Exerzitien im Alltag
Exerzitien haben – wie das Wort durch seine Herkunft schon andeutet – etwas mit Üben zu tun, und zwar mit geistlichem Üben. Als Kinder müssen wir das Binden der Schleife am Schuh eine ganze Weile üben, bis es klappt. Später können wir ohne Übung nicht mit dem Computer umgehen, nicht Autofahren und vieles mehr. Christliche Haltungen und Verhaltensweisen, die persönliche Art, unseren Glauben zu leben, brauchen auch so eine Einübung. Erst dann fühlen wir uns einigermaßen sicher in unserem Verhalten z. B. am Arbeitsplatz, im Gottesdienst oder in der Familie.
Aber wie kann man so etwas einüben? Es ist wohl ein Weg, auf den man sich begibt, der etwas zu tun hat mit Sehnsucht. Mit der Sehnsucht nach einem „Mehr“ an Tiefe im Leben und danach, Fragen nach dem Sinn meines Lebens besser beantworten zu können. Auf einem Exerzitienweg kann ich z.B. neue Gebetsformen einüben oder mich dem Lesen und Verstehen biblischer Texte auf eine vielleicht ganz neue Weise zuwenden. Ich kann lernen, still zu werden und dabei meine Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen, um Spuren von Gottes Wirken in meinem Leben auszumachen.
Ignatius von Loyola (1491-1556), der Begründer der Exerzitien, behauptet: „Gott kann gesucht und gefunden werden in allen Dingen“. Auch in meinem kleinen, oft vollgestopften Alltag? Findet man nicht Gott vor allen Dingen sonntags in der Kirche oder vielleicht noch insbesondere in der Natur? Andererseits ist ja Jesus vor 2000 Jahren in eben so eine alltägliche Welt hinein geboren worden, sozusagen in ein Kleineleutemilieu. Was könnte also dann Gott mit meinem persönlichen Leben an meinem Arbeitsplatz, in meiner Familie und mit dieser unserer Welt heute zu tun haben? Mit solchen Fragen sind wir schon direkt auf dem Weg dazu, was Ignatius Exerzitien nennt, nämlich: „geistliche Übungen, um im alltäglichen Leben die Gegenwart Gottes und sein Wirken zu entdecken, und das konkrete eigene Leben auf ihn hin zu ordnen, sich von ihm verwandeln zu lassen“. An anderer Stelle gebraucht er das schöne Bild: „Sich von Gott umarmen zu lassen und so die Liebe in sich wecken lassen“.
Kurzexerzitien
Während Ignatius selber Exerzitien in der Abgeschiedenheit des Klosters, also herausgenommen aus dem Alltag, als dreimonatigen Weg mit Menschen seiner Zeit ging, gibt es inzwischen daneben auch kürzere Einzelexerzitien, die drei, fünf oder neun Tage dauern. Solche Angebote findet man nicht nur in Klöstern sondern auch in evangelischen Kommunitäten, wie z.B. der Christusbruderschaft Selbitz www.christusbruderschaft.de oder der Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg www.schwanberg.de sowie in St. Martin am Glockenbach www.stmartin-muenchen.de.
Lesen Sie dazu in diesem Spezial auch die Artikel Kloster auf Zeit und Evangelische Kommunitäten.
Exerzitien im Alltag
Die Form der „Exerzitien im Alltag“ nimmt eine Sonderstellung ein, denn sie finden ganz bewusst mitten im Alltag statt, also direkt in unserer täglichen Umgebung und unseren persönlichen Lebensumständen. Einzeln und im Miteinander einer Gruppe suchen Menschen nicht den beflügelnden Ausnahmezustand sondern eine verlässliche Grundströmung in ihrem täglichen Leben. Ist es nicht gerade verheißungsvoll, den Alltag als Raum des Lebens, wie es eben ist, – auch als Raum des Geistes Gottes – zu entdecken? Ein spannender Übungs- und Entdeckungsweg für alle, die auf der Suche nach einer Vertiefung ihres Glaubenslebens sind!
Solche Exerzitien im Alltag dauern in der Regel vier Wochen in der Passionszeit und bestehen aus folgenden Elementen:
- persönliche tägliche Besinnungszeit von ca. 30 Minuten zu Hause
- 15-minütiger Tagesrückblick am Abend
- fünf wöchentliche Treffen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gruppe
In diesem vierwöchigen Prozess wird der Wegcharakter der Exerzitien besonders gut deutlich. Bei den wöchentlichen Treffen wird gemeinsam geübt und gebetet, gesungen oder auch getanzt, sowie Erfahrungen in Kleingruppen ausgetauscht. Die Gruppe stärkt und trägt den Einzelnen, kann manchmal über eine Durststrecke hinweghelfen. Bei Bedarf können auch Einzelgespräche mit dem Leiter/der Leiterin vereinbart werden.
Exerzitien im Kirchenkreis München und Oberbayern



