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„Gott hat es nicht nötig, Sünden durch Höllenstrafen auszugleichen“

Zur Hölle nochmal! Wie oft gebrauchen wir diese Redewendung im Alltag, und wie viele Menschen denken, Kirche habe sich den Abgrund als Strafort für Ungläubige ausgedacht – so wie Büro-Boss Grusendorf  im neuen Film unserer „bayern-evangelisch.de“-Serie „Lütke & Grusendorf“!  Wir nehmen das als Anlass, einmal gründliche Aufklärungsarbeit zu leisten: Wie hat sich der Begriff von Hölle eigentlich entwickelt im Christentum? Warum begegnet die evangelische Kirche der Hölle wesentlich gelassener, als die meisten denken? Und mit welcher Haltung gegenüber Gott verab-schiedet man sich von ungesunder Schwarz-Weiß-Malerei? Ein historisch-philosophisches Interview mit Dr. Wolfgang Behnk, 60, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB).


Herr Dr. Behnk, wie hat sich der Begriff der Hölle innerhalb des Christentums/der Kirchenge-schichte etabliert und entwickelt?

Behnk: „Zur Zeit der Erstellung des Alten Testaments im 12.- 2. Jh. v. Chr. bildete sich die Vorstel-lung der Hölle als ,Gehenna’ aus. Das griechische Wort kommt vom aramäischen Namen ,Ge-Hinnom’, vom Tal (‚Ge‘) Hinnom, das man für  Kinderopfer an den Feuergott Moloch und später zur Abfallverbrennung und als Totenstätte benutzte. Über dem Tal sah man eine Art Fluch,  es galt als  ‚Ort des Schreckens’. Im Laufe der Entstehung des Neuen Testaments im 1. Jh. n. Chr. wurde sowohl diese israelitische Gehenna-Vorstellung, als auch der griechisch-antike Mythos von der To-tenwelt ,Hades’ aufgenommen.  In den Hades kommen alle verstorbenen Menschen, die guten, wie die bösen. Sie  ‚leben‘ dort nicht, sondern existieren als scheue Schatten. In dieser Unterwelt gibt es auch einen Strafort ,Tartaros’, an dem besonders böse Menschen für ihre Taten büßen müssen. Während der Reformation im 16. Jh., als Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, verwendete er für ‚Gehenna‘ und  ‚Hades‘ den deutschen Begriff  ‚Hölle‘.  Er geht auf das altdeutsche, aus der germanischen Religion stammende Wort ,Hel’ zurück und bedeutet  ‚das Dunkle‘. Gemeint war damit ein Ort für die Aufbewahrung der Toten, später auch ein Strafort für die Bösen.“

Welche Vorstellungen haben katholische und evangelische Kirche von Hölle?

Behnk: „Die Grundvorstellungen sind im Kern dieselben. Dennoch gibt es einschlägige Unterschie-de im Verständnis.“

Welche?

Behnk: „Luther erkannte die Hölle als Aufbewahrungsort für verstorbene Seelen, als Totenwelt an. Doch was diese  ‚genau genommen ist, das ist uns unbekannt‘, schränkte er ein. Und was die hinge-bungsvolle Ausmalung der Hölle durch Prediger und Künstler als Strafort für die  ‚verdammten Seelen‘ betrifft, so urteilte er:  ‚Davon halte ich nichts!‘  Für ihn haben Hölle und Teufel eine schreckliche Realität, theologisch spekulieren will er darüber aber nicht. Luther geht es nicht um Hölle und Teufel an sich, sondern darum, dass Gott  ihnen ihre letzte zerstörerische Macht genom-men hat. In seinem Lied  ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘ spricht er zwar vom Teufel als dem  ‚alt bösen Feind‘ und seiner  ‚grausamen Rüstung‘, vor allem aber davon, dass gegen diesen der  ‚rechte Mann‘  Jesus Christus streitet und  ‚das Feld behalten wird‘. Auch das Glaubensbekenntnis macht deutlich, dass der Christ an Gott glaubt und nicht ‚an‘ den Teufel (der dort gar nicht vorkommt) oder ‚an‘ die Hölle.“

Und die katholische Kirche?

Behnk: „Katholische Besonderheiten sind Fegefeuer, Limbus und Großer Exorzismus. Das  ‚Fege-feuer‘ ist ein Ort, in dem die  ‚armen Seelen‘ von Gott verhängte zeitliche Sündenstrafen abbüßen müssen. Durch kirchlichen ‚Ablass‘ auf Grund frommer Bußwerke kann die Strafzeit verkürzt wer-den. Auch wenn die katholische Tradition die  ‚große Pein‘ betonte, die man im Fegefeuer erleiden müsse, ist dieses doch ein Zustand jener, die nach ihrer Reinigung zu Gott kommen. Während das Fegefeuer ein Vorbereitungsort für den Himmel ist, handelt es sich beim  ‚Limbus‘ (Rand) um einen leidensfreien Randbereich der Hölle für jene Menschen, die ohne Schuld nicht in den Besitz der Christusgnade kamen, etwa, weil sie als Kinder ungetauft starben. Die heutige katholische Kirche lässt im Unterschied zu früher zumindest die Hoffnung zu, dass auch solche Kinder nicht für ewig im Limbus bleiben, sondern von Gott begnadigt werden können.  Der größte Unterschied zur evan-gelischen Kirche liegt wohl in der Teufelsaustreibung, wie sie im  ‚Großen Exorzismus‘ des  ‚Rituale Romanum‘ (von 1614; aktualisiert 1999) geregelt ist. Hiernach herrscht der Priester den Teufel direkt an:  ‚Ich beschwöre dich, Satan, weiche von diesem Diener Gottes N. ... Ich beschwöre dich, Satan, fahr aus von N. ...Weiche also Satan.‘ Diese spezielle Form des geistlichen Beistandes für einen  ‚Besessenen‘, bei der der Exorzist über ‚imperative`(befehlende) Formeln eindringlich mit dem  Satan kommuniziert, birgt aus evangelischer Sicht die Gefahr einer Verstärkung der Not des Betroffenen durch intensive Konzentration auf den Bösen anstatt auf Gott.“
 
Die orthodoxe Kirche sieht sowohl Himmel als auch Hölle als „intime Nähe zu Gott“ an. Wie ist eine solche Sichtweise möglich, handelt es sich doch bei Himmel und Hölle um ein Gegensatzpaar - das gegensätzlicher nicht sein könnte?

Behnk: „Die orthodoxe Kirche neigt viel stärker zur mystischen Anbetung Gottes, als dass sie ihn theologisch reflektiert. Auch wenn sie formell die Lehre einer  ‚Allversöhnung‘ Gottes mit allen Menschen ablehnt  (nach der letzten Endes niemand mehr in der Hölle wäre), versteht sie Gott doch als so grenzenlos, dass eine Erlösung des ganzen Kosmos durch  ‚Verwandlung‘ erhofft wird. Und weil dies eine geradezu  überschwängliche Allversöhnungshoffnung ist, kann man fragen, ob die  Rede von der Hölle als  ‚intime Nähe zu Gott‘ die erfahrbare Schrecklichkeit des Bösen hinreichend würdigt. Nicht nur in theologischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die reale Erfahrung des Bösen wird der gewaltige Kontrast von Himmel und Hölle in fragwürdiger Weise harmonisiert.“

Was versteht man unter Hölle im zwischenmenschlichen Miteinander, im Alltag?

Behnk: „ ‚Hölle‘ wird häufig als spontanes Bildwort gebraucht, etwa als Verstärkungszusatz für Heftigkeit (‚Höllenlärm‘, ‚Höllenschmerz‘) oder als Illustration bösen Handelns (‚jemandem die Hölle auf Erden bereiten‘ , ihm ‚die Hölle heiß machen‘) bzw. schrecklichen Erleidens (der ‚Hölle‘ einer Naturkatastrophe, einer Krankheit, eines Verbrechens). Ferner wird ‚Hölle‘ auch als Begriff verwendet, der ein Herrschaftssystem bzw. einen Vollzugsort für das Geschehen von Sühne, Strafe und Leiden bzw. die Aufbewahrung der Verstorbenen definiert: Im Sinne einer geographisch aufge-fassten Unter-, Toten-, Schatten- oder Sühnewelt oder - psychologisch verstanden - im Sinne des dunklen Abgrundes der Seele, in dem alles Destruktive des Menschen versammelt ist.“

Inwieweit finden sich bei sektiererischen Gruppen besondere Vorstellungen von der Hölle?

Behnk: „Als Beispiele nenne ich die Zeugen Jehovas und die Mormonen.  Die Zeugen Jehovas  glauben, dass alles, was sich außerhalb der Theokratie (Gottesherrschaft) Jehovas befindet, zum satanischen weltlichen ‚System der Dinge‘ gehört. Satan übt zwar gegenwärtig in der Welt seine teuflische Macht aus - in Gesellschaft, Demokratie, Wirtschaft, Kirchen oder Medien. Jedoch ist diese Hölle auf Erden zeitlich befristet: Sie endet bald in ‚Harmageddon‘, wenn Jehova durch Jesus Christus  den Satan und seine Gefolgschaft vernichtet. Die Ungläubigen kommen zur Strafe nicht in eine Hölle, sondern werden für immer ‚ausgelöscht‘. Bei den Mormonen gibt es zwei Vorstellungen von Hölle:  Zum einen im Sinne eines  zeitlich begrenzten Reinigungsortes für ,ungehorsame Geis-ter’, die nach ihrer Läuterung in Gottes Herrlichkeit gelangen. Und zum anderen im Sinne eines -  ‚äußere Finsternis‘ genannten - ewigen Strafortes für Satan, seine Engel und die besonders bösen Menschen (‚Söhne des Verderbens‘).“

Welche Bedeutung hat Hölle in anderen Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Islam?

Behnk: „Hinduismus und Buddhismus glauben an einen Kreislauf vieler Wiedergeburten der Seele (Hinduismus) bzw. der menschlichen Daseinsfaktoren (Buddhismus). Durch die Abarbeitung seines ‚Karmas‘ kann der Mensch den Kreislauf  beenden und in die Erlösung (hinduistisch ‚Moksha‘, buddhistisch ‚Nirvana‘)  eingehen. Karma ist eine Art Konto für alle seine begangenen Taten, welches vollständig bereinigt werden muss. In beiden Religionen fungiert die Hölle in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und mit ihren schrecklichen Strafen als Bereinigungshilfe, indem sie den Men-schen läutert. Sie ist keine ewige Einrichtung, sondern zeitlich befristete Durchlaufstation. Der  Islam glaubt an eine trichterförmige Hölle ,Dschahannam’, in der die Ungläubigen durch das Straf-Feuer ‚Nar‘ grausam gequält werden, und zwar für ‚ewig‘ bzw. solange Allah es will.“

Worin liegt die Bedeutung von Satanismus?

Behnk: „‚Satanismus‘  ist ein moderner Begriff, der sich seit dem 17. Jh. von England und Frank-reich her ausbreitete. Einer seiner wichtigsten Propagandisten wurde der Engländer Aleister Crow-ley (1875-1847). Im Zentrum des Satanismus steht nicht der Teufel als persönliche metaphysische Gestalt, sondern der sich als höchster Zweck selbst vergötzende Mensch, der sich im Bündnis mit dem Bösen für allmächtig hält. Crowley formulierte sein Grundprinzip des Satanismus - das ‚Gesetz von Thelema (griech. Wille)‘ - so: ‚Tu was du willst, soll sein das Ganze des Gesetzes‘" Jede Rück-sichtnahme auf andere Menschen, jegliche Ethik, ist damit ausgeschlossen. Satanismus ist die Prak-tizierung von grenzenlosem Eigennutz, durch dessen Umsetzung jener destruktive Abgrund der Seele vertieft wird, der in seiner Auswirkung leidvoll als ‚Hölle im Alltag‘ erlebt werden kann.“

Eine letzte Frage an den Menschen Wolfgang Behnk: Was verstehen Sie ganz  persönlich unter „Hölle“?

Behnk: „Nicht einen feurigen Strafort in der Unterwelt, sondern das Sichereignen des Bösen in der Welt, welches Menschen einander zufügen und erleiden. Ich glaube nicht ‚an‘ die Hölle oder ‚an‘ den Teufel, sondern an Gott, der in Jesus Christus die Macht des Bösen überwunden hat, in seiner strukturellen und in seiner persönlichen Wirkungsweise. So ernst die biblische Warnung vor den Straf-Folgen des bösen menschlichen Tuns verstanden werden muss, so ernst ist der Erlösungswille des liebenden Gottes zu nehmen, der es eigentlich nicht nötig hat, zeitliche menschliche Sünden durch ewige Höllenstrafen auszugleichen. Mir ist die Hoffnung auf den gnädigen Gott hilfreicher als die Furcht vor Hölle und Teufel.“

Herr Dr. Behnk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke