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"Christen müssen über Atomkraft diskutieren"
epd: In den 70er Jahren hat die Kirche aufgerufen zu Demonstrationen gegen Atomkraft. Heute ist davon nicht mehr die Rede. Woran liegt das?
Schürger: "In Kirchengemeinden und auch bei der Kirchenleitung finden Sie die ganze Diskussionsbreite, die es auch im gesellschaftlichen Diskurs gibt. Das war früher nicht anders: In den 70er Jahren gab es einige Kirchengemeinden, die sich sehr im Kampf gegen Atomkraft engagiert haben, andere haben sich der Diskussion enthalten."
epd: Was sagen Sie persönlich zur Atomkraft?
Schürger: "Es gibt viele Gründe, aus der Atomkraft auszusteigen. Die Atomkraft ist mit vielen Risiken verbunden, dem Sicherheitsrisiko oder der Frage nach der Endlagerung. Wir haben keine Ahnung, wo und wie wir den Atommüll für die nächsten Generationen sicher verschließen können. Wir müssen zu einer postfossilen Energieversorgung mit regenerativen Energien kommen. Dafür muss das Netz umgebaut werden, weil wir immer mehr dezentrale Energieerzeuger haben - wie zum Beispiel die Photovoltaikanlage auf dem Supermarkt. Stattdessen blockieren wir den Umbau der Netze. Deutschland ist Nettostromexporteur."
Es werden die Lichter also nicht ausgehen, wenn die Atomkraftwerke ausgeschaltet werden. Wenn der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer sagt, er will Bayern autark versorgen, ohne Energie aus anderen Bundesländern zu importieren, wird er um sein Isar II nicht herumkommen. Doch erfolgt die Energiepolitik im bundesweiten Verbund, und die Zeichen stehen längst auf einem europaweiten Verbund."
epd: Und die geplante Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke?
Schürger: "Es geht nicht um eine Diskussion um fünf, acht oder vierzehn Jahre, sondern um die Frage, ob wir den Umstieg schaffen in die Energie der Zukunft. Wenn die Münchner Stadtwerke überlegen, ob sie sich am Offshore-Projekt beteiligen oder ob ihnen das zu riskant ist, wenn die Atomkraftwerke weiterlaufen, dann stehen hier Investitionen für die nächsten 20 oder 50 Jahre auf dem Spiel. Oder Landshut: Hier hat sich der CSU-Stadtrat mit einem Beschluss eindeutig gegen die eigene Partei gewandt. Das Problem ist, dass es oft um regionale Beschlüsse oder Themen geht, die nicht so eine große Strahlkraft haben.
Wenn aber jemand anfangen würde, in Bayerisch-Schwaben in der Erde zu bohren, weil sich die Tonschicht als möglicher Ort für ein Endlager gut eignet, dann würden die Reaktionen wahrscheinlich ganz anders aussehen. Die Bundesregierung sagt, sie habe ein Gesamtkonzept für die Energieversorgung. Darin steht ausdrücklich, dass die Atomkraft eine Brückentechnologie ist. Die Laufzeitverlängerung scheint mir aber eher dazu beizutragen, die Brücke so zu bauen, dass wir nicht an das andere Ufer kommen, denn sie verhindert den Ausbau der Regenerativen."
epd: Was sollte die Landeskirche Ihrer Ansicht nach tun?
Schürger: "Kirchengemeinden und Kirchenleitung können und müssen viel tun. Sie können etwa die Diskussion über ein Thema wie Atomkraft ermöglichen. Sie können den Menschen das nötige Hintergrundwissen liefern - mit Vorträgen und Symposien. Aber auch über das Internet, mit dem wir sehr zeitnah reagieren können. Und wir können als Christinnen und Christen Vorbild sein, indem wir einen nachhaltigen Lebensstil leben."

