Sieben Wochen ohne Schuldgefühle
Was war zuerst da: das Schuldgefühl oder die Ausrede? Christine Truchseß-Sudermann, 45, Sozialpädagogin und Therapeutin in der Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung der Stadtmission Nürnberg, kennt die Reihenfolge. Im Rahmen unseres Themenschwerpunktes „Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden“ der Evangelischen Kirche klärt sie uns über die Feinheiten auf. Ein Interview.
Frau Truchseß-Sudermann, aus welcher inneren Verfassung des Menschen resultieren Ihrer Meinung nach Ausreden?
Christine Truchseß-Sudermann: „Wenn Menschen zu Ausreden greifen, dann passiert es meist um einer unangenehmen Situation zu entgehen. Entweder hat man etwas getan, was falsch oder verboten war und man will die erwartete Strafe umgehen, oder das was man getan oder unterlassen hat entspricht nicht dem gängigen Wertesystem und man versucht damit seine Schuldgefühle kleiner zu halten. Mit witzigen Ausreden kann man manchmal einer Situation die Schwere nehmen z.B. komplizierte Situationskonstruktionen warum man zu spät gekommen ist… Wenn allerdings Schuldgefühle die ich empfinde mich immer wieder zu Ausreden greifen lassen, hat das tiefsitzendere Folgen."
Inwieweit tiefsitzende Folgen?
Truchseß-Sudermann: „Naja, wer Schuldgefühlen empfindet, befindet sich in einer großen, tief sitzenden inneren Not. In der Tiefenpsychologie sprechen wir davon, dass wir ein ,Überich in unserer Kindheit ausgebildet haben, welches uns sagt was gut und was falsch ist. Dieses „Überich“ setzt sich aus Normen und Werten zusammen die wir vermittelt bekommen haben. Wenn wir gegen diese innere Instanz verstoßen, dann brauchen wir sozusagen die Ausreden um diesen inneren Konflikt auszuhalten.“
Sie meinen damit, dass es einen bestimmten Typ Mensch gibt, der verstärkt dazu neigt, Ausreden zu nutzen, stärker, als andere Menschen?
Truchseß-Sudermann: „Ja, ich glaube, dass vor allem diejenigen Menschen verstärkt dazu neigen, die im Rahmen eines ganz starren, strengen, rigiden Wertesystems aufgewachsen sind, das es ihnen nicht erlaubt hat, Fehler zu machen, das jeden noch so kleinsten Fehler damit bestraft hat, die komplette Existenz in Frage zu stellen. Solche Menschen haben in ihrer Kindheit nicht vermittelt bekommen: Du darfst Fehler machen, du bist trotzdem geliebt und in Ordnung so wie du bist. Sondern sie haben eben erlebt, dass sie nichts mehr wert sind, wenn sie etwas falsch machen. Da der Mensch aber nun einmal fehlerhaft ist, dafür ist er Mensch, wird er dann dazu neigen, Schuldgefühle aufzubauen, auch wenn die gar nicht angebracht sind. Die meisten Schuldgefühle sind nämlich absolut unangemessen. Dann wird er geradezu abhängig von Ausreden.“
Inwieweit hängen Ausreden mit Schuldgefühlen zusammen?
Truchseß-Sudermann: „Nun die Ausreden machen die Schuldgefühle leichter. Oder andersherum: Die Schuldgefühle bedingen die Ausreden. Die Ausreden haben die Funktion, die Schuldgefühle schrumpfen zu lassen, so gering wie möglich zu machen, damit sie aushaltbar sind. Mir selbst gegenüber ehrlich und aufrichtig zu sein, ist für viele Menschen nicht einfach. Wenn mein Selbstwert davon abhängt, alles ,richtig' zu machen, muss ich ja scheitern. Weil wir solchen Druck nicht aushalten können, brauchen wir Möglichkeiten der Verdrängung – und dazu gehören auch die Ausreden."
Damit drückt er seine Schuldgefühle aber ja jedes Mal weg und bereitet so unbewusst die Basis dafür, dass sie bei der nächsten Gelegenheit umso stärker sprießen.
Truchseß-Sudermann: „Ja.“
Wie kann man sich mit Schuldgefühlen so auseinandersetzen, dass man sie nicht wegdrückt, wie kann man sich offen mit ihnen auseinander setzen?
Truchseß-Sudermann: „Indem man zunächst den offenen, ehrlichen Dialog mit sich selbst sucht. Indem man sich sein Schuldgefühl ganz genau anschaut und sich zunächst fragt: ,Ist es berechtigt, dass ich mich damit quäle? Habe ich tatsächlich Schuld auf mich geladen?‘ War ich der Auslöser? Und wo liegt auch bei einem anderen Menschen ein Anteil von Schuld? Was ist meins, was ist seins?‘ In dieses Gedankenpendel zu gehen macht Sinn, denn wenn Schuldgefühle im Spiel sind, sind meist mindestens zwei Menschen beteiligt. Dies erfordert einen sehr ehrlichen Umgang mit sich selber. Wenn ich mich so auseinandersetze, habe ich die Chance, dass sich tatsächlich etwas verändert. Und: dass ich eventuell keine Ausreden brauche, weil ich zu mir und meinen Fehlern stehen kann.“
Frau Truchseß-Sudermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Interview: Almut Steinecke


