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"Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung"
Die Präsidentin der Landessynode, Dr. Dorothea Deneke-Stoll, hat die Synodalen zur diesjährigen Landessynode in Aschaffenburg begrüßt:
"Wir müssen den Haushalt 2010 und eine ganze Reihe von Vorlagen und Eingaben verabschieden. Aber wir wollen uns nicht nur mit unseren innerkirchlichen Themen beschäftigen. Wir dürfen nicht davor die Augen verschließen, dass die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise inzwischen auch bayerische Unternehmen hart getroffen haben. Im Gegenteil: Ich denke, als Kirche müssen wir genau hinschauen, ja, auch hingehen zu denen, die am härtesten von den Auswirkungen der Krise getroffen werden, die kurzarbeiten müssen oder gar ganz ihre Arbeit verlieren – mit allen schweren Konsequenzen für ihre Familien. Wir müssen aber auch fragen: Wie konnte es dazu kommen? Und uns auf der Basis unseres Glaubens fragen: Was ist jetzt zu tun?
Darum hat der Landessynodalausschuss (LSA) das Thema der Finanz- und Wirtschaftskrise für diese Tagung auf die Tagesordnung gesetzt. Denn ein Warten auf ein Ende der Krise können wir uns nicht leisten, das zeigt die Entwicklung der letzten Wochen überdeutlich. Nach dem endgültigen „Aus“ für das Traditionsunternehmen Quelle, das ja auch auf Zulieferfirmen etc. Auswirkungen haben wird, wird die Dimension der aktuellen Problematik leider erneut richtig deutlich.
"Nicht nur theoretisch diskutieren"
Unsere Beschäftigung mit dem Thema hat schon begonnen: Im Vorfeld dazu haben – in einer sehr ehrgeizigen Zeitplanung – bereits zahlreiche Betriebsbesuche in den Regionen unseres Landes stattgefunden. Auch morgen Mittag wird das Wirtschaftsthema einige unserer Begegnungen hier in Aschaffenburg prägen. Denn wir dürfen nicht nur theoretisch das Thema „Wirtschaftskrise“ diskutieren, sondern wollen auch praktische Einblicke und persönliche Kontakte in unsere Diskussion am Dienstagnachmittag einbringen.
Dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), der die Besuche organisiert hat, danke ich an dieser Stelle, ebenso den beteiligten Unternehmen und ihren Mitarbeitenden und nicht zuletzt denen unter Ihnen, die einen solchen Besuch trotz sehr kurzfristiger Einladungen wahrnehmen konnten. Im Übrigen haben wir uns ja vorgenommen, die Thematik im nächsten Herbst noch einmal und dann ausführlicher aufzugreifen.
"Unsere Kirche weiß, wo ihr Platz ist"
Insgesamt erhoffe ich mir bereits von dieser Synode das deutliche Signal: Die wirtschaftliche Lage in unserem Land und deren konkreten Folgen für die Menschen ist für die evangelische Landeskirche ein Thema. Ich hoffe, dass die Betroffenen spüren, dass unsere Kirche und ihre Diakonie an ihrer Seite stehen. Die mobile Kapelle vor der Quelle AG in Fürth war bereits ein sichtbares Zeichen dafür, dass unsere Kirche weiß, wo ihr Platz in dieser Situation ist.
Ich wünsche mir, dass diejenigen, die verunsichert sind und fragen, wie lange unser derzeitiges Wirtschafts- und Finanzsystem noch so weiter funktionieren kann, wie lange die Staatsschulden noch zu bewältigen sind, wie das soziale Netz noch finanzierbar ist, erkennen können: Das sind Fragen, die uns bewegen, als eine Kirche, die von Gott den Auftrag hat, sich für Arme und Schwache einzusetzen, gerade auch für die, „die unter die Räuber fallen“.
"Nicht einfach weitermachen, wie bisher"
Letztlich kann nur eine ethisch fundierte und verantwortete soziale Marktwirtschaft unser Ziel sein. Auf drei Begriffe gebracht: um „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, die zentralen Forderungen des internationalen ökumenischen konziliaren Prozesses, darum geht es letztlich auch wieder bei unserem Wirtschaftsthema. Merken Sie es? Ich sehe hier einen direkten Zusammenhang mit dem Schwerpunktthema unserer Frühjahrssynode „Mit Energie für gutes Klima“. Bei beiden Themen stellen sich globale gesellschaftliche Herausforderungen einerseits, andererseits aber auch die Frage unseres jeweils individuellen Lebensstils – und schließlich die der Rolle unserer Kirche. Der praktische Umgang mit diesen Fragen wird für die Zukunft unseres Planeten entscheidend sein; hier werden in diesem Jahrhundert auf allen Ebenen Weichen zu stellen sein. Ich wünsche mir, dass uns hier in Aschaffenburg ein guter und ehrlicher Auftakt zu dem Thema gelingt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Der künftige Weg unserer Gesellschaft braucht unser Engagement als Christen. Aber auch in unserer Kirche können wir nicht einfach weitermachen wie bisher. Eine Zahl hat mich betroffen gemacht: 2008 haben rund 20 000 Kirchenmitglieder in Bayern ihren Kirchenaustritt erklärt. Das sind 33% mehr als im Jahr davor, und auch im laufenden Jahr zeigt sich keine Erholung. Ich wiederhole: 20.000 Menschen haben im vergangen Jahr entschieden, dass sie nicht mehr Teil unserer Kirche sein wollen. Das entspricht der Zahl aller Einwohner einer Stadt wie Kitzingen, Günzburg oder Nördlingen. Warum haben sie ihrer Kirche den Rücken gekehrt? War es das Geld? 80% derjenigen, die 2008 ausgetreten sind, waren Kirchensteuerzahlende. Ich glaube, das Geld ist häufig nur der Auslöser, die eigentlichen Gründe liegen tiefer – ich vermute sie auf der Ebene der Beziehung zur Kirche vor Ort und zur Kirche insgesamt.
"Mitglieder ernst nehmen und schätzen"
Wie kommen wir hier mit den Menschen wieder in guten Kontakt? Das Zauberwort heißt „Mitgliedschaftspflege“. Der erste Schritt des Nachdenkens über diese Thema sollte im Übrigen darin bestehen, für diese Form der Orientierung von Kirche an ihren Mitgliedern einen neuen, freundlicheren und treffenderen Begriff wie z.B. „Kontakt- und Beziehungspflege“ oder- das Motto gibt es schon- „gerne evangelisch“ zu finden. Dieses Nachdenken muss allerdings unter dem Blickwinkel unseres kirchlichen Auftrags geschehen, und nicht unter dem Blickwinkel von finanziellen Aspekten. Das Evangelium ist der Maßstab für das Handeln der Kirche. Und kraft dieses Evangeliums sind wir aufgerufen, die frohe Botschaft von der Nähe und Liebe des dreieinigen Gottes in Jesus Christus den Menschen in Wort und Tat weiterzusagen.
Wir sind durch unsere Taufe dazu berufen, Gottesdienste zu feiern, Menschen seelsorgerlich zu begleiten und dann auch die Gemeinschaft untereinander einladend zu gestalten. Dieser Auftrag gilt gegenüber der ganzen Gemeinde, nicht nur bei denen, die sonntags regelmäßig zur Kirche kommen und auch sonst an gemeindlichen Veranstaltungen teilnehmen. Unser Bemühen um Beziehung und qualifizierten Kontakt durch das Evangelium Gottes gilt der Kerngemeinde, aber genauso sehr allen Menschen, auch den Mitgliedern unserer Kirche, die ihre Beziehung an die Kirche als Institution lockerer gestalten. Sie müssen das Gefühl haben: Wir werden als Mitglieder der Kirche ernst genommen und geschätzt!
"Fühlen sich die Menschen willkommen?"
Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammen darüber nachdenken, wie wir ihnen in ihrer individuellen Beziehung zum Evangelium und dann zur Kirche gerecht werden können. Das wird sich dann auch in einer Beziehung zur Kirche vor Ort auswirken, da bin ich mir sicher. Deshalb freue ich mich, dass im Landeskirchenamt bereits eine Facharbeitsgruppe an diesem Thema arbeitet. Über die bereits in den Kirchenkreisen geplanten oder bereits laufenden Projekte werden wir am Mittwoch etwas erfahren.
Wie sieht es denn in den Gemeinden aus? Da gibt es die Menschen, für die es ganz selbstverständlich ist, ihre Kinder taufen und konfirmieren zu lassen, die aber nie auf die Idee kämen, allsonntäglich zum Hauptgottesdienst zu kommen. Aber immer wieder – öfter als die Kerngemeinde denkt – kommen sie eben doch, auch wenn wir als Verantwortliche vor Ort sie nicht bewusst bei unseren Veranstaltungen wahrgenommen haben. Fühlen sich diese Menschen in unseren Veranstaltungen und vor allem in den Gottesdiensten willkommen? Oder erleben sie Ehren- und Hauptamtliche eher als „Kirchenfunktionäre“, die ihnen unterschwellig mit einer kritischen Haltung gegenübertreten? À la „der da kann ja noch nicht einmal das Glaubensbekenntnis und den Gottesdienstablauf auswendig“?
"Wertschätzende Wahrnehmung der Kirchenfernen"
Ich sage es ganz deutlich: Wir brauchen dringend einen Mentalitätswandel hin zu einer wertschätzenden Wahrnehmung der sogenannten Kirchenfernen, wertschätzend auch in ihrer Distanz. Ich bin überzeugt, dass wir hier von der Haltung der Christen in den östlichen Gliedkirchen der EKD lernen können, die sich dies schon lange zur Aufgabe gemacht haben, diese Menschen im Blick zu haben und mit ihnen als Freunde und Förderer der Kirche im Gespräch zu sein.
Ich mag den Begriff der Volkskirche. Er hat für mich eine große Weite. An dieser Weite festzuhalten bedeutet, sich nicht zu sehr in verschiedene Milieus „aufsplittern“ zu wollen, die Angebote nicht zu sehr zu differenzieren. Und es bedeutet, konkret immer wieder nach dem Verbindenden zwischen den Lebens- und Glaubensstilen zu suchen. Natürlich ist manchmal auch ein gewisses Maß an Spezialisierung sinnvoll, etwa bei Gemeinden in sozialen Brennpunkten, denen sicherlich ein intensives diakonisches Profil gut tut, oder bei Innenstadtgemeinden mit historischen Kirchengebäuden und ihrer Attraktivität für Touristen und Passanten.
"Es sollten alle in den Blick kommen"
Aber die Stärke der Kirche vor Ort liegt doch gerade darin, dass sie von der Idee und vom Anspruch als Gemeinde Jesu Christi her eine (vielfach soziologisch konstatierte und oft nicht zu bestreitende) Milieuverengung eben nicht einfach hinnimmt. Wo sonst als in der Kirche hat man die Chance, Veranstaltungen für Junge und Alte, Familien und Singles, Alteingesessene und Neuhinzugezogene, Arbeiter und Unternehmer gemeinsam zu erleben? Aber es sollten eben alle in den Blick kommen, die in unseren Gemeinden leben! Es müssen nicht alle Protestanten regelmäßige Kirchgänger werden! Erfreulich vielen Evangelischen ist die Freiheit eines Christenmenschen, also die Freiheit ein selbstverantwortetes Leben führen zu dürfen, ein hoher Wert. Hinter der verbreiteten Kirchendistanz der Protestanten stehen auch theologische, Motive. Diese Erkenntnis ist auch entlastend, weil sie uns vor Überforderung ebenso schützt wie vor aktionistischer Machbarkeitsphantasien.
Eines fand ich interessant: kürzlich wurde eine „Vorstudie“ der Universität Greifswald veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass in Deutschland immer mehr Menschen erst als Erwachsene, konkret im Alter von 40 bis 60, die Kirche für sich entdecken bzw. überhaupt erst zum Glauben finden. Oft genug gehören sie übrigens erst dazu und kommen dann ihrem Glauben auf die Spur. Diese Ergebnisse sollten uns hellhörig werden lassen. Rechnen wir mit dieser Altersgruppe? Sind entsprechende Angebote in den Gemeinden auf der Tagesordnung, die dazu helfen, erst einmal anzukommen und dann reinzukommen?
"Hauptamtliche hart an der Belastungsgrenze"
Eine Befürchtung habe ich, wenn wir nun als Kirchenleitung das Thema Mitgliederorientierung in jeder Gemeinde auf die Tagesordnung setzen lassen wollen. Da sehe ich eine Welle der Empörung von Mitarbeitenden und Engagierten auf uns zukommen. „Jetzt auch noch Mitarbeiterorientierung – Ja was sollen wir denn noch alles tun? Wieder so Schnapsidee von Synodalen am grünen Tisch?“ An dieser Stelle müssen wir sehr ernst nehmen, dass viele Hauptamtliche von sich sagen, dass sie hart an der Belastungsgrenze arbeiten. Zusätzliche Ideen der Kirchenleitung dürften nicht noch weiteren Druck aufbauen und dazu führen, dass die Zeit für unspektakuläre Dinge wie Seelsorge, gute Unterrichtsvorbereitung oder sorgfältige Predigtvorbereitung fehlt. Ich kenne freilich auch Ehrenamtliche, die frustriert sind, weil immer wieder in den Gemeinden gute Ideen mit viel Energie versucht werden, die letztlich nur mäßige Erfolge zeigen.
Hier möchte ich klarstellen: Es geht nicht um ein Mehr an Arbeit, sondern um die Art und Weise, wie die Arbeit angepackt wird. Nicht neue zusätzliche Aktionen sind das Ziel, sondern eine Sensibilisierung etwa in dem Sinne: Schaut genau hin, welche Menschen bei euch in der Gemeinde leben und wie ihr sie wahrnehmt und ansprecht. Wir Insider müssen ab und zu einmal die Brille derer aufsetzen, die wir unter uns vermissen, wenn wir die eigenen Veranstaltungen besuchen! Das ist etwas, was nach meinem Verständnis zu den Kernaufgaben aller Engagierten gehört und es geschieht ja vielfach schon. Vielleicht führt dieses genaue Hinschauen gerade auch dazu, dass vor Ort der Mut wächst, den schon seit Jahren existierenden Kreis mit immer nur fünf Teilnehmern in hauptamtlicher Verantwortung anders zu organisieren? Oft braucht man nach guten neuen und anderswo schon erprobten Ideen nicht lange zu suchen, sogenannte Beispiele guter Praxis gibt es fast wie Sand am Meer.
"Kein Patenzrezept für Gemeindewachstum"
Was man auch konkret anpackt: die Begegnung mit den Menschen sollte in jedem Fall hierbei eine wichtige Rolle haben. Die bereits erwähnten Greifswalder Forscher haben übrigens ermittelt, dass es nicht primär die Begegnung mit Pfarrerinnen und Pfarrern ist, die Menschen zum Glauben bringt, sondern dass Ehrenamtliche eine wichtige Rolle spielen. Ich ziehe daraus die Folgerung, dass wir Menschen zu fördern sollten, die im Alltag Multiplikatoren für den christlichen Glauben sein können.
Für ein zahlenmäßiges Gemeindewachstum – so wird jedenfalls mir immer deutlicher - gibt es kein allgemein gültiges Patentrezept, Ich finde das eigentlich ermutigend, weil es uns doch vor Ort viele Möglichkeiten gibt, sich auf die Stärken eben der „Kirche vor Ort“ zu besinnen und zu konzentrieren. Können wir uns auf das Wagnis einlassen, unsere unbekannten Mitglieder und kirchlich Interessierte einmal näher kennenzulernen, auf sie zuzugehen, ihnen von unserem Glauben zu erzählen und ihnen zu zeigen, dass sie für uns wertvoll und wichtig sind? In Gottes Namen sollte es uns möglich sein. Und in Gottes Namen dürfen wir auch darauf vertrauen, dass darauf Segen liegen kann, wenn wir es tun. Ohne diesen Segen wären alle unsere Überlegungen vergeblich, in der Kirche vor Ort, aber auch in den kommenden Tagen unserer Tagung. Deshalb wünsche ich uns vor allem Gottes Segen für unsere Beratungen."


