Pfingstpredigt von Pfarrer Jürgen Koch, Krankenhaus München-Harlaching
Der Pfingstgeist im Gegensatz zur menschlichen Vernunft
1. Der Hell-Dunkel-Raum
Dass der Heilige Geist Raum bekommt, dafür ist diese Kapelle geschaffen worden. Sie ist auf den Menschen hin gestaltet worden: zweigeteilt, hell-dunkel - so wie jeder Mensch geschaffen ist. Er wird gesehen als zugleich gut und böse, schwach und stark, krank und gesund. Er hat helle, offene, durchschaubare Seiten und ebenso dunkle, abgründige, undurchschaubare Seiten. Hier wird der Gegensatz und Widerspruch festgehalten, in dem jeder von uns lebt. Und das bildet unser Kapellenraum ab mit seinem Gelb und Dunkelblau. So will der Raum uns die Botschaft vermitteln, dass wir ernst genommen werden als ganze Menschen, so wie wir sind, als gegensätzliche Wesen gleichsam in Widerspruch mit uns selbst. Es ist nicht so wie die natürliche Vernunft das darstellt: wir sind brav, schön, ordentlich; nur Helles darf gezeigt werden!
In dieser Weise spricht der Kapellenraum die Menschen an, die hierher kommen. Er macht was mit ihnen. Da geschieht etwas. In unserem Fürbittbuch sind nicht nur Gebete aufgeschrieben. Da gibt es Äußerungen zum Kapellenraum. Die einen sind begeistert und so voll Lobes über die Begegnung mit den Farben, der Ruhe und dem Licht und besonders den Kerzen mitten im Dunkel. Die anderen sind entsetzt: Das soll eine Kapelle sein! Eine Gotteslästerung ist das, dieser Raum! Diese Menschen, die sich so verschieden äußern, sie müssen etwas gespürt haben: dass der Raum auf sie zukommt. Dass er sie herausfordert, sie ernst nimmt und bei ihrem Widerspruch packt. Er verlangt ihnen etwas ab. Er macht es ihnen nicht leicht.
Vor zwei Wochen haben wir etwas von der Bewegung, die die Kapelle auslöst zu spüren bekommen. Da hat ein Besucher mitten im Dunklen alle Kerzen angezündet, die da waren - es mögen 30 oder 40 gewesen sein. Ein loderndes Feuer! Es sah aus, wie nach einem Brand: eine Wachsschicht überzog das Becken, ringsum war der Boden wachsverschmiert. Oder: Vorgestern waren alle Kerzen auf den Boden geworfen und die Zündhölzer sind verschwunden. Das in einer Kapelle! Vandalismus ist das - so war unser erster Gedanke.
Aber könnte hier nicht auch eine ganz andere Kraft gewirkt haben: Der Raum hat etwas mit uns gemacht. Der Geist des Raumes, der als hell/dunkel auf uns zukommt - es muß nicht gerade der Heilige sein - fordert uns heraus. Er meint ja den ganzen Menschen, er packt uns bei unserem Widerspruch. Welch eine Zumutung für den, der bereits angeschlagen als Patient hier ist. Wie oft bekomme ich zu hören: Ich habe immer gesund gelebt! Jetzt werde ich krank! Das kann doch nicht sein. Es ist aber so! Oder: Die ärztliche Untersuchung fördert ein Lungenkarzinom zu Tage. Krebs! Ich! Warum denn gerade ich! Das alles sind Sätze, mit denen wir in unsere menschliche Dunkelheit und Tiefe gleichsam hineinstolpern. Bei Menschen in solchen dunklen Lebensumständen kann dann unser Kapellenraum Aggressives und Zerstörerisches auslösen.
2. Das "verborgene" Kreuz
Und dann die Hauptkritik an unserer Kapelle: Herr Pfarrer, da ist ja gar kein Kreuz! Es fehlt das christliche Erkennungszeichen! Ja, wo ist das Kreuz!
Auf den ersten Blick sieht man in der Tat kein Kreuz im üblichen Sinne. Wir haben hier ein Kreuz. Aber es ist ein gleichsam "verborgenes" Kreuz - wir hören davon noch. Das KREUZ! Welche Bedeutung hat das Kreuz Christi? Unsere Vernunft sagt: Ein Kreuz, das ist Tradition; Da hängt einer, zum Tode geschundener Mensch. Und die künstlerische Vernunft wird hinzufügen: Das Kreuz ist ein Symbol; Es muß gestaltet sein, echt, wertvoll. Mehr vermag sie nicht zu erkennen. Sie vermag nicht zu erkennen, dass in dem Gekreuzigten die ganze Kraft des Heiligen Geist versammelt ist. Ja der gekreuzigte Christus ist die Voraussetzung, dass es so etwas wie den Heiligen Geist überhaupt gibt und er wirksam werden kann.
Auch wir werden den Heiligen Geist und damit das Kreuz Christi nur unter einer Voraussetzung erkennen können: Wenn wir uns einlassen auf die biblische Botschaft: Dass in dem Christus am Kreuz, Gott selbst uns sucht und nahekommt. Er sucht dich und mich, er kommt dir und mir nahe. Du und ich, wir sind jene Menschen, die als Gegensatz von hell und dunkel vorgestellt wurden. Sucht er uns, dann wird er sich ganz folgerichtig in unseren Gegensatz und Widerspruch hineinbegeben. Tut er das nicht, nimmt er den "Mensch im Widerspruch" nicht ernst und ist selbst unglaubwürdig. Im christlichen Glaubensbekenntnis steht das Wort "hinabgestiegen". Der Christus steigt hinab auf den Urgrund des menschlichen Seins und wird so hineingezogen in den Widerspruch. Das ist nichts Einfaches und Schönes. Es geht hier um das Dunkel und die Tiefe: "Hinabgestiegen in das Reich des Todes" - so bekennen wir.
Das ist das Kreuz. Das ist der Punkt, an dem sichtbar wird, wie der Heilige Geist, dieser Geist des Lebens wirkt. Am untersten, tiefsten Punkt, da reißt er aus dem Dunklen heraus ins Helle. Das haben wir versucht durch das Lichtkreuz zum Ausdruck zu bringen. So sieht unser "verborgenes" Kreuz aus.
Das Kreuz Christi ist letztlich immer verborgen, weil es Dunkles und Helles vereint: Das Leben und den Tod. Und das ist für uns, unsere Vernunft nicht darstellbar. Wer also meint, ganz "vernunftgemäß" nur im Hellen zu leben oder leben zu können, den holt das Dunkle ganz unbewußt stets ein und das nicht erst bei seinem letzten Atemzug. Hell-Dunkel-Raum und Lichtkreuz sagen uns: nimm wahr, dass das Dunkle schon immer gegenwärtig ist und zu unserem menschlichen Dasein gehört. Du kannst es dir leisten.
3. Der "verborgene" Gott
Wenn dem so ist, dann hat das Folgen auch für das Bild, das wir uns von Gott machen. Wenn wir auf das Kreuz Christi schauen, dann ist Gott nicht mehr vorstellbar als der große machtvolle Donnerer. Er ist wie Jesus es gezeigt hat, der uns zugewandte, liebende Vater. Aber er ist dies im Widerspruch, in der Gegensätzlichkeit, weil er unsere menschliche Natur ernst nimmt. Wenn uns als biblische Botschaft gesagt wird: in dem Christus kommt uns Gott nahe, ist er gegenwärtig, dann ist Gott selbst "hinabgestiegen" in die menschliche Natur, in den menschlichen Gegensatz Hell/Dunkel, in den Widerspruch. So kann der Apostel Paulus sagen: Gott ist in uns - aber eben in der Gegensätzlichkeit.
Eben nicht als strahlenden majestätische Erscheinung wie in unseren Barockkirchen dargestellt. Nein, er taucht auf im Urgrund unserer Seele und das verborgen, widersprüchlich. Aber er will erkannt werden von uns. Das macht die Zumutung aus, zuallererst den Gegensatz, den Widerspruch in uns wahrzunehmen. Das ist fürwahr eine Zumutung, die unsere Vernunft nicht annehmen kann. Da wird alles bisherige auf den Kopf gestellt! Nichts mehr haben wir in der Hand! Nichts mehr ist kontrollierbar oder manipulierbar.
Der Geist, der uns diese Lebenskraft vermittelt, er ist gegenwärtig am Urgrund des Lebens, aber eben nicht verfügbar. Das Gottesbild wird damit zu einem fremden Bild, weil es nicht den liebenden, sondern den verborgenen Gott zeigt. Es ist der Gott, der uns in der Bibel als Gott des Zorns und der Liebe beschrieben wird. Diesen Gegensatz können und werden wir nicht auf einen Nenner bringen, obwohl er gegenwärtig und erfahrbar ist. Es ist eine Erfahrung mit Schrecken. Wenn wir uns vorstellen: Da bin ich, also der Mensch in Gegensätzlichkeit und da ist Gott als der verborgene und widersprüchliche ganz nah, weil er "hinabgestiegen" ist. Mein Gegensatz uns seine Gegensätzlichkeit - beides wie ineinander geschoben. Das hält doch keiner von uns aus! Dieses Ineinander ist schlicht und schwierig und fast unmöglich damit umzugehen.
4. Der Pfingstgeist macht uns handlungsfähig
Zu Hilfe kommt uns der Pfingstgeist, der ja auch der Tröster genannt wird. Seine Botschaft lautet: Wenn du dich aufmachst und bereit bist, Deine dunkle Seite anzuschauen, das Chaos, das Dämonische in und an dir und was alles da auf dich zukommt - wenn du nicht wegschaust und denkst: Es ist letztlich alles gut und schön - wenn du wahrnimmst, dass du nicht so bist wie du sein möchtest und siehst, dass du in einer heillosen Welt lebst, ja selbst heillos bist und nicht ändern kannst, dann wirst du dir selber fremd. Es graut dich vor dir selber. Du bekommst Angst und möchtest am liebsten davonlaufen. Das ist der Punkt an dem der Tröster auf uns wartet und sagt: ich reiße auch dich aus dem Dunkel ins Licht. Du kannst uns sollst leben.
Das ist alles für unsere Vernunft unfaßbar, unglaublich, der unlösbare Widerspruch schlechthin. Das anzunehmen scheint schier unmöglich. Aber es ist uns zugesagt mit der Verheißung: Du kommst durchs Dunkel ans Licht.



