Spiritualität in den Alltag integrieren
Christliche Spiritualität meint das Leben im Ganzen. Sie ist eine Frömmigkeitskultur, die den Lebensstil des Christenmenschen kennzeichnet. „Sie lebt aus dem Wechselspiel von Sonntag und Alltag, von sonntäglicher Versammlung um Wort und Sakrament und alltäglichem Gebet, von Gottesdienst am Sonntag und im Alltag der Welt“, sagte Bischof Wolfgang Huber in einer Predigt zur spirituellen Situation der evangelischen Kirche.
Die Orientierung am Doppelgebot der Liebe – zu Gott und zum Nächsten wie zu sich selbst – bestimme die besondere Gestalt evangelischer Frömmigkeit. „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln“ lautet Huber zufolge eines ihrer Grundgesetze.
Die Grundbewegung evangelischer Spiritualität habe Martin Luther im Kleinen Katechismus exemplarisch formuliert: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“.
Dass die so beschriebene Bewegung besondere Räume und Zeiten brauche, sei auch Martin Luther sehr bewusst gewesen, so Bischof Huber. Zwar habe Luther vor einem naiven Vertrauen in „heilige Räume“ gewarnt: Unter der Elbbrücke könne Gott genauso verehrt werden wie in einem Kirchengebäude. Aber ausdrücklich habe er den Weg der Stille als einen Weg zu Gott empfohlen: „Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. Darum, willst du auch erleuchtet und warm werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du still sein und das Bild dir tief ins Herz fassen kannst, da wirst du finden Wunder über Wunder.“
Die Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes will verleiblicht werden und in unserem Alltag einen festen Ort erhalten. Deshalb brauchen wir eine Übung der Spiritualität, feste Formen der Frömmigkeit, die uns in guten wie in schweren Tagen tragen und zum „Schwarzbrot unseres Glaubens“ werden können. Dass biblische Texte – die Losungen zum Beispiel – in unserem Leben einen festen Ort haben, ist dafür genauso wichtig wie der Raum für Zeiten der Stille, die Praxis der Meditation und die Übung des Gebets.
>> Zur spirituellen Situation der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, 28. Mai 2002, Philipp-Melanchthon-Kirche, Berlin-Neukölln.
Beispiele für Spiritualität im Alltag
Die Herrnhuter Losungen wollen Gottes Wort und unseren Alltag zusammenbringen. Sie bestehen aus einer Sammlung von kurzen Bibeltexten des Alten und des Neuen Testamentes. Durch ein Losverfahren wird für jeden Tag des Jahres einer dieser Verse festgelegt, der dem Leser oder der Leserin als Leitwort oder guter Gedanke für den Tag dienen kann.
Die Losungen sprechen die Gemeinde Jesu Christi an und nicht nur den einzelnen Leser oder die einzelne Leserin. Das Wort Gottes verbindet die Losungsleser und -leserinnen über alle Grenzen hinweg, die Menschen zwischen Personen, Kirchen oder Völkern aufrichten. Die Losungen können Menschen ermutigen, wenn sie von Problemen umgetrieben werden. Wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen, dann kann das Losungsbuch einen guten Gedanken Gottes für sie bereit haben.
>> Weitere Informationen zu den Herrnhuter Losungen finden Sie unter www.losungen.de.
Im Gebet besinnt sich ein Mensch auf seine persönliche Beziehung zu Gott. Was jemand mit sich selbst erlebt und in der Welt erfährt, das verbindet sich in den Gedanken, Worten und Gesten, mit denen er Gott anredet und anruft. Beten ist ein Gespräch mit Gott, in dem das ganze Leben Platz hat: mit all seiner Freude und Dankbarkeit, seinen Hoffnungen und Wünschen und mit seinem Leid. Im Gebet holt die Seele Atem, sie schöpft neue Kraft für den Umgang mit den eigenen Möglichkeiten und den Kampf mit den persönlichen Problemen.
„Gebet ist alles, was die Seele in Gottes Wort schafft: zu reden, zu dichten, zu betrachten und so fort“, hat Martin Luther gesagt. Raum und Zeit für das Gebet sind im Gottesdienst. Daran gebunden ist es jedoch nicht. Jeder Zeitpunkt ist dafür geeignet, sich Gott mit Lob und Dank, mit Fragen, Bitten und Klagen anzuvertrauen.
>> Hier gelangen Sie zu unserer Gebetszettelwand, an der Sie Ihre persönlichen Anliegen, Bitten und Gebete mit anderen teilen können.
„Exerzitien im Alltag“ sind eine weitere Form der spirituellen Sinnsuche, nämlich durch geistliche Übungen, „im alltäglichen Leben die Gegenwart Gottes und sein Wirken zu entdecken, und das konkrete eigene Leben auf ihn hin zu ordnen, sich von ihm verwandeln zu lassen“, wie es Ignatius von Loyola, der Begründer der Exerzitien, nennt.
>> Lesen Sie dazu in diesem Spezial auch die Artikel zum Thema „Exerzitien“.
(Bilder: photocase.de)



