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Sieben Wochen ohne Selbstüberforderung

Wann will man nicht und wann kann man nicht? Auf den ersten Blick sieht das ganz einfach aus, auf den zweiten wird’s kompliziert: Wann und warum der Mensch dazu neigt, vor anderen und vor sich selbst Ausreden zu suchen, ist nämlich nicht so einfach auf den Punkt zu bringen. bayern-evangelisch.de hat es trotzdem versucht: gemeinsam mit Professor Dietrich Dörner, 52, Experte für Motivationspsychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Ein Interview.

Hallo Herr Professor Dörner, Sie sind Professor Emeritus an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am Institut für Theoretische Psychologie, beschäftigen sich vorwiegend mit Inhalten der Motivationspsychologie. Womit da genau?
Professor Dietrich Dörner:
„Ich untersuche, wie die Seele funktioniert und gehe dabei nach dem Seelenbegriff von Aristoteles vor, der die Seele als Steuersystem unseres Körpers erachtet. Dabei beleuchte ich das Zusammenspiel zwischen Wahrnehmen, Denken und Fühlen, die Psychologie der Kräfte, die uns antreiben: Hunger, Durst, Schmerz, Schlaf, Sexualität, das natürliche Bestreben nach menschlicher Nähe.“

Ein gesunder Mensch fühlt diese Grundbedürfnisse alle ganz bewusst und kann sie auch leben.
Dörner:
„Ja.“

Okay. Nehmen wir an, jemand, der ganz neu in eine Stadt gezogen ist, wird von seinen Nachbarn zu einer Party eingeladen, er findet diese Nachbarn aber total unsympathisch und nervig. Deshalb sucht eine Ausrede, um nicht auf die Party zu müssen – lieber sitzt er alleine in seiner Wohnung, auch wenn er keinen Menschen kennt. Seine Ausrede lautet, er müsse noch arbeiten. Ist dieser Jemand jetzt ungesund? Schließlich handelt er doch gegen sein natürliches Bestreben nach Nähe.
Dörner:
„Nein, eben nicht. Er sucht die Ausrede ja aus Höflichkeit. Er entscheidet sich instinktiv für eine freundliche Höflichkeit, die den Kontakt unverbindlich lässt, weil er aus seinem Antipathiempfinden heraus ahnt, dass sich das sowieso nicht mehr in Sympathie umwandeln wird. Also, warum sollte er dann die Menschen vor den Kopf stoßen, ihnen ehrlich ins Gesicht sagen: ,Ich WILL nicht vorbeikommen‘ und sie so vermutlich verletzen? Wenn er statt dessen die höfliche Variante fährt, und lieber alleine bleibt, folgt er durchaus seinem natürlichen Bestreben nach menschlicher Nähe – und das kann man mal mehr ausleben, mal eben weniger.“

Das heißt, Ausreden anderen gegenüber sind dann legitim…
Dörner:
„… wenn sie andere nicht verletzen. Oder sagen wir besser, wenn sie die Regeln der Gesellschaft nicht verletzen. Beurteile ich zum Beispiel eine Leistung eines anderen Menschen im professionellen Rahmen, dann kann ich keine Ausreden suchen, da sind Ausreden einfach nicht angebracht, da wird von mir Ehrlichkeit erwartet. Die ich dann wiederum sanft formulieren kann, ohne andere fertig zu machen. Es geht also eigentlich nicht nur um den Einsatz von Höflichkeit, sondern auch um ihre Dosierung.“

Nehmen wir mal an, einer schummelt sich durchs Leben, indem er vor sich selbst ständig Ausreden sucht. Das ist doch nicht in Ordnung, dieser Mensch lebt doch nicht authentisch, stimmen Sie mir da zu?
Dörner:
„Auf den ersten Blick stimme ich Ihnen da zu, auf den zweiten Blick nicht. (lacht) Es kommt immer auf das Ereignis, den Gegenstand an, um das oder um den der Mensch seine Ausrede strickt. Handelt es sich um ein traumatisierendes Ereignis, durch das der Mensch große Schuld auf sich geladen hat und das nicht wieder gut zu machen ist, an dem nichts mehr zu rütteln und rückgängig zu machen ist – dann halte ich es fast für selbstschädigend, keine Ausrede vor sich selbst zu suchen, mit der man dieses Ereignis rechtfertigt. Denn dann hat die Ausrede quasi den Mechanismus, ein Stück der eigenen Seele zu retten. Und dafür habe ich ebenso ein Stück weit Verständnis, womit ich jetzt aber nicht gleichzeitig sage, dass ich die Ausrede auch gut heiße.“

Wann heißen Sie eine Ausrede denn nicht gut?
Dörner:
„Nehmen wir wieder ein schlimmes Ereignis, durch das der Mensch bewusst Schuld auf sich geladen hat: Sehe ich auch nur den Hauch einer Chance, dass dieser Mensch sich ein Stück weit von seiner Schuld befreit, indem er Sühne leistet, erachte ich die Ausrede als denkbar schlechte Alternative – denn das Gefühl von Schuld zerstört die Persönlichkeit.“

Wie sieht es mit ,harmloseren‘ Ausreden im Alltag aus? Mit lästigen Angewohnheiten, die immer wieder als Ausrede für irgendetwas, irgendwen oder vor sich selbst fungieren?
Dörner:
„Hier gilt im Prinzip auch das Verständnisprinzip – Ausreden sind auch irgendwo menschlich. Aber deswegen natürlich noch lange nicht vorbildhaft, erst Recht wenn man sich durch sie selbst sabotiert, indem man sich selbst an seiner persönlichen Weiterentwicklung hindert. Dann kann man ja nie neue Erfahrungen machen?“

Herr Professor Dörner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke