Anleitung für eine Stille Nacht
Damit Heiligabend nicht zur seelenlosen Harmoniefassade mutiert, die jeden Augenblick bröckeln kann, braucht man viel Gelassenheit. Aber wo nimmt man die her, wenn man sich wünscht, dass am 24. Dezember alles perfekt laufen soll, einem andererseits aus jeder Ecke des Lebens der Weihnachtstrubel um die Ohren wirbelt und ganz verrückt macht? bayern-evangelisch.de hat bei drei einschlägigen Experten nachgefragt. Damit Weihnachten die Chance hat, seinen Kern entfalten zu dürfen - und eine Stille Nacht zu werden.
Alle Jahre wieder dasselbe Spiel: Rein kalendarisch gesehen ist es noch nicht mal Herbst, da sichtet man schon die ersten Nikoläuse in den Supermärkten. Geht ja viel zu schnell mit Weihnachten, das verdirbt ja jede Stimmung, denken die Menschen, schütteln den Kopf, schieben das Thema von sich weg. Dann passiert lange nichts, außer, dass sich die Nikoläuse in den Supermärkten bedrohlich vermehren, und scheinbar schlagartig, gefühlt urplötzlich brennt die vierte Kerze auf dem Kranz. Geht ja viel zu schnell mit Weihnachten, denken die Menschen, bei aller Vorfreude mehr und mehr gestresst – und laufen Gefahr, sich an Heiligabend selbst die Stimmung zu verderben.
Wie können sie das verhindern?
„Indem sie erst einmal akzeptieren, dass es ganz normal ist, gerade an Weihnachten ,heile-Welt‘-Bilder im Kopf zu haben“, unterstreicht Andreas Herrmann (Foto), 44, Pastoralpsychologe am Evangelischen Beratungszentrum München. „Den Menschen werden vor allem durch die Werbung so viel verkitschte Phantasien von Liebe und Friede eingetrichtert, dass ihre eigenen inneren Bilder von diesem Fest automatisch verzerrt werden.“ Umso mehr gilt es, sein Verständnis von Harmonie zu überprüfen.
Der 51-jährige Pfarrer und Leiter der Evangelischen TelefonSeelsorge in München Jürgen Arlt regt dazu an, sich einmal ganz klar zu machen, dass eine Familie relativ selten einen kompletten Abend lang miteinander verbringt. Am Heiligen Abend aber soll sie genau das tun – eine Erwartungshaltung, die unter Umständen aus ungesunder Fremdbestimmtheit heraus erwächst und nicht aus den ganz persönlichen Bedürfnissen.
„Harmonie ist schwierig mit Individualismus zu vereinbaren“
Deshalb gilt es, genau diese persönlichen Bedürfnisse zu hinterfragen, damit Heiligabend nicht zur seelenlosen Harmoniefassade gerät, die jeden Augenblick bröckeln kann, so Arlt. „Die Menschen könnten sich mal fragen, ob wirklich alle in der Familie alles stundenlang gemeinsam machen müssen am 24. Dezember, auch an den darauffolgenden Feiertagen – oder ob auch jeder zwischendurch seiner Wege gehen darf“, sagt der Leiter der Evangelischen TelefonSeelsorge. Eine Familienkonferenz im Vorfeld, bei der man sich gegenseitig nach seinen individuellen Vorstellungen zur Gestaltung von Weihnachten befragt, wäre eine praktische Möglichkeit, starre Muster aufzubrechen, so Arlt.
Auch Irmi Staehler (Foto unten), 59, Familientherapeutin aus München, hebt den Wert von Kommunikation für das Gelingen eines friedlichen Miteinanders hervor. „Harmonie im Sinne von ,Gleichklang‘ und ,Übereinstimmung‘ von menschlichen Bedürfnissen ist schwierig mit Individualismus zu vereinbaren, den jeder Mensch auch leben will.“ Könnte man dann sagen, dass ein gesund gelebter Individualismus der wahre Weg zur Harmonie ist? So einfach ist es auch wieder nicht, sagt Staehler – „da braucht es noch eine gehörige Portion Toleranz obendrauf“.
Frieden ist nicht „Friedhöflichkeit“!
Umso wichtiger findet es die Therapeutin, offen miteinander zu sein, um das Grundübel für Konflikte an Weihnachten an der Wurzel zu packen: zu hohe, Druck erzeugende Erwartungen. Nach Meinung von Staehler entstehen diese aus der Schnelllebigkeit des Alltags heraus, „bei dem viele Menschen unter Zeitmangel leiden. Da ist es für viele auch ganz besonders wichtig, dass es einmal im Jahr einen festen Termin für ein (Groß-) Familientreffen gibt – und dass sich natürlich alle wünschen, dass dieses Fest dann angenehm für alle Beteiligten abläuft.“
Das jedoch kann nicht funktionieren, „wenn die Menschen dazu neigen, Konflikte unter den Teppich zu kehren“, konstatiert Andreas Herrmann. Der Münchner Pastoralpsychologe plädiert gleichwohl wie Familienexpertin Staehler für „liebevolle Ehrlichkeit“ zwischen den Menschen, denn „einem Frieden, der nicht gespielt, sondern authentisch sein soll, muss Lebendigkeit und Beweglichkeit im Umgang miteinander voraus gehen; sonst gestalte ich keinen Frieden sondern ,Friedhöflichkeit‘ – und die ist ebenso tot wie ein Friedhof“!
Das private Hamster-Rad zum Stillstand bringen
Voraussetzung für das freundliche Zugehen aufeinander, ist eine Grundhaltung, so Herrmann, die darauf abzielt, „den anderen nicht verbiegen zu wollen, sondern letztendlich seine persönlichen Wünsche sanft zu äußern und zu schauen, wie sich die eigenen Wünsche mit denen meiner Mitmenschen vereinbaren lassen“.
Voraussetzung ist auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Erwartungen, ergänzt Irmi Staehler – und die beginnt beim liebevollen Umgang mit sich selbst. „Indem man sich einmal traut, in sich hineinzuhorchen, um Antworten auf Fragen wie diese zu finden: Wer redet mir eigentlich die hohen Ansprüche an ein ,perfektes‘ Gelinden des Weihnachtsfestes ein? Ist es die Werbung? Sind es wirklich die anderen? Oder bin ich es am Ende selbst? Letzteres hat der Mensch in der Hand“ – und kann sein ganz privates Hamsterrad von jetzt auf gleich zum Stillstand bringen oder zumindest auf eine langsamere Drehzahl herunter pegeln.
„Harmonie ist nicht abhängig von schönen äußeren Umständen“
Wer so für mehr persönliche Entspannung sorgt, kann gelassener auf den anderen zugehen und dem Austausch mehr Leichtigkeit geben, wenn er umdenkt: „Man könnte eine Erwartung als Wunsch formulieren“, rät Familientherapeutin Staehler. „Wird ein Wunsch zum Beispiel im Hinblick auf die Gestaltung des Heiligen Abends dann vom anderen abgelehnt, ist das leichter zu ertragen, denn dass nicht jeder Wunsch erfüllbar ist, ist bekannt. So fühlt man sich nicht gleich als ganzer Mensch abgelehnt.“ Und kann Weihnachten besser als Ritual akzeptieren, das sich – je nach Familienphase – auch immer wieder neu verändert; mit kleinen Kindern feiern Eltern anders, als mit großen Kindern, die vielleicht schon eigene Familien haben.
Pfarrer Jürgen Arlt (Foto) findet es zudem wichtig, sich bewusst zu werden, dass Harmonie nichts ist, "was man ,machen‘ im Sinne von ,herbeizaubern‘ kann“. Harmonie ist unsichtbar, ein inneres Band, das die Menschen verbindet, „und dieses innere Band kann ich nicht erzwingen – weil es nicht abhängig ist von schönen äußeren Umständen“.
„Die Welt in der Krippe war alles andere als heile“
Ein Weg, dies zu besser verstehen, ebnet sich, wenn man sich vor Augen hält, dass auch die Umstände der heiligen Familie, die ja immer als Idealfamilie zitiert wird, alles andere als schön waren. „Josef und Maria waren auf der Flucht, Maria hat ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen müssen, in dem es kalt und zugig war, der Wind durchs Gebälk ging, Josef haderte ein Stück weit mit seiner Vaterschaft, da Maria schwanger geworden war, ohne mit ihm zusammen gekommen zu sein – das klingt vielleicht alles beim ersten Hören fast banal, aber man muss sich das wirklich mal klar machen, um zu begreifen, dass die Welt in der Krippe alles andere als heile war“ – wenn man nach den Äußerlichkeiten geht.
„Und doch“, sagt Jürgen Arlt, „hat es Harmonie gegeben, weil das Innere grundsätzlich stimmte – die Liebe zwischen Josef und Maria. Und die Liebe Gottes zu den Menschen, die wir an Weihnachten feiern.“
Text: Almut Steinecke


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