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"Das Wort der Hoffnung gilt"

(c) www.bayern-evangelisch.de

Oberkirchenrat im Kirchenkreis Augsburg
Regionalbischof Michael Grabow,

Predigt über Lukas 23, 33 – 49 (OP III, Karfreitag)
gehalten am:  22.4.2011 in St. Ulrich Augsburg

 

Textlesung schon vorher im Gottesdienst: Lukas 23, 33 – 49

„Als sie an die Stätte kamen, die da Schädelstätte heißt, kreuzigten sie Jesus dort und die Übeltäter mit ihm – einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu.
Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat anderen geholfen, so helfe er sich selber, wenn er denn Christus ist, der Auserwählte Gottes.

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist Du der Juden König, so hilf Dir selber.
Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
Einer der Übeltäter, die mit ihm am Kreuze hingen, lästerte ihn und sprach: Bist Du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und Du fürchtest Dich auch nicht vor Gott, obwohl Du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfingen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, denk an mich, wenn Du in dein Reich kommst.“ Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage Dir: Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.
Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen.
Und als alles Volk, das dabeiwar und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
Es standen aber alle seiner Bekannten von Ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren, und sahen das alles.


Liebe Gemeinde,
,Als sie an die Stätte kamen, die da Schädelstätte heißt, kreuzigten sie Jesus dort und die Übeltäter mit ihm – einen zur Rechten und einen zur Linken ... und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu.“ Mit so schlichten Worten beschreibt Lukas, was da auf Golgatha geschehen war. Menschen werden gekreuzigt: außer Jesus noch zwei andere. Und noch unter den Augen der Sterbenden verteilt man ihr Hab und Gut. Nackt und entblößt, den Blicken der Gaffenden schamlos ausgesetzt, müssen sie mit ansehen, wie man ihre Kleider verteilt und darum würfelt.

Menschen spielen ein Spiel. Ein grausames Spiel. Aber bei den meisten Zu-schauern regt sich kein Mitleid: nur Neugier, Gaffen.
Soldaten knobeln unter sich aus, wer das letzte Hemd ihres Opfers bekommt – das letzte Hemd des Opfers, mit dem sie bereits ihr Spiel gespielt haben. Eine Dornenkrone haben sie ihm aufgesetzt und fanden das lustig. Geschlagen haben sie ihn und verspottet.
Die Henkersknechte begnügen sich nicht damit, ihre Opfer einfach nur hinzu-richten. Sie spielen mit ihren Opfern, wie es Katzen manchmal mit Mäusen tun.

Was seid ihr nur für Menschen!

Sie haben ihn ans Kreuz genagelt. Und würfeln um sein Hemd. Er braucht es ja auch nicht mehr. Kommt denn da keiner und schreit: ,Was seid Ihr nur für Menschen!' Wir wissen aus der Erfahrung vieler Jahrhunderte: Es wäre eine seltene Ausnahme, wenn das tatsächlich geschähe. Kaum jemals ergreift einer Partei für wehrlose Opfer.  Zumal, wenn die Täter daneben stehen und sagen: ,Er hat anderen geholfen, so helfe er sich selber, wenn er denn Christus ist, der Auserwählte Gottes.'

So klingt die Logik des Stärkeren von Alters her. Wenn einer wirklich Recht hätte, dann wäre er eben auch einer von den Stärkeren, der keine Hilfe braucht und kein Opfer. Der Gott der Sieger ist ein Siegertyp, ein Jupiter triumphans – und kein Christus am Kreuz. Der Gott der Sieger ist keiner, der es zuläßt, daß um sein letztes Hemd gewürfelt wird. Der Gott der Sieger lässt sich nicht ans Kreuz schlagen. Der Gott der Sieger stirbt nicht den jämmerlichen Sklaventod am Kreuz.

Es sind Menschen, wie Du und ich

Und die Sieger wären keine Sieger, gäbe es nicht auch die Mitläufer, die ihnen tatenlos zusehen, gar zujubeln. Was mögen das für Menschen sein, von denen es heißt: ,Und das Volk stand da und sah zu?' Die Antwort auf diese Frage ist bitter. Sie heißt: Es sind Menschen wie Du und ich. Menschen in Amerika, die den Fernseher einschalten, wenn eine Hinrichtung übertragen wird; Menschen hier bei uns, die Bravo rufen, wenn es Ausländern an den Kragen geht. Menschen, die auf die afrikanischen Flüchtlinge in den überfüllten Booten blicken und sich denken: nicht mein Problem.

Menschen, die keinen Ärger und kein Aufsehen erregen wollen. Menschen, denen es am wichtigsten ist, wenn sie unbescholten davonkommen. Menschen, die Angst haben oder sich klammheimlich freuen. Es sind fleißige Familienväter und Mütter, die um ihre Kinder besorgt sind. Es sind unsere Brüder und Schwestern – es sind wir selbst. Es muß irgendetwas in uns stecken, das von Zeit zu Zeit die Menschlichkeit ausschaltet.

Wer schützt vor der Willkür und Grausamkeit?

Wir versuchen, uns vor allem Möglichen zu schützen: vor Naturkatastrophen, vor Gesundheitsschäden durch falsche Ernährung und Tabak. Wir erfinden Diäten, schadstoffarme Motoren und Schutzhelme für Radfahrer.
Aber wer schützt uns eigentlich vor uns selbst? Wer schützt den Menschen vor der Willkür und Grausamkeit seiner Mitmenschen? Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, hat ein antiker Denker einmal gesagt: homo homini lupus.

Es gibt viel zu selten Menschen mit Zivilcourage, die nicht einfach zusehen, sondern eingreifen – oft genug unter Einsatz von Leib und Leben. Ihre Namen leuchten oft weltweit. Wir verehren sie: einen Dietrich Bonhoeffer, einen Martin Luther King, einen Nelson Mandela. Und dann gibt es andere, die nicht weniger Mut bewiesen haben, die aber nicht so bekannt sind: Dominik Brunner, der in einer Münchner S-Bahn Jugendliche vor Schlägern bewahrte und dafür mit seinem Leben bezahlte. Sr. Anna Hoare, die mitten im Nordirland-Konflikt eine Schule für katholische und protestantische Schüler gegründet hat, um Frieden zu stiften. Maria de Lourdes Stiegeler, die hier in Augsburg sich im Projekt Schalom für Ausgegrenzte der Gesellschaft einsetzt und sich aufopfernd um Obdachlose kümmert. Und dann gibt es die Namenlosen, die keiner kennt, und die unsere Aufmerksamkeit ebenfalls verdient hätten.

Wir schweigen, wo wir reden müssten

Sie alle könnten für uns Vorbilder sein. Wie wichtig wäre es, wenn wir uns an diesen Vorbildern orientieren würden und selbst zur Zivilcourage angestachelt würden für all die Menschen, die hier bei uns und auf der ganzen Welt unter Not und Gewalt leiden, gefoltert und getötet werden. Wie wichtig wäre es, wenn wir unseren Mund aufmachten und handelten für die Rechte der Menschen hier bei uns und gegen jede menschenverachtende Ideologie, uns mutig zum Beispiel auch gegen alle alten und neuen Nazis in unserem eigenen Land stellten für Freiheit und Menschenwürde. Meist aber schauen wir weg, lassen die Not anderer nicht an uns heran, schweigen, wo wir reden, bleiben passiv, wo wir handeln müssten. ,Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.'

Wissen wir tatsächlich nicht, wozu wir fähig sind? Manchmal gewinnt man wirklich diesen Eindruck. Zu absurd, zu widersinnig scheint es zu sein, was Menschen ohne jede Not anderen Menschen antun.  Es gibt offensichtlich einen Punkt, da kommen wir mit unseren Vorstellungen von Vernunft und Gerechtigkeit nicht weiter.

"Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst"

Sehen wir noch einmal in das Karfreitagsevangelium: Lukas berichtet weiter: ,Einer der Übeltäter, die mit ihm am Kreuze hingen, lästerte ihn und sprach: Bist Du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und Du: fürchtest Dich auch nicht vor Gott, obwohl Du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfingen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, denk an mich, wenn Du in dein Reich kommst. Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage Dir: Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.'

Lukas berichtet hier von zwei Tätern, die zu Opfern geworden sind. Einer von ihnen macht sich die Logik der Folterknechte und ihrer Mitläufer zueigen. Er spottet über seinen Leidensgenossen. Das ist der Galgenhumor eines Spielers, der sein Spiel verloren hat.
Der andere weiß, er hat verspielt: ,Wir empfingen, was unsere Taten verdienen'.

Und es ist ein Ärgernis für alle anderen, die dabeistehen und zuschauen

Zu spät – würden die Henkersknechte am Fuß des Kreuzes/Galgens sagen. Doch Jesus sagt etwas anderes: ,Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein', sagt er zu ihm. Über der Menschengerechtigkeit, die ihre Opfer ans Kreuz schlägt, gibt es die höhere Gnade Gottes. Was Jesus hier sagt, ist ein völlig unverständliches Ärgernis für alle die, die mit dem Leben spielen. Und es ist ein Ärgernis für alle anderen, die dabeistehen und zuschauen. Und doch ist es ein hoffnungsvolles Machtwort, von dem das Recht des Stärkeren in seiner tiefen Ohnmacht entzaubert wird: ,Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.'

Lukas berichtet weiter: ,Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Und als er das gesagt hatte, verschied er'. Dunkelheit legt sich über die Welt. Finsternis wird zum Zeichen der Trauer über eine Menschheit, die nicht weiß, was sie tut. Aber – so merkwürdig es klingen mag: Es ist eine Finsternis, die zur Wahrheit führt.

Aus hochmütigen Siegern werden geständige Täter

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: ,Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen.  Und als alles Volk, das dabeiwar und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um'. Die Menschen blicken in die Dunkelheit wie in ihre eigene Schuld. Sie schlagen sich an ihre Brust als Zeichen der Reue. Aus hochmütigen Siegern, die das Recht auf ihrer Seite wähnten, werden geständige Täter.

Der Hauptmann sagt: ,Dieser ist ein gerechter Mensch gewesen'. (Nicht ein ,frommer', wie Luther übersetzt hat). Und das Volk kehrt um. Denn sie empfinden nicht nur Reue. Unter der Finsternis, die auf ihnen lastet wie die Schuld, schleichen sie zurück in ihre Häuser. Aus dem Spiel ist auch für sie Ernst geworden.

"Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein"

Eine Hand voll Würfel und ein Gewand – sie bleiben liegen. Stumme Zeugen, die von Menschen erzählen und von der Dunkelheit, die auf ihren Seelen lastet. Diese stummen Zeugen klagen über den, der nicht mehr klagen wird, und sie predigen eindringlicher, als Menschenworte das vermögen, die Umkehr zur Menschlichkeit. Eine Umkehr, die zu spät sein kann – nach menschlichem Ermessen.  Doch nach Gottes Willen gilt bis tief hinein in die tiefste Finsternis das Wort, das Jesus zu seinem sterbenden Schicksalsgenossen gesagt hat: ,Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein'.

Dieses Wort ist in die Dunkelheit hinein gesprochen. Deshalb verdient es mehr Vertrauen als unser menschlicher Gerechtigkeitssinn, der manchmal nur stumme Zeugen der Anklage hinterläßt: Gräber, Ruinen, brennende Trümmer – Kreuze.
Doch das Wort der Hoffnung gilt – der Hoffnung wider jeglichen Augenschein:
Wahrlich, ich sage Dir: ,Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.'

Mit diesen hoffnungsstiftenden Worten leuchtet in die Finsternis des Karfreitags ein kleiner Schein des österlichen Lichtes.
Amen

Und der Friede Gottes, der all unser Denken und Fühlen übersteigt, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen"

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