Wenn man schweigt, kann es in einem laut werden

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Kommunitäten werden immer beliebter. Die Zahl der Besucher evangelischer Kommunitäten in Bayern ist im vergangenen Jahr einmal mehr gestiegen, ein Umstand, der den bayerischen Landesbischof Dr. Johannes Friedrich zu seinem Jahresthema 2010 inspiriert hat: geistliche Gemeinschaften. Grund genug für uns, neugierig hinzuschauen: Was passiert eigentlich in einer Kommunität? bayern-evangelisch.de stellt ein klassisches Kursangebot vor: die „Schweigezeiten“!

Wer im Rahmen seines Aufenthalts im Gästehaus einer Kommunität an „Schweigezeiten“ teilnimmt, verstummt für eine Dauer von acht bis zehn Tagen mit dem Ziel, die Selbstwahrnehmung zu schärfen. Schweigen öffnet einen Raum für Gedanken und Gefühle, für die man sonst keine Zeit hat, die sonst nicht da sein dürfen. Wenn man schweigt, kann es daher passieren, dass es in einem laut wird in der Begegnung mit sich selbst – eine Herausforderung, der sich die Gäste nicht alleine stellen müssen.

Die „Schweigezeiten“ werden von einem Kommunitätsmitglied professionell begleitet: einer Schwester oder einem Bruder, welche oder welcher speziell hierfür ausgebildet wurde und den Gast einmal am Tag durch ein 30- bis 45-minütiges empathisches Gespräch "auffängt". Der Gast und sein Betreuer schauen dabei gemeinsam, was angestoßen wird durch das Schweigen, was in dem Menschen an Ereignissen und Gefühlen ,hochkommt‘. Zusammen sucht man dann nach einem Bibeltext, der auf die jeweilige Stimmungslage des Gastes passt; sozusagen ein Geländer aus Worten, an denen er sich gedanklich fest halten kann in seinem Schweigeprozess. Die Einbindung der Bibeltexte qualifiziert die „Schweigezeiten“ zu „Exerzitien“, die Kurzform von „Ignatianische Exerzitien“. Der heilig gesprochene Ignatius von Loyola (1491-1556), wichtigster Mitbegründer der später auch als „Jesuitenorden“ bezeichneten „Gesellschaft Jesu“, hat die „Exerzitien“ als einen geistlichen Übungsweg entwickelt. Auf diesem soll der eigene Lebensweg betrachtet werden, um zum Beispiel die nächste (vielleicht schon längst fällige) Lebensentscheidung zu treffen.

Den eigenen Weg suchen und finden

"Exerzitien" geben den Menschen keine bestimmte Richtung vor, sie ermutigen ihn quasi zu "freiem assoziativem Schweigen", um den Teilnehmer seinen ganz eigenen, ganz persönlichen Weg in seinem Tempo suchen und finden zu lassen. Anders die „Retraiten“: Gäste, die an „Retraiten“ teilnehmen, schweigen in Gedanken an ein bestimmtes Bibelthema. Was den Geist nicht minder fordert. Vor allem gestresste Berufstätige, die ihren Alltag mit leistungsorientierten, antreibenden „Du-musst“-Mantras durchhasten, können bei allen Schweigeformen anfangs oft eine „Ohnmacht“ fühlen, der ein innerliches Straucheln folgen kann. Dann kann es sein, dass der Gast emotional einen ziemlichen Zick-Zack-Kurs einschlägt, doch auch hiermit ist er nicht alleine: Die ihn begleitende Schwester oder der ihn begleitende Bruder geht im täglichen Austausch einfühlsam mit ihm Zick-Zack.

Mitleben im Tagesrhythmus des Klosters ist also sowohl Entspannung als auch ein gutes Stück Arbeit an sich selbst. Gleichwohl eines, das lohnenswert ist und welches die Kommunitäten in ganz vielfältiger Hinsicht fördern: Neben den klassischen „Schweigezeiten“ bieten viele auch meditativen Tanz, Seminare über spirituelle Körperarbeit oder besinnliches Pilgern durch die Umgebung an. Alles mit dem Ziel, in der Gruppe den Menschen eine Vereinfachung des Lebens in einem geschützten Raum zu vermitteln, die sie idealerweise mitnehmen, wenn sie wieder in ihren Alltag zurückkehren.

TV, Handy und Laptop nach Möglichkeit tabu

Am deutlichsten ist diese Vereinfachung indes im Schweigen spürbar; die Menschen, die sich dazu entschließen, im Gästehaus einer Kommunität eine Auszeit zu nehmen, sind häufig aufgedreht und voll von Lärm und der Hektik ihres Alltages. Sich dieser Hektik für eine Zeit lang zu entziehen, dazu ermutigen Kommunitäten – ohne plakative Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Es geht nicht darum, den Menschen zu vermitteln: ,Hier bei uns ist die Welt in Ordnung, bei euch da draußen aber nicht, weil da nur Stress ist‘. Beides hat seine Berechtigung: die Lebendigkeit im Alltag ebenso wie die Ruhe des Klosters. Eine Sichtweise, die sowohl das eine als auch das andere anerkennt, ermöglicht die nötige Gelassenheit, um sich auf die Welt der Communität für eine begrenzte Zeit authentisch einzulassen.

Denn diese Welt ist schon alleine durch das Fehlen von Radio und Fernsehen eine ganz andere; TV, Handy, Laptop - das ist nach Möglichkeit alles tabu. Gezwungen wird natürlich kein Mensch, seine Sachen an der Pforte abzugeben. Aber der Gast bringt sich möglicherweise selbst um etwas, wenn er die Sachen weiternutzt wie bisher, sich keine Pause davon gönnt – alternativ könnte er mal ausprobieren, wie es ihm geht, wenn er einmal ganz bewusst all die Dinge lässt, die ihn von sich ablenken, ihn ,außer sich bringen‘.

Die Wahrnehmung wird viel feiner

Vor diesem Hintergrund wünschen die Mitglieder von Kommunitäten ihren Gästen eine positive innere Haltung, die es ihnen ermöglichst, den Verzicht nicht als Verbot zu begreifen und zum Beispiel selbstgewähltes Schweigen nicht zum ,Nicht-Reden-Dürfen‘ zu verkehren, sondern als Gelegenheit zum Dialog mit Gott. Und diese Gelegenheit zu nutzen. Womit die meisten Menschen eine positive Erfahrung machen. In der Regel verlassen sie die Kommunität gut sortiert, aufgeräumt, ausgeglichen und sensibler für sich selbst, als sie gekommen sind: Weil die Wahrnehmung etwa durch Schweigen  insgesamt viel feiner, das Herz viel offener geworden ist.

Und so vielleicht empfänglich für die Jahreslosung 2010 der Herrnhuter Brüdergemeinde: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott, und glaubt an mich.“

Text: Almut Steinecke