Hoffnungsvolles Innehalten
Anderswo schwenken die Kinder schon wieder ihre Schulränzen, sind die Sommerferien längst vorbei. Nicht so in Bayern, wo noch die große Auszeit herrscht: noch bis einschließlich 14. September lassen die Menschen hier ihre Seele baumeln – oder vertrauen sie anderen an. Denn Urlaubszeit ist nicht nur Zeit zum Ausruhen, sondern auch Hochsaison für besondere Helfer in der Not: für Urlaubspfarrer.
Einer von ihnen ist Norbert Stapfer (Foto links), 47, Pfarrer für die Kurseelsorge in Bad Füssing. Das Durchschnittsalter der Kurgäste liegt „jenseits der 50“, viele ließen sich behandeln wegen körperlicher Gebrechen. Und viele klopften auch an Stapfers Tür, um ihre Psyche verarzten zu lassen. „Die Menschen kommen in meinen Sprechzeiten zu mir und vereinbaren einen seperaten Gesprächstermin. Die Gespräche dauern im Durchschnitt zwischen 30 und 60 Minuten, in der Saison habe ich fünf bis sieben Gespräche pro Woche“, erzählt Stapfer. Die Menschen träten vor allem mit familiären Konflikten an ihn heran: „sie beklagen zum Beispiel Probleme in der Ehe oder fehlenden Kontakt zu den Kindern“, sagt der Pfarrer.
Den Focus aufs Hingucken, Zuhören legen
„Die Menschen begegnen mir dabei sehr offen. Ich denke, die Offenheit liegt darin begründet, dass ich einerseits eine Vertrauensperson für sie bin, andererseits ein fremder Pfarrer, den sie vermutlich nicht wiedersehen werden – im Gegensatz zu ihrem Pfarrer daheim habe ich nicht den biographischen Hintergrund der Leute“, sagt Stapfer. „Ich bin eher einer, ,dessen Meinung man auch einholt’. Dabei konzentriert er sich aufs Begleiten, nicht aufs Ratschlaggeben. „Ich helfe den Leuten dabei, eine Lösung zu finden.“
Wichtig sei dabei, nicht zu viel zu reden, sondern den Focus aufs Hingucken, Zuhören zu legen. „Aufgrund der Kürze der Zeit, reduziert sich meine Aufgabe darauf, das Problem zu sondieren, die Dinge für den Moment zu sortieren, zu sichten“ – ohne dass das Gespräch oberflächlich wird.
Die Sorgen der Leute konzentrieren sich auf Emotionen, daran änderte dieses Jahr auch die Wirtschaftskrise nichts; „wenn die älteren Menschen Angst um ihre berufstätigen Kinder haben, dann eher aus Sorge um deren Ehe, als um deren finanzielle Absicherung“.
Dass die Menschen gerade im Urlaub, wenn sie loslassen könnten, ausgerechnet an Eheproblemen festhalten, ist auch für Helmut Leipold Foto links) nichts Ungewöhnliches. Ebenso wie sein Kollege Stapfer ist der 62-Jährige „Pfarrer für Urlauber und Kurgäste“ im Einsatz: im malerischen Oberstdorf in Oberbayern. „Gerade im Urlaub, wenn zwei Partner, die sich durch die Hektik ihres Arbeitslebens nicht so häufig sehen, plötzlich 24 Stunden aufeinander hocken, kommen Probleme hoch, die sonst verdrängt werden.“
"Wie steht es um meine Nächstenliebe?"
Neben psychologischer Beratung, die Leipold individuell auf Mensch und Situation zuschneide, versucht er die Menschen sensibel zu machen, für die scheinbar selbstverständlichen Dinge im Leben, „sich an der Landschaft zu freuen“, wie er sagt. „Oder dankbar dafür zu sein, dass man es schafft, im Urlaub einen Berg wie das Nebelhorn in Oberstdorf zu erklimmen; der Bergblick, den man von hier aus genießt, öffnet die Sicht auf 400 Gipfel auf einmal!“
Den Blick zu schärfen für das Außen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen: dazu will auch Seelsorger Stapfer anregen. Dass gerade Gäste in Bad Füssing viel für ihre Gesundheit täten, sei natürlich eine lobenswerte Sache – aber es eben auch nicht alles. „Ich versuche, den Blick der Menschen auch zu öffnen für Fragen wie diese: ,Ist es alles, wenn ich gesund bin? Kann ich auch über den Tellerrand meiner gesundheitlichen Bedürfnisse hinausschauen? Wie steht es um meine Nächtenliebe?’ Ich versuche, ihren Blick für andere zu schärfen.“
"Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion"
Wenngleich sich die Sorgen der Gäste in ihrer Thematik durch die Krise kaum geändert hätten, habe sich ihr Verhalten doch gewandelt – zumindest, was Bad Füssing angeht. „Die Gästezahl ist während der Krise um zwei Prozent gestiegen“, weiß Stapfer – parallel gehe ihre jeweilige Verweildauer zurück: „Die Menschen bleiben nicht mehr solange und geben folglich weniger Geld aus.“
Umso wichtiger, die kurze Zeit für Sinnvolles zu nutzen. Für den Gang in eine Kirche, das Gespräch mit einem Pfarrer, das im Urlaub eine große, wichtige Stütze sein kann. „Es gibt einen Spruch von Schleiermacher“, sagt Leipold: „,Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion’. Und Urlaub ist auch eine Unterbrechung: nämlich die vom Alltag. Deshalb passen Urlaub und Religion auch so gut zusammen: beides hat mit hoffnungsvollem Innehalten zu tun.“
Text: Almut Steinecke



