Gott klagen

Christlicher Glaube bewahrt nicht vor Leid und Verlust. Auch Christen macht der Tod von Angehörigen zu schaffen, auch sie kennen Tränen und die verzweifelte Frage nach dem „Warum?“ Wer meint, Christen dürften nicht mehr traurig sein, der täuscht sich. Der Glaube an Gott nimmt dem Tod nicht seine Bitterkeit. Im Gegenteil: Wer eine Ahnung davon erhalten hat, wie wahres Leben aussehen kann, der leidet besonders unter allem, was dem Leben entgegensteht und kann sich nur schwer mit den Grenzen abfinden, die der Tod uns setzt.

Von der Bibel lernen heißt auch, Gott klagen lernen. Wer klagt, der versinkt nicht in seinem Leid, der verdrängt es auch nicht, sondern er richtet seine Trauer, seine Verlassenheit und seinen Zorn gegen Gott. Das Buch Hiob und die Psalmen enthalten gelungene Beispiele davon. Fragen, Ärger, Rachewünsche – das ganze Gemisch von Gefühlen, die Trauer mit sich bringt hat hier seinen Platz. So fragt ein Beter im 10. Psalm: „Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“ und im 69. klagt ein anderer: „Ich habe mich müde geschrieen, mein Hals ist heiser; meine Augen sind trüb geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“ Hiob wirft Gott Ungerechtigkeit vor und hadert mit ihm: „Gefällt dir´s, dass du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben?“

Zu allen Zeiten haben sich Menschen der biblischen Klage bedient, um ihre Not in Worte zu fassen. Selbst Jesus hat in seinem Sterben den 22. Psalm zitiert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Doch auch das drücken die Psalmen aus: Wer Gott seine Not klagt muss die Trauer nicht allein durchstehen. Denn hinter allem Klagen und Rechten steht ein tiefes Vertrauen auf Gott: Er ist auch in der Not nicht fern. „Das Verlangen der Elenden hörst du, Herr, du machst ihr Herz gewiss.“ (Psalm 10)