Ankommen im Miteinander
Hektisch nach unpersönlichen Geschenken zu jagen, ist leider eine weit verbreitete Krankheit an Weihnachten – mit Besinnlichkeit hat das nichts zu tun. Wer dieses Jahr das „Hauptsache-irgendwas-haben“ umschiffen will, muss innerlich bei der passenden Einstellung ankommen, damit sein Weihnachtsgeschenk nicht aus der (Zeit-)Not heraus geboren wirkt. Einschlägige Experten verraten auf „bayern-evangelisch.de“ wie das geht: das Verschenken mit mehr Liebe zu lenken.
Der Atem geht flach, der Wollschal wird zu eng, an den Händen ziehen die Einkaufstüten. Shoppen im Advent kann sich zum Stress hochpegeln, der Besinnlichkeit dieser Zeit schaden: Wenn die Suche nach Geschenken in Hektik ausartet, es nur noch ums „Hauptsache-irgendwas-haben-wollen“ geht. Was hat das noch mit Weihnachten zu tun?
Nichts.
Das Ritual des Verschenkens ist nicht prinzipiell richtig oder falsch. Aber es ist nicht gut, wenn es zum Automatismus verkommt, der Schenkende seine Präsente auf den letzten Drücker kauft. Dabei sollte man nicht schenken, weil man muss, sondern weil man will. Wofür es zunächst wichtig ist, mit der richtigen Einstellung an die Sache zu gehen, die Schenkerei nicht auf Eigennutz basieren zu lassen. Jürgen Arlt (Foto links unten), evangelischer Pfarrer, kennt sich mit der Kunst des gesunden Gebens aus - als Leiter der evangelischen Telefonseelsorge München im evangelischen Beratungszentrum München muss er sie beherrschen wie kein Zweiter.
„Ich gebe nicht, damit ich vom anderen etwas bekomme“
Zum Thema Schenken fällt ihm das Bild eines Schalenbrunnens ein: „Er besteht aus drei oder vier übereinander getürmten Schalen, die einander im Wechselspiel Wasser spenden, indem das Wasser von oben startend von einer Schale in die nächste läuft. Eine Schale gibt also Wasser, kann dieses aber nur geben, weil sie Wasser von der über ihr angeordneten Schale bekommt. Die Schalen sind in gesunder Weise abhängig voneinander; würde eine ihren Dienst verweigern, würde die darauffolgende kein Wasser mehr bekommen – dann würde der Kreislauf unterbrochen und das große Becken als Basis des Brunnens könnte sich nicht mehr mit immer neuem Wasser füllen und würde langfristig austrocknen.
Genauso“, fasst Arlt zusammen, „funktioniert gesundes Geben und Nehmen: ich gebe etwas, weil ich vom anderen etwas bekomme. Würde ich nur geben und der andere nimmt nur, würde ich langfristig austrocknen in meinen Bedürfnissen.“ Und so funktioniere auch gutes Schenken. „Wobei hier nicht von Berechnung reden: ich gebe nicht, DAMIT ich vom anderen etwas bekomme, sondern ich gebe, weil ich zuvor von diesem anderen Gutes bekommen, erfahren habe, deshalb dankbar bin. Schenken, das von Herzen komme, sei Geben ohne kühlem Kalkül. „Und ein Geschenk kommt dann von Herzen, wenn ich dem Beschenkten das Gefühl gebe, nicht aus einer Not heraus ein Geschenk gewählt zu haben, sondern den zu Beschenkenden zuvor genau in den Blick genommen zu haben, genau überlegt zu haben: ,Was tut dem anderen gut? Was braucht er? Was passt zu ihm?'
„Man darf nicht enttäuscht darüber sein, dass der andere anders tickt“
Für angehende Schenker unterschiedlichen Geschlechts ist es da wichtig zu begreifen, dass Mann und Frau jeweils anders funktionieren. Gabriele Leipold (Foto links), 48, Paarberaterin aus München resümiert die Unterschiede, die sich darin niederschlügen, dass Frauen dazu neigten, beim Verschenken „gefühlsmäßiger“ und „intuitiv“ vorzugehen, Männer in der Hinsicht „eher praktisch“ und „eher sachlich“ veranlagt seien. Hierbei dürfe man nicht in die Falle tappen, dies als Frustquelle zu nutzen, „man darf nicht enttäuscht darüber sein, dass der andere anders tickt“. Lieber solle man die Andersartigkeit als Herausforderung sehen, um eine echte Chance zu haben, sich gegenseitig eine wirkliche Freude zu machen. „Dazu gehört, dass Frau sich in die Welt des Mannes hineindenkt und der Mann sich in die Welt der Frau – das erfordert Zeit und Energie“, sei aber wichtig, denn die Wünsche von Männlein und Weiblein sind völlig unterschiedlich, so Leipold. „Männer freuen sich über Konzert- und Fußballkarten, Hobbyzubehör, DVDs, technische Geräte“, zählt die Paarberaterin auf, Frauen freuten sich „über Accessoires, Seidentücher, Handtaschen, Düfte, Bücher, CDs.“ Und über Schmuck - „Schmuck scheint ihnen besonders viel Wertschätzung widerzuspiegeln“.
Wertschätzung sei überhaupt ein wichtiges Thema beim weiblichen Geschlecht. „Für Frauen sind Geschenke wichtig, sie fühlen sich durch sie geliebt.“ Es sei „in den Genen verankert“, dass Frauen unterbewusst Geschenke von Männern als „Errungenschaften von einer Jagd“ interpretierten und sich dementsprechend durch sie geehrt fühlten, erläutert Leipold mit freundlichem Augenzwinkern: „Erst dann fühlt sich die Frau richtig gesehen“ vom Partner. Gleichwohl sei es wichtig, Präsente jeder Art nicht nur der „Beziehungsdauer“, sondern dem „Lebensstandard“ des Einzelnen anzupassen. „Bei einem frisch liierten Pärchen darf der Beschenkte nicht das Gefühl bekommen, durch das Geschenk zum Verbleib in der Beziehung verpflichtet zu werden“, unterstreicht Leipold. „Manche Paare sprechen sich auch ganz klar ab, machen von vorneherein aus, dass sie sich nur Geschenke unter zehn Euro schenken – und machen sich dann das ganze Jahr über einen Spaß daraus, diese Geschenke für Weihnachten zu suchen. Ohne Absprachen“, gerade bei frisch verliebten Pärchen, bei denen der eine den anderen noch nicht so gut kennt, „kann Schenken schnell peinlich werden.“ Überdies könnten zu wertvolle Geschenke auch unangenehm beschämen.
Das Miteinander fördern, die Beziehung bereichern
Wobei Pfarrer Jürgen Arlt finanzielle Überdimensionierungen sowieso völlig fehl am Platze findet. „Miteinander ist ein wichtiges Stichwort, wenn ein Geschenk ein Herz erreichen soll. Und ein Geschenk erreicht ein Herz meiner Meinung nach dann, wenn es die Beziehung zwischen dem Schenker und dem Beschenkten bereichert. Deshalb“, sagt Arlt, „muss es gar nichts Großes, Teures sein, was man schenkt. Es könnte zum Beispiel einfach ein Zeit-Gutschein sein, mit dem man dem anderen Zeit für einen gemeinsamen Spaziergang oder einen Theaterbesuch schenkt – ein Präsent also, das das Entstehen eines Miteinanders ermöglicht.“
Und nicht das Wesentliche an Weihnachten überdeckt: die Freude, die Gott uns geben wollte, indem er das Jesuskind in die Krippe legte. „Jedes Geschenk ist dann quasi eine Zusatzfreude zu dieser eigentlichen Kernfreude. Und jedes noch so kleinste Geschenk ist dann wiederum eigentlich ein großes – weil es ein Extra an Freude bedeutet.“
Text: Almut Steinecke



