Sieben Wochen ohne Unchristlichkeit
Inwieweit lassen sich Ausreden mit einem christlichen Menschenbild vereinbaren, beziehungsweise: lassen sie sich überhaupt vereinbaren?! Professor Michael Frenkel sagt: es kommt drauf an! Der 56-jährige Rektor der WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar plädiert ebenso für das Streben nach ethischen Werten, wie auch für ein Verständnis für menschliche Fehlbarkeit. Ein Interview.
Herr Professor Frenkel, was kennzeichnet ein Christliches Menschenbild?
Professor Frenkel:„Ein Christliches Menschenbild entspricht der Umsetzung der Werte aus der Bibel: Integrität, Ehrlichkeit, Nächstenliebe, vor allem auch das Miteinander auf Augenhöhe. Vor kurzem hörte ich die sich mir eingeprägte Empfehlung: ,Schau nur auf jemanden herab, wenn du ihn erheben willst'. Wenn ein Mensch dies alles leben kann, vervollständigt sich das Christliche Menschenbild.“
Das hört sich alles sehr schön an. Aber geht das nicht ein bisschen an der Realität vorbei, kann der Mensch das auch alles leisten? Letztendlich ist er Mensch und damit fehlbar.
Frenkel: „Er kann diese Werte nicht immer erfüllen, das ist schon klar. Ich finde, es geht aber auch gar nicht darum, dass er diese Werte immer lebt, immer erfüllt. Es geht darum, dass er sie sich immer wieder vor Auge führt, sozusagen als Ziel, das nicht aufhört, erstrebenswert zu sein.“
Ausreden stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche. Inwieweit sind Ausreden mit einem Christlichen Menschenbild vereinbar?
Frenkel:„Im Prinzip gar nicht. Ich möchte nicht ausschließen, dass es Situationen gibt, in denen man sich zur Vermeidung einer Verletzung anderer einer Ausrede bedienen kann. Eine Ausrede ist nicht das gleiche wie eine Lüge. Dennoch: die Situationen, die eine Ausrede rechtfertigen, sind Extremfälle und im Einzelfall auch sehr schwer zu beurteilen. Wir müssen natürlich zugeben, dass Menschen häufig mit Ausreden argumentieren. Der Mensch ist und bleibt unvollkommen, er ist fehlbar, dafür ist er Mensch."
Landesbischof Friedrich fordert, dass Manager dafür sorgen müssten, Arbeitsplätze zu erhalten und Löhne in angemessener Höhe zu sichern, er wünscht sich einen vermittelbaren Abstand zwischen Spitzengehältern und niedrigen Einkommen. Inwieweit ist ein so christlicher Wunsch in unserer heutigen Leistungskultur umsetzbar?
Frenkel: „Dies ist nicht umsetzbar, und ich frage mich, ob dies wirklich eine gute Idee ist. Was ist ein vermittelbarer Abstand und warum sollten sich bestimmte Gehälter gerade an diesem Kriterium ausrichten. Außerdem: warum sollte dies nur auf Manager Anwendung finden? Die Akzeptanz von Gehaltshöhen in der Bevölkerung hängt meines Eindrucks nach zum einen vom eigenen Standpunkt ab und zum anderen von der Art der zu beurteilenden Tätigkeit. Es ist schon erstaunlich, dass gerade die Deutschen kein Problem mit Spitzensportlern und Spitzenstars aus Musik und Film haben, die einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr verdienen, aber bei Spitzenmanagern hierüber völlig anders denken. Wenn es um die Forderung geht, dass Manager dafür sorgen sollten, Arbeitsplätze zu erhalten und Löhne in angemessener Höhe zu sichern, so ist dies keine neue Forderung, sondern schon seit geraumer Zeit Bestandteil der modernen Managementliteratur. Diese sieht Spitzenmanager als gegenüber den verschiedenen an einem Unternehmen beteiligten Personengruppen verpflichtet und hierzu zählen auch die Arbeitnehmer.“
Aber es gibt doch dieses Sprichwort: „Der Ehrliche ist immer der Dumme“. Wer das hört, fühlt sich angespornt, wer will schon der Dumme sein, lieber sucht man dann doch eine Ausrede…
Frenkel:„Ja, ich kenne das Sprichwort auch. Allerdings würde ich diesem entgegenhalten: ,Ehrlich währt am längsten‘! Das trifft meiner Meinung nach viel besser zu. Der Ehrliche mag kurzfristig manches Mal als der Erfolglosere erscheinen. Langfristig aber ist er der Gewinner, denn er hat nach seinen inneren ethischen Werten gelebt und diese eben nicht vergessen, nur um einfach schnell ans Ziel zu kommen.“
Andererseits soll man ja immer auch die „Gunst der Stunde“ nutzen…
Frenkel: „Ich bin absolut für ein ,Carpe Diem‘! Aber so kurz ist das Leben auch wieder nicht, dass man seine Glaubwürdigkeit und seine Moral aufs Spiel setzt, nur um irgendein Ziel in kürzester Zeit zu erreichen. So wie dann nämlich kurzfristig ein Erfolg eintritt, tritt ebenso kurzfristig ein negativer Effekt ein, wenn m an der Unehrlichkeit überführt wird: wichtige Beziehungen brechen schneller auseinander, als man sie sich aufgebaut hat. Insofern ist ein Christliches Menschenbild lohnend.“
Herr Professor Frenkel, wir bedanken uns für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke


