Sieben Wochen ohne Alkohol
"Ich war's - Sieben Wochen ohne Ausreden" lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion, mit der die Evangelische Kirche dazu anregen will, sieben Wochen lang ohne eine lästige Angewohnheit auszukommen. So manch einer entscheidet sich im Rahmen dessen vielleicht für den lästigen Griff zur Flasche, die ihn immer dazu verleitet, mehr Alkohol zu konsumieren, als für ihn gut ist. Die Entscheidung, auf Alkohol mal eine Weile zu verzichten und bei Wiederaufnahme ganz bewusst gesund zu dosieren, ist eine kluge Entscheidung, deren Kehrseite wir uns an dieser Stelle einmal zuwenden: Wie schnell man in die Alkoholabhängigkeit rutschen kann, zeigt die Geschichte der trockenen Alkoholikerin Marlies. Ein nachdenklich stimmendes Portrait.
„Ich hatte einen harten Tag, ich muss echt was trinken.“ „Ich hab' Liebeskummer, ich darf das jetzt.“ „Ich will doch nur ein bisschen entspannen.“ So lauten die Ausreden, mit denen der Mensch sich selbst belügt, wenn er beginnt, vermehrt Alkohol zu konsumieren – und bei regelmäßigem übermäßigem Verzehr droht, in die Alkoholabhängigkeit zu rutschen.
Marlies, eine heute 58-jährige Frau aus dem Aachener Land, gehört zu den 1,3 Millionen Menschen in Deutschland, die alkoholabhängig sind. Im Rahmen unseres Themenschwerpunktes „Ich war’s – Sieben Wochen ohne Ausreden“ erzählt sie ihre Geschichte.
„Alkoholiker ist nicht gleich Alkoholiker“, sagt Marlies. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Aber es gibt eine zentrale Selbstlüge, die jeder Alkoholiker als Ausrede benutzt, wenn er immer wieder zur Flasche greift: „Ich habe den Alkohol unter Kontrolle – ich kann jederzeit aufhören damit.“
"In dem Sinne bin ich von Geburt an Alkoholikerin"
Auch Marlies hat diese Zentralausrede, als die Krankheit bei ihr ausbricht, da ist sie gerade 18. Die heute 58-Jährige trockene Alkoholikerin erzählt eine erschreckende Geschichte im Rückblick auf Ihr Leiden – erschreckend, weil alles auf den ersten Blick so unspektakulär wirkt, wodurch der Abgrund dahinter umso mehr zu gähnen scheint.
„Ich glaube, dass ich eine krankhafte seelische Veranlagung dazu hatte, die den Ausbruch von Alkoholabhängigkeit stark begünstigt hat“, meint Marlies. „In dem Sinne bin ich von Geburt an Alkoholikern.“ Die „krankhafte seelische Veranlagung“ spiegelte sich bei ihr in „dramatischen Verhaltensweisen“ in ihrer Kindheit wider, erzählt Marlies. „Im Vergleich mit anderen Kindern habe ich auffällige Überreaktionen gezeigt“, erinnert sie sich. „Und ich musste immer im Mittelpunkt stehen.“
Mehr als ein Glas darf sie nicht, natürlich nicht, das macht sie traurig
Marlies‘ Mutter verstirbt, als die Tochter gerade zehn Jahre alt ist, an Krebs. Danach ist das Mädchen erst einmal alleine mit seinem Vater, bekommt später eine Stiefmutter, mit der es sich bis zu deren Tod gut versteht. Marlies ist eingebettet in eine „trinkfreudige Familie, auf Familienfeiern war immer Alkohol dabei“, und schon als Minderjährige bekommt sie dann und wann ein „Eierlikörchen“ oder einen „Melissengeist auf Zucker“ gereicht. Es schmeckte ihr, aber mehr als ein Glas darf sie nicht, natürlich nicht, das macht sie traurig, aber sie akzeptiert es.
Bis sie 18 wird. Und mit dem Erreichen dieses Alters durch ständig volle Gläser ins Straucheln gerät. „Andere sagen sich: ,Ich bin 18, jetzt kann ich endlich meinen Führerschein machen‘. Ich habe mir gesagt: ,Ich bin 18, jetzt kann ich endlich Alkohol trinken‘.“ Auf einer Party trinkt sie zum ersten Mal mehr, das fühlt sich an, „als würde jemand bei mir einen Schalter umlegen. Ich bin sofort in die Krankheit eingestiegen“.
Schlafen, nüchtern werden. Am nächsten Tag wieder trinken.
Mit verheerender Geschwindigkeit baut Marlies ihre Abhängigkeit auf, innerhalb kurzer Zeit kreist sie die Abhängigkeit ein, nimmt ihre seelischen Zügel in die Hand. Seit besagter Party mit Freunden im Alter von 18 Jahren, auf der sich alle "abgeschossen" haben und die auch bei Marlies im Superrausch geendet hat, trinkt sie täglich. Immer wieder Superrausch. Eine Zeitlang ist das Fun: Genusstrinken mit einem Hauch von abenteuerlichem Trotz, einer Prise Unbeschwertheit, Freiheit, Eigenständigkeit, einem losgelösten „keiner-kann-mir-was“-Gefühl bis hin zur heiß begehrten inneren Party. Danach schlafen, nüchtern werden. Am nächsten Tag wieder trinken.
Nach dem Abi beginnt Marlis ein Studium an der Uni, „Sprachen, Deutsch und Englisch“. Nach einigen Monaten ununterbrochenen Dauertrinkens mit Superrausch-Finale beginnt sich in ihr etwas zu verändern. „Ich merkte, dass ich ohne eine bestimmte Dosis Alkohol gar nicht mehr imstande war, den Tag zu meistern“, erinnert sie sich.
"Ach mein Gott, was soll's, trink ruhig ein Glas"
Sie versucht, sich selbst zu erziehen. „Nach dem Trinken abends beim Schlafengehen habe ich mir gesagt: ,Morgen machst Du das mal anders, da trinkst Du mal nichts.‘ Und dann kam der nächste Morgen, der nächste Tag, und der war wieder so anstrengend, dass ich abends zurück in meiner Wohnung das Gefühl hatte, als würden zwei unsichtbare Kräfte an mir zerren. Eine Kraft, die sagt, ,Du hattest Dir doch vorgenommen, dass Du es mal anders machen willst, warum denkst Du jetzt schon wieder an Alkohol?‘ Und eine andere Kraft, die sagte, ,ach mein Gott, was soll’s, trink ruhig ein Glas, schließlich war der Tage heute echt heftig.‘
Diese zweite Stimme ist sehr kreativ, unglaublich kreativ, eigentlich findet sie immer einen Grund, warum Marlies trinken soll: „Schließlich hast Du was zu feiern! Schließlich ist Wochenende! Schließlich ist Alkohol in Maßen doch eigentlich auch gesund!“
Diese zweite Stimme ist so verführerisch. Sie betört, bequatscht, verlockt Marlies. Sie ist mächtig, ständig siegt sie, immer wieder – aus den Plänen, das Trinken zu unterbrechen wird, wird nie etwas.
"Habe ich genügend Stoff, um das auszuhalten?"
Marlies kauft sich eine Tasche für die Uni, die so geräumig ist, dass man auf ihren Boden eine Flasche Schnaps quer legen kann. „Die Flasche Schnaps brauchte ich als Tagesmenge, um den Tag an der Uni durchzustehen. Ich habe mein Studium durchgezogen, aber immer unter Alkoholeinfluss.“
Marlies merkt immer mehr, dass sie gar nicht mehr um des Trinkspaßes willen trinkt, schon lange nicht mehr, es vielleicht nie aus diesem Beweggrund getan hat. Sie trinkt, weil sie sich „aus der Realität wegschießen“ muss. Sie trinkt, weil sie das unbedingt braucht, und sie merkt, dass sie es überhaupt nicht mehr kontrollieren kann. „Es hätte einer tot neben mir umfallen können, und der erste Gedanke, der mir in solch einer Situation gekommen wäre, wäre gewesen: ,Habe ich genügend Stoff, um das auszuhalten?‘ Es ging wirklich nur noch ums Saufen.“
Bier. Wein. Harte Sachen.
Die Flasche Schnaps auf ihrem Taschenboden bereitet die Basis, um den Tag auszuhalten, sich an den Stunden an der Uni mit Trinken auf der Hochschultoilette festzuhalten, um bis zum Abend durchzuhalten, an dem Marlies sich dann weiter in ihrer Wohnung betrinken wird. Bier. Wein. Auch wieder Schnaps. Andere harte Sachen. Das sind sie, Marlies' ständige Begleiter. Fatale Freunde. Falsche Freunde. Einige Jahre später bekommt Marlies erste körperliche Aussetzer, „der Körper verkraftete das überhaupt nicht mehr. Es kam vor, dass ich einen Flachmann trank und umfiel“.
Gleichzeitig kriegt Marlies es irgendwie hin, solche seelischen Ausnahmezustände kurioserweise noch mit sich selbst abzumachen. „Meine Außenwelt hat mir nichts angemerkt. Klar war meine Haut ein wenig aufgeschwemmt, meine Kleidung dann und wann ein wenig ungepflegt. Aber in meinem Umfeld hat mich trotzdem kaum jemand auf den Alkohol angesprochen“, so geschickt weiß Marlis die Unebenheiten ihrer Fassade durch bloßes, auch übergutes Funktionieren auszugleichen.
"Es gab nur noch die Flasche und mich"
Das Studium, das sie nach ihrem Abi 1971 begonnen hatte, zieht sie in Windeseile bis zum Jahr 1975 durch. Danach beginnt sie eine „Ausbildung im Bereich Sprachen“. Und trinkt. Trinkt. Superrausch. Immer wieder. Nach der Ausbildung bekommt sie „Aussetzer im Beruf“, zum ersten Mal beginnt ihr die Außenwelt jetzt etwas anzumerken, Marlies schafft ihn nicht mehr, den Deal zwischen Funktionieren und Fassade. Von ihrer Dienststelle wird sie wegen eines sehr unerfreulichen Vorkommnisses zwangsversetzt, in eine Region, in der sie ganz alleine ist, „ich kannte da keinen Menschen, ich habe mir eine Wohnung genommen, aber nur weil ich musste. Ich habe gedacht, ,die böse Umwelt will mir was‘." Das Wort „Alkoholmissbrauch“ taucht bei ihrer Versetzung nirgendwo auf. Hatte sie sich vorher bereits in die Isolation getrunken, hält ihr die Änderung ihrer Lebenssituation jetzt glasklar den Spiegel ihrer Krankheit vor Augen: „Es gab nur noch die Flasche und mich.“
Marlies erinnert sich an den 19. März 1981. Ihre Eltern, die in einer Nachbarstadt leben, sind in den Urlaub gefahren, sie soll das Haus der Eltern hüten, „ich war alleine in diesem großen, dunklen, kalten Haus“. Marlies ist betrunken, als sie alleine im Wohnzimmer sitzt, durch die Fernsehkanäle zappt, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie hat ein Röhrchen Schlaftabletten in ihrer Tasche. Irgendwann steht sie auf, sie ist schwer auf den Beinen, sie ist betrunken, sie taumelt zu ihrer Tasche auf der Kommode in der Diele, zieht die Packung Tabletten auf ihrer Tasche, sie kippt ein ganzes Röhrchen. Marlies schluckt, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, die Augen halb geschlossen, sie dämmert. Da – sie hat die letzte Tablette in sich hinein geschluckt. Plötzlich ist sie mit einem Schlag hellwach.
Das ist noch nicht der Tiefpunkt gewesen
„Ich bin zum Telefon, ich habe mir den Telefonhörer geschnappt, ich bin aufs Klo und habe mir den Finger in den Hals gesteckt, gleichzeitig hatte ich den Hörer am Ohr, ich hab den Arzt gerufen, ich wollte nicht sterben, ich konnte so auch nicht weiterleben, aber ich wollte doch nicht sterben“, Marlies Stimme wird leise, wenn sie sich an diesen Augenblick erinnert. Wenig später kommt der Arzt, Marlies wird gerettet. Doch das ist noch nicht der Tiefpunkt gewesen. Der Tiefpunkt kommt im Alter von 28 Jahren.
Marlies ist krankgeschrieben, seit dem Suizidversuch hat sie weiter getrunken trotz des Schreckens, der ihr in die Glieder gefahren ist, doch jetzt liegt sie mit Grippe im Bett, wieder im Haus ihrer Eltern. „Plötzlich bekam ich ein Delirium“, einen Zustand, in dem die Wahrnehmung heftig beeinträchtigt wird. Marlies fängt an zu halluzinieren. „Ich habe Menschen auf einer Kegelbahn in der Diele meiner Eltern gesehen, einen Zirkus mit einem Clown im Garten meiner Eltern.“ Marlies läuft zu ihrem Vater, berichtet von ihren Bildern, „der hat sofort eine befreundete Ärztin angerufen“.
"Ich hatte Angst um meinen Job"
„Die Ärztin sagte, ,es gibt zwei Möglichkeiten: Schizophrenie oder Alkoholismus‘.“ Marlies kommt erneut ins Krankenhaus. Die Ärztin schlägt eine mehrmonatige Therapie vor, „aber das wollte ich nicht, ich hatte Angst um meinen Job“, sagt Marlies. Gleichzeitig spürt sie: „Du musst was machen, das kann einfach nicht so weitergehen, Du musst was machen. Ich war an einem Tiefpunkt. Ich fühlte regelrecht, wie ich innerlich am Boden lag. Ich fühlte, mein Leben ist zu einer Gosse geworden, zu einer inneren Gosse, aus welcher heraus ich irgendwie nach außen funktioniert habe, aber als ganzer Mensch habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Das Schlimmste an diesem Zustand war nicht die körperliche Seite der Krankheit, sondern dass ich meine Würde vertrunken hatte.“
Drei Wochen lang macht Marlies im Hospital eine Entgiftung „mit kontrollierter Alkoholdreingabe in Trockenform. Zum Glück hatte ich keine Schmerzen, ich bekam keine Krampfanfälle, es war eine sanfte Entgiftung.“ An einem Tag ihrer Entgiftung setzt sich eine Frau der Anonymen Alkoholiker auf ihre Bettkante: „Eine Frau, die mir sagte, dass sie Alkoholikerin sei, aber trocken leben könne, und mir ihre Geschichte erzählte. Ich habe nur stumm zugehört.“
"Es ist Deine Verantwortung, Marlies"
Als es Marlies wieder besser geht, bringt ihr Vater sie nach Hause: zurück in ihre eigene Wohnung, in den kleinen fremden Ort, in den ihre Dienststelle sie zwangsversetzt hatte. „Ich sagte zu meinem Vater, ,mach’ Dir keine Sorgen um mich, ich habe keinen Alkohol in der Wohnung.' Da blickte mein Vater mich an und sagte: ,Es ist Deine Verantwortung, Marlies.‘ Er sagte nicht, ,nun bleib mal ruhig, Mädchen, wir machen das schon‘, nein. Er sagte nur diese fünf Worte: ,Es ist Deine Verantwortung, Marlies.‘ Und dann ging er. Heute weiß ich, dass er mir mit seiner Reaktion sehr geholfen hat, denn genau darum ging es: meine Verantwortung zu erkennen.“
Marlies steht da in ihrer Wohnung mit hängenden Armen, sie schaut auf ihre Wohnungstür, die sich hinter ihrem Vater geschlossen hat. Plötzlich kommt Leben in sie, eine unbändige Verzweiflung, aber auch ein Ruck, eine Art Anschub, das fühlt sich neu an, von tief innen heraus: „Im Nachhinein glaube ich, die nüchterne Reaktion meines Vater war der letzte alles entscheidende Kick, damit ich endlich, endlich anfange, wirklich von selbst etwas zu tun!“
"Die hatten ein Lächeln auf dem Gesicht, die haben einen Witz gemacht"
Marlies erinnert sich, dass die Frau von den Anonymen Alkoholikern (AA) im Krankenhaus ihr eine Kontakt-Telefonliste gegeben hat, sie ruft jemanden aus der Liste an und beschließt, ein Meeting der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen: im April 1981, abends um 19.30 Uhr, mit einer Sonnenbrille auf, so groß ist die Scham, jemand könnte sie sehen. „Da saßen Menschen, die hatten ein Lächeln auf dem Gesicht, die haben einen Witz gemacht. Da habe ich gedacht, wenn die das können, wenn die mit ihrer Krankheit Alkoholismus so leben können und nicht mehr zu trinken brauchen, dann kann ich das verdammt auch!“
Von da an ging Marlies regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Und seitdem geht sie auch heute noch, regelmäßig. In den Meetings lernt sie das spirituelle Programm der Anonymen Alkoholiker kennen, sie begreift die Zwölf Schritte der AA als ihre Hilfe, sie lernt „nur für heute“ nicht zu trinken. Die Selbsthilfegruppe der AA setzt sich aus Betroffenen zusammen, nach dem Prinzip: Alkoholiker helfen Alkoholikern. Hier spricht jeder von sich, keiner wirft dem anderen etwas vor, keiner gibt gute Ratschläge. Jeder hat so die Möglichkeit, im Schutz der Gruppe und der Anonymität über seine Schwierigkeiten zu reden und so für sich eine Lösung zu finden. "Das ist das ,Geheimnis' der Anonymen Alkoholiker", erklärt Marlies, "solange sie zusammen reden, brauchen sie nicht zu trinken."
Marlies lebt jetzt seit 30 Jahren ohne Alkohol, konsequent ohne einen einzigen Tropfen, dafür mit viel Reden zusammen mit anderen, aber vor allem: ohne Ausreden.
Text: Almut Steinecke


