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Wahres Leben gibt allen Menschen Raum an der Krippe

(c) www.bayern-evangelisch.de

Von Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler "Geh nicht auf den Christkindlmarkt", sagt die Ehefrau. "Diese Terrorwarnungen der letzten Zeit nehme ich schon ernst. Denk nur daran, was in anderen Ländern auf Märkten schon alles passiert ist." Also wirklich! Terror inmitten von Glühweinseligkeit, Bratwurstdämpfen, "Süßer die Glocken nie klingen" und Spielzeuggeräuschen? Undenkbar.

Und doch… Man kommt ins Grübeln. Geht trotzdem los, weil man sich von niemandem die Stimmung vermiesen, sich nicht in seiner Freiheit einschränken lassen will. Spürt innere Verunsicherung. Was ist das für eine merkwürdige Gestalt dort hinten? Was trägt dieser dunkelhäutige, bärtige Typ in seiner offensichtlich schweren Tasche? Er stellt sie ab und geht weg. Ach nein, er kommt wieder, packt Kerzen und Kugeln ein. Alles Panikmache.

Wer die Weihnachtsgeschichte sorgsam liest, der entdeckt, dass Schrecken und Verunsicherung tatsächlich nicht weit vom Christkind entfernt sind. Maria und Josef laufen sich die Füße wund, bis sie endlich in ihrer Heimatstadt angekommen sind, um an der Volkszählung teilzunehmen. Unterkunft finden sie erst mal keine, weil die feinen Leute unter sich bleiben wollen und für wanderndes Volk kein Platz ist. Integration wird in der Geburtsstadt Jesu nicht gerade groß geschrieben.

Kaum ist das göttliche Kind geboren, setzt ein machtgieriger Herrscher seine Truppen darauf an, alle kleinen Kinder zu ermorden – es könnte ja ein zukünftiger Konkurrent darunter sein. Die Heilige Familie macht sich schleunigst auf und sucht Asyl im benachbarten Ausland. Zum Glück werden sie dort nicht abgeschoben.

Terror an der Krippe – darüber lässt sich die Weihnachtsgeschichte deutlich aus. Welt ging verloren: Menschen machen sich gegenseitig das Lebensrecht streitig, verdammen andere, die nicht dasselbe glauben wie sie, wollen die Herrschaft an sich reißen und alles in den Staub treten, was sich dem nicht fügt. Christ ist geboren. Gott kommt in die Angst, die Überheblichkeit, konfrontiert menschlichen Allmachtswahn und bodenlose Furcht mit göttlicher Nähe. So sieht das Paradies auf Erden aus: innere Distanz, geistige Entfremdung überwinden. Sich nicht zu schade sein, um im Elendsquartier einzukehren, sich mit Haut und Haar ins armselige Menschenleben hineinzubegeben. Auch den erbarmungswürdigsten Gestalten ein himmlisches Lächeln, mehr noch, das ganze Leben zu schenken …

Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Gott nähert sich, er gibt sich hin – wozu? Damit wir begreifen, was wahres Leben ist: eines, dass allen Menschen Raum an der Krippe gibt, das sich verneigt vor den Geschöpfen, die allesamt Gottes große und kleine Kinder sind. Erschienen, uns zu versühnen, auch miteinander.

Zugleich ist es wohl wahr, dass nicht alle Menschenkinder ihren Platz beim himmlischen Kind einnehmen wollen oder können, es sogar nach wie vor mit aller Macht befehden. Aber wenn Gott selbst die Auseinandersetzung nicht scheut, wenn er seine Allmacht dreingibt, sich hingibt, um unsere irdische Beschränktheit mit ewiger Liebe zu erleuchten – dann könnten wir doch mit unserer kleinen Kraft an Versöhnung arbeiten, wo immer es geht. Damit Friede auf Erden wird.

Susanne Breit-Keßler ist Regionalbischöfin
im Kirchenkreis München-Oberbayern
und Ständige Vertreterin des Landesbischofs

(Quelle: epd)