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Auseinandersetzung statt Allmacht
Das Gefühl von Grundsicherheit ist nach dem Amoklauf von Winnenden erschüttert, besonders natürlich an den Schulen. Empathische Kompetenzen des Lehrpersonals sind gefragt, jetzt mehr denn je. Auch lehrende Vertreter der evangelischen Kirche tasten sich dabei an dem Thema entlang. Zum Beispiel Renate Schindelbauer, 50, Pfarrerin und Religionslehrerin am Gymnasium Bad Windsheim.
Am Mittwoch, dem 11. März 2009, jener Mittwoch im März, der alles verändert, hat Schindelbauer nur bis mittags Schule. Anschließend fährt sie heim, erledigt Alltagsarbeiten, kümmert sich um die Familie.
Die Nachrichten erreichen sie erst abends.
Schindelbauer fühlt nicht nur die Fassungslosigkeit in sich, den Schock, die Bestürzung, die alle spüren. Schindelbauer fühlt sich persönlich erinnert. Eine 15-jährige Schülerin ihres Gymnasiums hat sich vor einem Jahr das Leben genommen. Vergleichbar mit einem Amoklauf, in dem potentielle Selbstmörder überbordende Aggressionen erst gegen andere richten müssen, bevor sie in den Tod gehen, ist das nicht. Aber Schindelbauer fühlt sich ähnlich alarmiert, wie damals. Am nächsten Tag, dem Donnerstag, 12. März, fährt sie eine Stunde früher ins Gymnasium, als sie eigentlich müsste. Die Schule wirkt auf sie zunächst wie unter Schock, „es war, als hätten sich alle gesagt, ,wir spielen mal Normalzustand’“. Schindelbauer ändert ihren Lehrplan, beginnt die erste Stunde Religionsunterricht in einer Klasse mit einem Musikstück, ein Klarinetten-Konzert von Mozart in A-Dur, an die Tafel schreibt sie „Ohne Worte“. Sie beobachtet ihre Schüler, die sich die Musik anhören, geht nach dem Musikstück nicht gleich zur Tagesordnung über. „Ich wollte ihnen Zeit geben zu reden. Von mir aus wollte ich Winnenden nicht ansprechen, ich wollte die Schüler kommen lassen mit diesem Thema – hätten sie es angesprochen, wäre ich sofort darauf eingegangen.“
Doch es redet keiner. Auch in der nächsten Klasse nicht.
Erst gegen Mittag in einer Freistunde. Schindelbauer geht an einer Gruppe Abiturienten vorbei, die sie plötzlich bitten, „Frau Schindelbauer. . . wir möchten sprechen.“ Auf Schindelbauer prasseln Fragen ein: „Warum macht ein junger Mensch sowas? Welche Rolle spielen da Vorbilder? Welche Rolle spielen da Eltern? Welche Gewalt war im Leben da präsent?“ Schindelbauer hört all die Fragen, die Spitzenpolitikern, Spitzenpsychologen, Spitzenpädagogen derzeit Kopfzerbrechen bereiten. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis als Pfarrerin an einem Gymnasium ihren Schülern seelsorgerisch zu begegnen. Keine leichte Aufgabe in so einer Situation.
Für die Vertreterin der evangelischen Kirche ist es da erstmal wichtig, klarzumachen „ich stecke nicht drin im Menschen, ich weiß nicht, was den jungen Tim K. bewegte, ich kann nur vermuten, wie alle. Diesen Abstand möchte ich erstmal vermitteln, gleichzeitig versuchen, mit den Schülern Antworten zu finden“. Es gehe darum, liebevoll Grenzen zu setzen, sich keine Allmacht anzumaßen, parallel die Bereitschaft signalisieren, sich auseinanderzusetzen und diese Auseinandersetzung konstruktiv zu hinterfragen. „Ich will den Schülern vermitteln, dieses oder jenes könnte eine Antwort sein, aber ob das die richtige Antwort ist, weiß ich nicht.“
Es gehe wie immer darum, Verallgemeinerungen zu vermeiden, die Pauschalisierungsbremse müsse immer und immer wieder aktiviert werden. „In der Schule haben wir viele gute Sportschützen, die in umliegenden Schützenvereinen üben“, erzählt die Pfarrerin. Es sei schade, wenn man jetzt mit dem Finger auf diese Schüler zeige. Auch Wolfgang Schmidbauer, 68, Psychoanalytiker aus München, warnt vor der Schwarz-Weiß-Denke: „Selbstverständlich sind die meisten Träger der dreißig Millionen Schusswaffen in Deutschland absolut zuverlässig und achten peinlich darauf, dass selbst bei einer ungeladenen Waffe der Lauf niemals auf einen Menschen zeigt.“
Parallel zum Siegeszug der optischen Medien gleichwohl „lebt jeder junge Mensch in einem ständigen, gnadenlosen Vergleichsdruck. Die Jungs und Mädels in den Soaps sind viel besser drauf und viel schlagfertiger. Der Konkurrenzdruck weckt Gefühle ständiger Niederlagen. Lehrer klagen über unruhige Schüler, die immer mehr Lob und Aufmerksamkeit haben wollen, als sie kriegen können. Viele Kinder sind chronisch gekränkt. Die meisten ertragen das mit knapper Not.“ Deutschland suche „ständig den Superstar, das Topmodell. Wer nicht mithalten kann, gerät in Gefahr, seine Enttäuschung an denen auszulassen, die noch weniger mithalten können“, so der Psychologe.
„Schießpulver ist harmlos, so lange wir es kühl lagern. Wenn wir etwas Wasser draufschütten, wird es unbrauchbar und explodiert nicht mehr. Aber wenn ein Funke drauf fällt, kann seine Zerstörungskraft enorm sein. Viele der chronisch gekränkten, auf ihre erfolgreicheren Kameraden neidischen Jugendlichen, die Gewaltspiele lieben und eine Schusswaffe haben, tun niemandem etwas zuleide. Aber es braucht jetzt nur noch einen Anlass, und die Situation explodiert in den medial vorgeformten Bahnen des Schul-Amoklaufs.“
Schmidbauer war es auch, der jene These für die Tat von Tim K. aufstellte: Im Interview mit der mitteldeutschen Zeitung (MZ) interpretierte er den Amoklauf als einen Ausdruck von „explosivem Narzissmus“. In diesem Zustand, so Schmidbauer zur MZ, kollabiere die Fähigkeit, Kränkungen zu verarbeiten und zu ertragen. Es handele sich um eine narzisstische Störung, die in der frühen Kindheit begründet liege. Durch dieses Defizit entstehe „eine ungeheure Wut auf alle anderen Menschen, die Beziehungen leben können“.
Viele Menschen reagieren in den Tagen nach der Tat gefühlsstark, auch die Schüler des Gymnasiums in Bad Windsheim. Eine Schülerin der 13. Klasse kommt auf Renate Schindelbauer zu, bietet ein Referat für Schindelbauers Religionsstunde an, einen Vergleich über Winnenden mit dem Schulmassaker von Columbine, das sich am 20. April 1999 ereignete. Am Mittwoch, 18. März, wird in Winnenden zu einer Schweigeminute aufgerufen. Auch die Lehrer am Gymnasium Bad Windsheim wollen sich und ihre Schüler beteiligen. Der Zusammenhalt ihrer Schützlinge haut sie um.
„Die Schweigeminute fiel auf einen Stundenwechsel, auf den Wechsel zwischen der dritten und vierten Stunde“, erzählt Pfarrerin Schindelbauer. „Normalerweise hört man da immer, wie Türen klappen, Schritte auf dem Flur, wenn das Klassenzimmer gewechselt wird, wenn jemand auf die Toilette geht.“
An diesem Mittwoch, 18. März, Punkt 10 Uhr vormittags, hört man: nichts.
„Es war ganz still, im ganzen Schulhaus war es still. Es war beeindruckend“, erzählt Renate Schindelbauer. „Ich hatte bei keinem Schüler das Gefühl, er würde innerlich aussteigen. Es war eine ganz dichte Atmosphäre. Es war, als hingen wir alle an einem Gedanken dran. So etwas erlebt man ganz selten. Es war, als wäre eine unsichtbare Kraft da.“
Als wäre Gott in diesem Moment ganz besonders da.
Schüler, die an Gott durch den Amoklauf zweifelten, seien bisher noch nicht auf sie zugekommen, sagt Schindelbauer. Käme jemand mit diesem Zweifel auf sie zu, würde die Pfarrerin so antworten: „Gott setzt immer die Botschaft von Liebe in die Welt. Doch Liebe ist nicht immer die Kraft, die sich am leichtesten durchsetzt. Das ist für Gott bestimmt auch bitter zu erfahren.“ Gott sei nicht die Erklärung für den Amoklauf. „Gott geht nicht hin und rammt seinen Zeigefinger in die Welt, um Menschen wegen irgendwas zu bestrafen.“
Seit dem Amoklauf von Winnenden will Renate Schindelbauer ihre Aufmerksamkeit einmal mehr schärfen – noch mehr, als es ohnehin schon der Fall war. „Ich versuche, noch präsenter zu sein für die Schüler, noch viel, viel stärker als vorher auf Kleinigkeiten zu achten, wahrzunehmen, wenn jemand abwesend ist oder nicht so gut aussieht, ihn gleich ansprechen, ob er nur schlecht geschlafen hat oder ob da doch mehr hinter steckt. Ich versuche, meinen Schülern klarzumachen, ihr seid mir wichtig als Mensch, nicht als funktionierende Schülermaschine.“
Man müsse sich auch klar machen, sagt Psychologe Wolfgang Schmidbauer, „was eine Welt, in der die Freizeit vor allem durch Zapping und Handy gestaltet wird, mit der kindlichen Psyche macht, wenn wir sie mit einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Welt vergleichen, in der körperliche Aktivität – oft körperliche Arbeit – die Freizeit bestimmte“.
Oder mehr Ruhe.
Pfarrerin Schindelbauer wünscht sich einen ,Raum der Stille’ an ihrem Gymnasium, „es wäre toll, wenn wir einen offenen Raum einrichten könnten, in dem es immer möglich ist, seine Gefühle zu zeigen. Diesen Raum könnte man mit einem professionellen Ansprechpartner besetzen, er muss aber auch nicht immer besetzt sein“. Es könnte auch einfach eine Insel im Alltag sein, auf der man sich kurz ausruhen, eine Kerze anzünden, für einige Augenblicke in sich sinken kann. Eine kleine Energietankstelle im Trubel des Tages.
Seit Winnenden ist vieles anders, und nichts ist wie zuvor. Umso wichtiger, sagt Schindelbauer, ist es da zu wissen: „Gott hält allen Trauernden die Hand, allen Menschen, die augenblicklich mehr Angst haben, als sonst. Gott ist immer da, wo er gebraucht wird. Im Moment wird er überall gebraucht.“

