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Wort zu Karfreitag 2011

Von Michael Grabow

Augsburg (epd). ",Warum sollen wir uns denn jetzt mit dem Leiden und Sterben Jesu beschäftigen? Das Wetter ist so schön, überall blüht es, da möchte ich lieber über etwas Schönes nachdenken.' Diese protestierende Frage einer Jugendlichen löste im Vorbereitungskreis für den Karfreitagsgottesdienst eine spannende Diskussion aus.

Der Blick zum Kreuz ist ja auch nicht gerade schön: ,Schau, da ist Dein Gott! Ohnmächtig ans Holz genagelt und doch der, der mit seinem Leid auch Dein Leid trägt.'

Wer beschäftigt sich schon gern mit so traurigen Themen, schon gleich, wenn die Sonne scheint und der Frühling ins Freie lockt. Leiden und Sterben werden heute oft verdrängt, auch das Leiden und Sterben Jesu.

Es fällt manchen Menschen heute schwer, zu akzeptieren, dass ein anderer, dass Gott selbst unser Leid trägt. Vielleicht wollen sie selbst stark sein, keine Schwäche zeigen. Vielleicht wollen sie mit ihrem Leben selbst fertig werden, ohne das Mitleid anderer, auch ohne das Mitleiden Gottes.

Für andere ist ein Gott, der menschliches Leid nicht nur aus der Distanz heraus betrachtet, sondern der dieses Leid am eigenen Leib erfahren hat, ein tiefer und echter Trost. Auch mir ist dieser leidende, mitleidende Gott immer wichtiger geworden. Denn in ihm kommt Gott mir plötzlich ganz nah. Er versteht, was in mir vor sich geht, wenn ich Leid empfinde. Er versteht meine Schwäche. Er versteht meine Verzweiflung. Er versteht meine Not.

Gott wird so zum Leidensgenossen der Menschen. Er geht ihren Weg mit und teilt ihr Schicksal, teilt sogar ihren Tod. Dieser Gott ist ein solidarischer Gott. Er ist so solidarisch, dass er sich selbst für den schimpflichsten Tod nicht zu schade ist. Er ist so solidarisch, dass er sich zwischen zwei Verbrechern hinrichten lässt und einem von ihnen sogar noch das Himmelreich verspricht. Diese Nähe, dieses Mitleiden, diese Solidarität haben Menschen über nun schon bald 2000 Jahre erfahren und erlebt. Und sie haben daraus nicht nur Trost und Stärkung für sich selbst geschöpft. Sie haben daraus auch gelernt, selbst aufmerksam für das Leid anderer zu werden und mit den Leidenden, den Schwachen, den Verfolgten solidarisch zu werden.

Das tun Christen auf der ganzen Welt: manche ganz im Stillen, andere im Engagement eines Krankenhausbesuchsdienstes, in einer Asylgruppe oder bei der Telefonseelsorge. Und man könnte hier natürlich noch vieles andere aufzählen.

Und so wird der Karfreitag plötzlich zu einem wichtigen Signal für unsere Welt, in der das Leid leider nicht nur eine Randerscheinung ist, sondern ganz alltägliche Wirklichkeit. Das Kreuz, dieses schreckliche Marterinstrument wird zu einem Hoffnungszeichen für diese so unheilige, gewalttätige und geschundene Welt, für jeden leidenden, geschundenen, sterbenden und getöteten Menschen auf dieser Erde. Der Blick zum Kreuz wird so zum Hoffnungsblick: ,Schau, da ist Dein Gott! Ohnmächtig ans Holz genagelt und doch der, der mit seinem Leid auch Dein Leid trägt.' Welch ein Trost, welch eine Hoffnung eröffnet sich damit für uns - gerade am Karfreitag.

Heinrich Götz ist Regionalbischof
des Kirchenkreises Augsburg-Schwaben

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