Symbolik
Warum tragen zum Beispiel trauernde Menschen häufig schwarze Kleidung? Oder was hat es mit dem Trauerjahr auf sich? Was wollen Menschen zum Ausdruck bringen, die am offenen Grab Erde auf den Sarg werfen? Haben Grabsteine einen tieferen Sinn? Und warum schmücken häufig Blumenkränze ein frisches Grab?
Gemeinsam ist all diesen Bräuchen und Symbolen, dass sie mit wenigen oder ganz ohne Worte mit ihrem Umfeld kommunizieren wollen. Und meist ist in diese wortlose Kommunikation die Erfahrung von vielen Jahrhunderten eingebunden.
Woher kommt eigentlich der Brauch, auf einem Grab einen Grabstein aufzustellen?
Bereits vor der Zeit der Griechen wurden auf Gräbern Stelen errichtet, die später oft mit Reliefdarstellungen versehen wurden. Stelen erinnern in ihrer Form an einen aufrecht stehenden Menschen. So können sie das Leben auf dem Grabmal eines verstorbenen Menschen symbolisieren.
Schon früh ist das Motiv dokumentiert, dass die Verstorbenen mit dieser Grabgestaltung das Andenken an ihre Person und Leistungen im Bewusstsein der Bevölkerung wach halten wollten. Dieser Wunsch war so stark ausgeprägt, dass manche Forscher in der Gräberpflege, die die ersten Christengemeinden kultivierten, eine wichtige Begründung dafür sehen, warum sich das Christentum so rasch ausbreitete: Christengemeinden ehrten die Verstorbenen durch Grabpflege und Erinnerungskultur.
Stein ist beständig und von Dauer und unerschütterlich soll auch das Andenken sein. Der Stein eröffnet durch seine lange Lebenszeit den Blick nach vorne: Er wird in aller Gelassenheit die Wiederkunft Christi und damit die Auferstehung der Toten erwarten. Daran erinnert auch die Form des Kreuzes, die auf christlichen Friedhöfen dominiert.
Die waagerechte Grabplatte aus Stein hatte ursprünglich wahrscheinlich den Zweck, den Leichnam vor der Exhumierung durch wilde Tiere zu schützen. Heute wird sie oft auf den Gräbern gewählt, die nicht regelmäßig gepflegt werden können.
Bei der Beerdigung beginnt die Handlung am Grab damit, dass der Sarg in die Erde eingesenkt wird. Beim dreimaligen Erdwurf nennt der Pfarrer nochmals den Namen des Toten und übergibt ihn mit segnenden Worten der gnädigen Hand Gottes.
Dass dreimal Erde auf den Sarg geworfen wird ist ein Zeichen dafür, dass wir wieder zu Erde werden, aber ebenfalls ein Hinweis auf die Auferstehung. Zum Abschluss setzen alle Anwesenden den Erdwurf fort. Es ist ein Symbol für die Barmherzigkeit, ein Zeichen dafür, dass sie bei der Bestattung des Verstorbenen helfen. Im Bild wird angedeutet, dass der Verstorbene zur letzten Ruhe gebettet wird. Die Angehörigen decken ihn also bildlich zu. Der Erdwurf besiegelt auch rituell die Trennung von Seiten der Hinterbliebenen.
Wer selbst an einer Erdbestattung teilgenommen hat, kennt die Empfindungen, die der Erdwurf auslösen kann. Für viele Menschen ist es ein innerstes Bedürfnis, auf diese Art noch einen letzten Gruß am offenen Grab in aller Stille zu formulieren.
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Dieses Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja (Kapitel 43,1) steht auf dem Grabkranz und drückt einen Hauch von Ewigkeit aus. Gott spricht es zu seinem Volk und macht den Menschen deutlich, dass sie schon in Gottes Schoß waren, bevor ihr Erdenleben begann. Mit dem Tod hört die Gotteskindschaft nicht auf.
Der Brauch, Gräber zu schmücken, ist erst etwa 200 Jahre alt. Der Kranz ist dabei das Symbol für die Unvergänglichkeit. Der Kranz hat keinen Anfang und kein Ende. So auch Gottes Liebe und sein Wesen als Schöpfer: Er schafft die Welt immer wieder neu und aus Vergangenem geht neues Leben hervor.
Wie es scheint, haben die Grabkränze ihre beste Zeit bereits hinter sich. Immer häufiger trifft man auf Gräbern Gestecke in Form von Herzen an, als wollte man jetzt ausdrücken: „Unsere Liebe bleibt bestehen, selbst wenn du tot bist.“ Der Kranz hingegen war als Symbol gegen die Furcht vor der Vergänglichkeit ein Symbol für die Überzeugung: „Der Tod gehört zum Leben. Das Leben hat das letzte Wort. Wir sind geborgen in Gottes Unvergänglichkeit.“
Der evangelische Umgang mit dem Weihwasser
Die Katholiken sind es gewohnt. Und am Ende einer Trauerfeier, die nur in der Aussegnungshalle stattfindet, sind wir Evangelischen oft ein wenig hilflos. Wir stehen vor dem Sarg und wissen keine Geste, machen kein Kreuzzeichen, haben keine Blume zur Hand und empfinden das bereit gestellte Wasser als zu katholisch. Was kann man tun außer noch einmal liebevoll mit den eigenen Händen den Sarg zu berühren?
Das Weihwasser der katholischen Kirche hat eine ökumenische Geschichte und darum eine beiden Kirchen gemeinsame Begründung. Fern von jeder Magie will es an das Taufwasser erinnern, daran, dass wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, auf den dreieinigen Gott, der uns Leben schenkt weit über den Tod hinaus. Gerade deshalb ist es kein Missgriff, sondern tiefe Frömmigkeit, das Tauferinnerungswasser auch als evangelischer Christ zu verwenden, zum Beispiel mit der Taufformel: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dabei können sie dreimal den Sarg mit diesem Wasser besprengen. Damit vergewissern wir uns selbst und im Hinblick auf die Toten der bleibenden Kraft der Taufe, die uns Anteil gibt am Tod und an der Auferstehung Jesu.
Wer schwarze Kleidung trägt will sich den Blicken anderer entziehen – so zumindest die ursprüngliche Idee, warum sich Menschen im Angesicht des Todes schwarz kleideten. Dafür war die Vorstellung prägend, dass der Tod in Gestalt einer Person bei der Trauerfeier und der Beerdigung anwesend sei. Um ihm nicht aufzufallen oder gar sein nächstes Opfer zu werden, verbarg man sich in schwarzer Kleidung. Der schwarzen Kleidung haftete somit die Vorstellung an, sie könne die Menschen schützen. Schwarze Kleidung ist in unserer Kultur aber auch Festkleidung zu ganz besonderen Ereignissen, die über den Alltag hinausreichen.
Bis heute hat dunkle Kleidung die Funktion behalten, dass sie ohne Worte eine Bitte an die Umwelt formuliert: „Ich trauere um einen geliebten Menschen und bin deshalb nicht so wie früher. Oft bin ich traurig und ich will, dass du das weißt.“ Dies ist im Alltag wichtig, auch wenn der Brauch, während der Trauerzeit schwarz zu tragen, immer mehr aus der Mode kommt. Er markiert einen Schutzbereich und mutet sich auf besondere Weise dem Nächsten zu.
Was hat es mit dem Brauch auf sich, dass Witwe bzw. Witwer ein Jahr um die bzw. den Verstorbenen trauert? Bereits im Alten Testament werden Trauerzeiten erwähnt. Das Trauerjahr kann so etwas wie einen Schutz bedeuten. Der Verlust eines geliebten Menschen schmerzt. Dieser Schmerz kann den Mensch bis in sein tiefstes Innerstes erschüttern.
Diese Erschütterung verändert das Leben der bzw. des Angehörigen zusätzlich. Oft nehmen Trauernde Vorgänge, die um sie herum geschehen, verlangsamt wahr. Die Wertvorstellungen verändern sich: Was einem früher wichtig war, ist plötzlich völlig belanglos. Starke Stimmungsschwankungen erschweren es dem Trauernden, für sich selbst und für andere verständlich zu sein. Deshalb findet oft auch ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben und den sozialen Kontakten statt.
Die Trauer ist der Prozess, der mit dem Verlustschmerz arbeitet, ihm Raum, Zeit und Gehör schenkt. Die Trauer führt zu einem veränderten Leben, einem reiferen Leben. Wer den Verlust erfahren und mit der Trauer verarbeitet hat, kann mit dem Tod leben.
Der Brauch des Trauerjahrs will den erforderlichen Schutzbereich markieren: Hier lebt jemand in einer besonderen Situation. Darauf gilt es Rücksicht zu nehmen. Wie lange dieser Schutzbereich erforderlich ist, hängt von vielen individuellen Faktoren ab: mal sind es nur wenige Woche, mal mit einem Kalenderjahr nicht getan.



