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"Versorgt genug?"

„Versorgt genug? Den eigenen Mangel nicht fürchten“ ist Motto der zweiten Woche der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Wissen wir überhaupt was Mangel ist? Wie verträgt sich unser Wohlstand mit dem Elend in anderen Ländern der Welt? Darüber hat sich Renata Blodow, Übersetzerin i.R. aus Pfaffenhofen Gedanken gemacht. Die gebürtige Estin, die für Ihr Engagement in der Europäischen Frauenlobby 1998 das Bundesverdienstkreuz erhielt, hat die Kriegs- und Nachkriegsjahre in ihrer Jugend wach miterlebt:

"Es vergeht kaum ein Tag, an dem in meinem Briefkasten nicht ein Schreiben liegt, mit dem eine wohltätige Organisation auf die Notlage von Menschen hinweist und um Spenden bittet, sei es für Erdbebenopfer auf Haiti, Hungernde in sudanesischen Flüchtlingslagern, Slumkinder auf den Philippinen oder Waisen, die in SOS-Kinderdörfern Zuflucht gefunden haben. Zweimal im Jahr teile ich eine bestimmte Summe unter den Bittstellern auf und gebe die ausgefüllten Überweisungsträger meiner Bank.

Dennoch plagt mich dabei mein schlechtes Gewissen, denn ich weiß, daß dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Ich weiß aber auch, daß wirkliche Hilfe nur durch umfassende wirtschaftliche und politische Maßnahmen erfolgen kann, während Spenden keine wesentliche Besserung bewirken. Und ich frage mich, ob es gerecht ist, daß ich jederzeit alles, was ich brauche – und noch mehr als das – kaufen kann.

Ich lernte den Hunger kennen

Die überfüllten Regale im Supermarkt, die zwanzig bis dreißig Brotsorten in der Pfisterei, die Berge von buntem Gemüse und Obst auf dem Wochenmarkt stehen mir zur Verfügung. Es ist also genug da und würde für alle reichen, wenn die Güter dieser Welt  besser verteilt wären. Mir ist klar, dass dies nicht in meiner Macht steht, und trotzdem stöhnt mein Gewissen.

(c) PrivatEin wenig kann ich es beschwichtigen, indem ich in Gedanken in die Vergangenheit wandere, in die Jahre während des Krieges und danach. Damals war alles, was zum Leben nötig war, nur auf Bezugschein oder Lebensmittelkarten zu bekommen – Kleider, Schuhe und Essen. Vollmilch gab es nur für Kinder und junge Mütter, hundert Gramm Fett mussten für zehn Tage reichen, ein Kilogramm Brot ebenso. Es reichte knapp, solange die Lebensmittelkarten beliefert wurden; aber in den ersten Nachkriegsjahren war selbst dieses Minimum an Nahrung nicht mehr gesichert. Ich lernte den Hunger kennen.

"Mit dem Vorhandenen verantwortungsvoll umgehen"

Jetzt war jede geschenkte Kartoffel, jeder wurmstichige vom Baum gefallene Apfel, jede durch stundenlanges Schlangestehen ergatterte Mohrrübe eine Kostbarkeit. Am lebhaftesten erinnere ich mich an einen steinharten vertrockneten etwa pfundschweren Brocken Kommißbrot, den ich beim Aufräumen in einem ehemaligen Gasthaus – man wurde ja damals zu allen möglichen Arbeiten herangezogen – in einer Schrankecke fand. Gewaschen, in Wasser eingeweicht, auf einer trockenen Pfanne leicht geröstet und in gleichgroße Stücke geteilt, ergab das Brot eine herrliche Mahlzeit für die Familie. Ich habe seitdem nie eine Scheibe vertrocknetes Brot weggeworfen.

Die Erinnerung hilft, das Gewissen zum Verstummen zu bringen. Vielleicht waren jene Jahre etwas wie eine Vorleistung, die ich als junger Mensch mit geringer Mühe erbringen konnte und jetzt im Alter nicht schaffen würde. Vielleicht waren jene Hungerzeiten so gesehen eine Gnade, so wie es die jetzige Zeit des Überflusses für uns alle ist, wenn wir mit dem Vorhandenen verantwortungsvoll umgehen."