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Abschied nach 34 Jahren
Seit einem Jahr ging das so. Karl-Friedrich Beringer machte alles zum letzten Mal. Das letzte Vorsingen, die letzte Reise, das letzte Konzert. Am Abend des 22. Dezember 2011 war nun wirklich Schluss: seine Zeit als Leiter des Windsbacher Knabenchores ist geendet. In Ansbach dirigierte er letztmals die ersten drei Teile des berühmten Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach.
Leidenschaftliche Hingabe und höchste Ambition
Behringer habe den Knabenchor zu einem der berühmtesten, beliebtesten und anerkanntesten Chöre der Welt gemacht, würdigte Byerns Innenminister Joachim Herrmann den Chorleiter beim Empfang zu Behringers Verabschiedung. In seinen 34 Windsbacher Jahren habe der bald 64-Jährige habe er mit leidenschaftlicher Hingabe, höchster Ambition und außergewöhnlicher Kreativität eine gewaltige Arbeitslast bewältigt. Unzählige Kinder und Jugendliche seien in den vergangenen Jahrzehnten von Beringer zu gesanglichen Spitzenleistungen geführt worden. Jahr für Jahr habe er "Tausende von Konzertbesuchern in der ganzen Welt verzaubert", sagte der bayerische Innenminister.
Wenn man im letzten Jahr alles irgendwann zum letzten Mal mache, "ist das schon mit etwas Wehmut belegt", erzählt Beringer. Trotzdem sei es gut, nach all den Jahren einen Schlussstrich zu ziehen. Beringer wurde am 7. Januar 1948 in Neuendettelsau geboren, knapp sieben Kilometer von Windsbach entfernt. Er studierte am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg, 1978 übernimmt er im Alter von gerade einmal 29 Jahren den Windsbacher Knabenchor von dessen Gründer Hans Thamm.
In wenigen Jahren an die Weltspitze
Thamm, einst selbst Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor, gründet den Chor 1946 am Schülerinternat in der mittelfränkischen Provinz. Schon zu Thamms Zeiten sorgt der Windsbacher Knabenchor für Furore, singt in immer größeren Konzertsälen, erste Plattenaufnahmen folgen. Doch als der junge Musiklehrer Karl-Friedrich Beringer nach einstimmigem Votum des Chors dessen Leitung übernimmt, katapultiert er ihn binnen weniger Jahre an die Weltspitze. Die Windsbacher sind nun ein Elite-Chor.
Ein Traum für viele junge Sänger
Das "Klangwunder aus der Provinz" ist ein Aushängeschild, auch für die bayerische evangelische Landeskirche, deren Einrichtung das Internat samt Chor ist. Für viele sangesbegabte Jungs ist es ein Traum, Teil des Windsbacher Knabenchores zu werden - in der Realität ist es aber vor allen Dingen viel Arbeit. Rund 50 Auftritte müssen die 120 Sänger jedes Jahr absolvieren, die tägliche Probenarbeit ist anstrengend, sie sind viel unterwegs - und eigentlich immer weit weg von ihren Familien.
Der Druck lastet natürlich nicht nur auf den jungen Sängern, sondern auch auf Beringer. Gleichwohl sei es nicht so, dass jetzt "eine schwere Last" von ihm abfalle, sagte er jüngst der evangelischen Wochenzeitung "Sonntagsblatt": "Nein, ich verliere etwas." Die Musik wird Beringer nie verlieren, er wird nicht von ihr lassen können - auch nach seiner Zeit in Windsbach nicht. Das Besondere an der Arbeit mit einem Knabenchor, nämlich "etwas heranwachsen zu sehen", das werde ihm fehlen.
Schwere Vorwürfe
Dass Beringer den - jedenfalls vorläufigen - musikalischen "Ruhestand" überhaupt in Windsbach erlebt, ist keine Selbstverständlichkeit. Am 16. Juli 2004 erreicht das Büro des damaligen evangelischen Landesbischofs Johannes Friedrich ein Beschwerdeschreiben eines Vaters. Der Vorwurf: Misshandlung Schutzbefohlener. Die Staatsanwaltschaft ermittelt - und stellt ihre Untersuchungen ein. Die "schweren Tatvorwürfe" hätten sich nicht bestätigt. Doch immer wieder flammt Kritik an Beringer auf.
Kennern und ehemaligen Sängern des Windsbacher Knabenchores ist nicht erst seit Juli 2004 bewusst, dass Beringer mitunter einen äußerst rüden Tonfall hat. Er ist nicht irgendein Kirchenmusiker. "Er kann triefen vor Hohn, schäumen vor Wut und sich überschlagen vor Zuwendung zu seinen Jungs", wird Beringer im Januar 2005 porträtiert. Kurz danach, in den Faschingsferien, nimmt er sich eine Auszeit. Ans Aufhören, sagt er heute, habe er nie gedacht. Beringer ist Windsbach - und umgekehrt.
Herausforderung für Nachfolger Lehmann
Auch wegen dieser symbiotischen Beziehung wird es sein Nachfolger nicht leicht haben. Der ehemalige Dresdner Kreuzchor-Sänger Martin Lehmann übernimmt ab Februar die Leitung der Windsbacher - er tritt in große Fußstapfen, das weiß und sagt auch Beringer. Ein Ensemble auf weltweitem Spitzenniveau zu halten, sei schwieriger als dieses Niveau zu erreichen. Dass er das konnte und kann, hat er am 22. Dezember ein letztes Mal bewiesen - zumindest bei den Windsbachern.
Text: Daniel Staffen-Quandt (epd)

