Pilgerwege
Auf der Suche nach religiöser Lebensdeutung und Lebensbewältigung gewinnt in letzter Zeit eine uralte christliche Tradition wieder an Bedeutung: Überall in Europa lebt das Pilgern auf. Viele Menschen machen sich beim Pilgern auf die Suche nach Gott, nach ihrem Lebensziel, nach Spiritualität und Einkehr. Auch evangelische Christen, von der Tradition des Wallfahrens nur mäßig geprägt, sind unter den Pilgerinnen und Pilgern zu finden.
Geschichte des Pilgerns
Die Ursprünge der Wallfahrten reichen bis in die Antike zurück. Schon die Griechen und Römer bereisten ferne Tempel und Kultstätten um Göttern zu huldigen. Zu den berühmtesten damaligen Stätten gehörte das Orakel von Delphi. In vielen Religionen wie dem Judentum, dem Islam, dem Buddhismus und dem Hinduismus gehören Pilgerfahrten fest zur Tradition.
Christliche Wallfahrt begann zur Zeit der Urkirche. Im 2. Jahrhundert pilgerte man zu lebenden Persönlichkeiten oder zu den Gräbern der Märtyrer, um dort zu beten. Als Kaiserin Helena im 4. Jahrhundert (angeblich) das Kreuz Christi fand, und verschiedene Orte von Jesu Wirken neu entdeckt wurden, boomte bald die Wallfahrt gen Jerusalem. Rom gehörte ebenfalls zu den klassischen Wallfahrtszielen.
Bis ins Mittelalter hinein blieb Jerusalem beliebtes Ziel von Pilgerreisen. Auch die in dieser Zeit stattfindenden Kreuzzüge können im weiteren Sinne dazu gerechnet werden. Erst als die Araber im Osten die Herrschaft übernahmen und die Christen zurückdrängten, war man gezwungen, sich zu europäischen Pilgerstätten hin zu orientieren. Ziele konnten Reliquien, Wunderbilder und Grabstätten von Heiligen sein. Wegen der oftmals beschwerlichen, gefahrenvollen Reise zählten die Wallfahrten als Glaubenszeugnis, durch das man ein Gelübde einlösen oder die Vergebung der Sünden erlangen konnte. Im Spätmittelalter kam auch die Praxis des Straf- oder Bußpilgerns ebenso wie des Delegationspilgerns auf. Erstere konnte einem Verbrecher oder Sünder von einem weltlichen oder kirchlichen Gericht als Strafe auferlegt werden, Zweitere war das stellvertretende Pilgern für einen anderen.
Während im Katholizismus das Wallfahren ein wichtiger Bestandteil blieb, wurde es von Luther wegen seines Meritencharakters kritisiert. Mit der Aufklärung nahm die Bedeutung des Pilgerwesens auch im Katholizismus ab. In heutiger Zeit gerät das Wallfahren bei beiden großen christlichen Konfessionen wieder zunehmend in Mode. Die modernen Reisemöglichkeiten und ein anderes Verständnis des Pilgerwesens trugen zu diesem Wandel bei. Pilgern kennt keine konfessionellen Grenzen mehr. Im Vordergrund steht nicht mehr in erster Linie das Reiseziel, sondern der Weg, der zum Ziel wird. Das Unterwegssein kann als Darstellung der Lebensreise aufgefasst werden.
Formen des Pilgerns
Pilgerwege zeichnen sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Formen aus: Wallfahrten, alte Routen des Glaubens, Sternpilgerwege, Exerzitien- und Protestwege. Wallfahrten zu heiligen Stätten, wie sie seit je her von katholischen und orthodoxen Christinnen und Christen unternommen werden, sind die klassische Form von Pilgerwegen. Von besonderer Bedeutung als Wallfahrtsort sind beispielsweise das Grab des Apostels Petrus in Rom und das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, Stätten des Heiligen Landes, sowie (für die katholische Kirche) die Marienheiligtümer, unter anderem in Lourdes, in Mariazell und in Kevelaer.
Aus den über 10.000 Pilgerstätten möchten wir Ihnen das wohl prominenteste Beispiel vorstellen: den Jakobsweg, und den Glaubensweg in Bayern.
Natürlich müssen es nicht immer die großen Wege sein, auf die man sich begibt. Es gibt auch viele andere Möglichkeiten, zu Hause Pilgertage zu gestalten. Ideen und Anregungen für diese kleineren Pilgerwege, wie das Erlaufen der Weihnachtsgeschichte, das Bibelwandern oder ein ökumenischer Kreuzweg in der Stadt, erhalten Sie in der Broschüre „Von Osten nach Westen – von Norden nach Süden. Ökumenische Pilgerwege“, die zu beziehen ist über das
Ökumenereferat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern,
Postfach 200751, 80007 München,
Tel. 089 / 5595-476.
(Bild: photocase.de)



