch auf unseren Seiten!

