"Das fühlt sich gar nicht fremd an hier"
"Wenn es schon kein gemeinsames Abendmahl gibt, dann ist das hier das Minimum", sagt Eva Freudenreich-Kolb. Mit dem "Minimum", von dem die 59-Jährige spricht, ist die "Orthodoxe Vesper", die "Gemeinschaft an 1000 Tischen" gemeint, die am Freitagabend zum Münchner Odeonsplatz lockte - unter den Besuchern auch Freudenreich-Kolb. Mit am Tisch der Flensburgerin sitzt Heidi Loos aus Rheinfelden in Baden-Württemberg, die ihrer Tischnachbarin leidenschaftlich beipflichtet. "Wir sollten doch immer das Gemeinsame suchen und nicht das Trennende", sagt die 45-jährige Katholikin, "eine konkrete Gemeinschaft hat die Kirche aber noch nicht gefunden - ihre Mühlen malen eben langsam, während die Menschen der Jetzt-Zeit einfach schneller sind."
Zumindest demonstrieren sie eindrucksvoll, wie sehr sie am Gemeinsamkeit interessiert sind. In Massen strömen sie auf den Odeonsplatz, hocken dicht gedrängt an den vielen, vielen Tischen, die sich weitläufig über das Gelände verstreuen. Alois Glück, der katholische ÖKT-Präsident, begrüßt die Besucher hocherfreut und dankbar, zu Gast bei der orthodoxen Kirche sein zu dürfen. "Das ist ein sprechendes Zeichen der Eintracht unserer ökumenischen Gemeinschaft, das uns keiner nehmen kann", so Glück. Mut machen soll das und einander stärken, "auf einem langen Weg der kleinen Schritte - heute machen wir einen großen Schritt".
"Es braucht eine intensive Zuwendung zum Evangelium"
Dem kann Hansjörg Haag nur zustimmen. Der 55-Jährige kommt aus Wächtersbach bei Frankfurt und genießt die ungezwungene Stimmung der orthodoxen Vesper. "Wenn sonst Menschen, die sich nicht kennen, an einem Tisch zusammen sitzen, dann stellt sich oft ein Gefühl von Fremdheit ein, dann passt man auf, was man sagt. Aber das hier heute Abend fühlte sich gar nicht fremd an!" Wenngleich es direkt neben ihm auch kritische Anklänge gibt. Haags Gattin, Andrea Klimm-Haag, 48, wiegt den Kopf, "die Masse ist noch kein Zeichen für die Gemeinschaft im Sinne Jesu"; hierzu brauche es "eine intensive Zuwendung zum Evangelium", im Idealfall im Herzen des Einzelnen verankert.
Das Publikum indes wirkt dem gegenüber alles andere als abgeneigt. Gebannt lauschen die Menschen den Gesängen etwa des Byzantinischen Kantorenchores des Griechischen Musikvereins München oder dem Chor "Der heilige Andrei", der Rumänischen Orthodoxen Kirche der Landeshauptstadt. Andächtig hören sie die Kurzansprachen und -gebete, zum Beispiel die "Biblische Lesung 5. Mose/Dtn 10,14-21* von Dr. Monika Selle, Fachreferentin für liturgische Bildung und Liturgik im Erzbischöflichen Ordinariat München; "ihr sollt die Härte eurer Herzen beschneiden und nicht weiter halsstarrig sein", rezitiert Dr. Selle.
Und als nach gut einer Stunde das "Gesegnete Brot" verteilt wird, Menschen zwischen den Tischen herumgehen, mit Körben, gefüllt mit saftigen Laiben, stimmen alle Menschen ein gemeinsames Lied an - zweifelsohne der Höhepunkt der Vesper, der diesem Kirchentag etwas sehr Schönes beschert: ökumenisch angehauchte Gänsehaut.




