"Das Tor zum Himmel steht offen"
Predigt zum Ostersonntag 2011
München – St. Matthäus
24. April 2011
Predigt: Landesbischof Dr. Johannes Friedrich
Predigttext: Matthäus 28, 1 - 10
"Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
als der Tag anbrach, wusste sie noch nicht, dass ihr Leben am Abend ein anderes sein würde. Die Kinder hatten vor wenigen Minuten das Haus verlassen und waren zur Schule gegangen. Nun würde sie noch ein wenig Ordnung schaffen und dann zur Arbeit gehen. Es war nicht leicht, allein mit zwei lebhaften Jungs, aber in den zurückliegenden fünf Jahren hatte sie gelernt, sich mit ihrem Leben zu arrangieren. Sie räumte Butter, Honig und die letzte noch übrig gebliebene Scheibe Brot vom Frühstückstisch und griff zu den leeren Milchtassen. Da klopfte es an der Tür. Einmal, zweimal,…. Wer konnte das sein am frühen Morgen?
Sie eilte zur Tür und öffnete. Da stand er vor ihr. Sie hatte ihn kaum wiedererkannt. Ganz schmal war er geworden, richtig ausgezehrt. Man sah ihm die jahrelangen Entbehrungen an. Der Krieg hatte tiefe Furchen auf seiner Stirn und in seinen Wangen hinterlassen. Ihr Herz raste. War er es wirklich? Konnte das sein? Seit fünf Jahren kein Lebenszeichen mehr. Sie war überzeugt, dass er nicht mehr lebte, als ihr die Liste mit den Vermissten gereicht wurde. Sein Name stand doch darauf. Ja, gehofft hatte sie immer noch ein wenig, aber es war eine leise, kaum wahrnehmbare Hoffnung, die mit jedem Jahr schwächer und unscheinbarer geworden war. Sie dachte damals, es sei alles aus - das war´s. Doch nun stand er vor ihr - leibhaftig. Freude, Zweifel, Schrecken, Jubel – sie kann es nicht beschreiben. Doch - er ist es wirklich. Er lebt. Es ist nicht alles aus, nun sollte es erst richtig beginnen.
Auch sie ganz ohne Hoffnung. Doch es sollte anders kommen.
Liebe Gemeinde,
eine erschütternde Erfahrung, die einige Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Der Ehemann vermisst oder im Gefangenenlager. Keine Hoffnung auf Rückkehr. Und dann – nach Jahren stand er plötzlich vor der Tür. Manchmal wurden die Familien im Vorfeld über die Entlassung in Kenntnis gesetzt. Ein anderes Mal kam der Ehemann auf einmal nach Hause ohne zuvor seine Frau informieren zu können.
Einige von uns kennen die Erzählungen der Eltern, Großeltern und Verwandten. Mancher hat es vielleicht selbst noch erlebt. Mich rühren solche Berichte immer wieder an und ich versuche mir vorzustellen, was in den Frauen vorgegangen sein mag, die das erlebt haben. Nach tiefer Trauer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit – plötzlich Hoffnung und Jubel: Der tot Geglaubte steht vor einem. Ein Wechselbad der Gefühle: Staunen, Zweifel, Furcht, Freude. Wenn die Bibel das von Menschen erzählt, dann hat Gott sie berührt. Und so sind diese Berichte für mich wie ein Widerhall auf die größere Geschichte, die das heutige Osterevangelium erzählt. Drei Frauen machten sich auf zum Grab des Gekreuzigten, den sie salben wollten. Auch sie ganz ohne Hoffnung. Doch es sollte alles anders kommen.
Wir hören aus dem Evangelium nach Matthäus im 28. Kapitel, die Verse 1-10:
Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.
Wer kann das glauben? Wie kann man das verstehen?
Liebe Gemeinde,
was in diesen Versen beschrieben wird, ist wirklich kaum zu glauben. „Er ist nicht hier, er ist auferstanden“ so sagt der Engel zu den Frauen. Schrecken und Furcht bei den Wachen – Ungläubiges Staunen, Furcht und große Freude bei den Frauen. Nicht ein Totgeglaubter, sondern einer, der den Tod durchlitten hat, lebt. Wer kann das glauben? Wie kann man das verstehen?
Über diese Frage, liebe Gemeinde, wurde bereits meterweise Literatur verfasst. Seit dem Ostergeschehen vor fast zweitausend Jahren haben sich Menschen immer wieder gefragt: Ist Jesus wirklich leibhaftig auferstanden, ist er tatsächlich den Frauen und den Jüngern leiblich begegnet? Muss man nicht viel mehr das ganze Ostergeschehen etwas freier sehen, z.B. so, dass Jesus geistig auferstanden und in einer Vision seinen Jüngern erschienen sei? In einer aufgeklärten Welt wie der unseren kann man doch nicht mehr an ein solch übernatürliches Ereignis glauben, wie es die Evangelien beschreiben!
Ostern kann nur erfahren werden
Gegen diese Stimmen wurde und wird immer wieder versucht durch hieb- und stichfeste Beweise die Auferstehung Jesu zu belegen. So wird etwa gesagt, dass niemand zur Zeit Jesu für so eine wichtige Botschaft Frauen als erste Zeuginnen benannt hätte, wenn es nicht tatsächlich so geschehen wäre. Denn ihr Wort zählte damals nur sehr wenig. Solche Argumente sollen den Wahrheitsgehalt der Auferstehungserzählung beweisen.
Die Auferstehung Jesu läßt sich aber nicht beweisen, liebe Gemeinde, genauso wenig wie die Behauptung, dass Jesus nicht auferstanden sei. Ostern ist kein Geschehen, das bewiesen, sondern nur gehört und erfahren werden kann. Das Osterevangelium ist eine Sache des Wortes Gottes, das uns in der Bibel begegnet.
Der Tod ist gleichsam lächerlich geworden
Und dieses Wort bezeugt, dass Jesus Christus nicht an dem Endpunkt menschlichen Lebens stehengeblieben ist, sondern diesen durchlitten und überwunden hat. Darum hat der Tod auch seinen Schrecken verloren, er hat keine Macht mehr über uns. “Tod, wo ist dein Stachel?” schreibt Paulus ganz provokativ. “Den Stach´l hat er verloren” haben wir vorhin in der Bachkantate gehört. Und das ist der wahre Grund der Osterfreude. Der Tod hat den Kürzeren gezogen. Furcht und Schrecken sind gebannt. Der Tod ist gleichsam lächerlich geworden. Darum hat sich auch die Tradition des sogenannten Osterlachens eingebürgert. Die Freude über die Auferstehung passt in dieses Lachen: Jesus ist nicht tot, er lebt. Und man kann den Tod so herrlich “lächerlich machen” dabei. Nicht weil wir Leiden, Schmerz, Tod und Elend auf der Welt nicht ernst nehmen würden. Sondern, weil wir wissen, dass sie nicht ewig dauern und vorübergehen. Am Ende wird das Leben siegen.
Manchmal scheint mir aber, ist diese Botschaft zu groß auch für uns Kirchenleute Und
die Not auf Erden und das Leben im Himmel werden unüberbrückbare Gegensätze. Am Portal einer Kirche hingen einmal zwei Schilder: Das erste lautete: „,Das ist Gottes Haus, die Tür zum Himmel.' In einem kalten Winter wurde darunter folgender Text angebracht: ,Während der kalten Jahreszeit bleibt diese Tür geschlossen.'
Dass wir in seinen Armen ankommen, im Leben und im Sterben, darauf hoffe ich
Das Tor zum Himmel steht offen, liebe Gemeinde, auch und gerade an kalten und dunklen Tagen und trotz geschlossenen Kirchenportalen. Not, Tod und Sterben gibt es weiß Gott weiterhin in dieser Welt, aber es gibt etwas, das größer ist: die Liebe Gottes, die alle Trennung überwindet und das Auseinanderreißen von Menschen, von Beziehungen und Bindungen nicht duldet. Nein, das Grab ist nicht der Endpunkt. Der Endpunkt und der Anfang neuen Lebens ist immer Gott. Dass wir in seinen Armen ankommen, im Leben und im Sterben, darauf hoffe ich, darauf vertraue ich, das nehme ich aus der Osterbotschaft mit.
Für dieses Ankommen in Gottes Armen am Ende unseres Lebens hat Martin Luther in seinem ,Sermon von der Bereitung zum Sterben' aus dem Jahr 1519 ein schönes Bild gefunden. Ganz der Seelsorger schreibt er:
,Wenn man so jedermann auf Erden Abschied gegeben hat, dann soll man sich allein auf Gott richten. Denn dorthin wendet sich und führt uns auch der Weg des Sterbens. Und zwar fängt hier die enge Pforte an, der schmale Pfad zum Leben; darauf muss sich jeder fröhlich wagen. Denn er ist wohl sehr enge, aber er ist nicht lang; es geht hier zu, wie wenn ein Kind aus der kleinen Wohnung in seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten hineingeboren wird in diesen weiten Raum von Himmel und Erde, das heißt auf diese Welt: ebenso geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus diesem Leben, und obwohl der Himmel und die Welt, worin wir jetzt leben, für groß und weit angesehen wird, so ist es doch alles gegenüber dem zukünftigen Himmel viel enger und kleiner als es der Mutter Leib gegenüber diesem Himmel ist… Aber der enge Gang des Todes bewirkt, dass uns dieses Leben weit und jenes eng vorkommt. Darum muss man es glauben und an der leiblichen Geburt eines Kindes es lernen. So sagt ja Christus: ,Ein Weib, wenn es gebiert, so leidet es Angst; wenn sie aber genesen ist, so denkt sie nimmer an die Angst, weil ein Mensch von ihr in die Welt geboren ist.' Ebenso muss man sich auch beim Sterben der Angst entschlagen und wissen, dass nachher ein großer Raum und Freude da sein wird.'
Wir sind befreit - in diesem Leben und nach diesem Leben
Liebe Gemeinde,
ein großer Raum und Freude - das ist das Ziel unseres Lebens. Manchmal tut sich hier schon, mitten in unserem Alltag ein Spalt für diese Freude auf. Und sie ist da: diese andere Wirklichkeit hinter den Todeswelten um uns herum. Eine Ahnung von Freiheit, eine große Freude über das Geschenk des Lebens auch nach unserem Tod, eine Gewissheit, wir sind nicht verloren, wir sind geliebt, gehalten. Wir sind erlöst und befreit – in diesem Leben und nach diesem Leben. Wir wissen etwas, was das Kind im Mutterleib nicht wissen kann: es gibt ein Leben nach der Geburt. Und so gibt es auch ein Leben nach dem Tod. Das Zeugnis derer, denen Jesus begegnet ist, erzählt davon. Die Gefühle - die Furcht, die Freude, die Begeisterung, die die Frauen und die Jünger ergriffen haben - die kann man nicht einfach so machen. Die zeugen vielmehr von einem tiefen Erleben, sie zeugen von einer Gotteserfahrung.
In der Lesung aus dem Korintherbrief haben wir gehört, wie viele diese persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen erlebt hat. Damit bringt Paulus zum Ausdruck: Es ist keine Spinnerei meinerseits. Es ist das, was Menschen, die Jünger, die Frauen mit Jesus erlebt haben. Mehr als das Zeugnis dieser Menschen haben wir nicht in der Hand, mehr als ihre Erfahrungen von Trost und neuem Leben haben wir nicht in der Hand. Weniger aber auch nicht.
Er ist auferstanden - er ist wahrhaftig auferstanden
Und wir sind ganz konkret in dieses ihr Erleben durch unsere Taufe hineingenommen. In der Taufe empfangen wir es als Geschenk, was Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung vorweggenommen hat. Durch die Taufe sind wir berufen zu einem Leben, das vom Tod nicht mehr ergriffen werden kann, ein Leben das über den Tod hinausgeht, ein ewiges Leben. In der Taufe wird uns zugesagt: Über dich soll niemand Macht haben; niemand außer Christus. Und Christus ist der, aus dessen Hand du nicht fällst, auch nicht in Krankheit und Leiden und Tod. Christus – das ist die österliche Perspektive für dein Leben: Leiden und Leid behalten nicht das letzte Wort. Das letzte Wort behält das Leben, das letzte Wort behält Jesus Christus.
So können wir unserem Auftrag nachkommen, gegen das Leid und gegen den Tod zu kämpfen, überall in der Welt, wo der Tod am Werk ist – und können auch dies fröhlich tun, weil Christus das letzte Wort hat. Er ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden, Ihm sei Lob und Dank.
Amen."


