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Sieben Wochen ohne Alltagsflucht

Sieben Wochen ohne Ausreden - das hat Anne Lüters gereizt. Es geht um das Herumlavieren, die vielen kleinen und großen Entschuldigungen, die man so täglich gebraucht. Darauf zu verzichten? Gar nicht so einfach! Die evangelische Pfarrerin hat sich der Herausforderung mutig gestellt. Ein Selbstversuch.

"Sieben Wochen ohne Ausreden -  das hat mich angesprochen. Es geht um das Herumlavieren, die vielen kleinen und großen Entschuldigungen, die man so täglich gebraucht. Darauf zu verzichten? Darauf verzichten, unbedingt das Haus putzen zu müssen, weil man seine Bücher nicht mehr sehen kann? Lieber zu sagen: Ich kann nicht mehr, ich muss jetzt mal raus? Keine Ausflüchte mehr, wenn unliebsame Bekannte nerven, kein Selbstbetrug mehr, wenn man doch genau weiß, dass man selbst nicht politisch, ökologisch oder sozial korrekt handelt? Das muss ausprobiert werden. Einen Tag erst einmal. Vielleicht auch länger.

Tag Eins stehe ich wohl präpariert auf – und will mich schon ins Auto schwingen, um zu meiner Arbeitsstelle zu fahren, da frage ich mich, warum ich eigentlich nicht mit dem Rad fahre. Ich hätte das besser nicht tun sollen, denn gleich stelle ich fest, dass meine meisten Gründe Ausreden sind. a) Ich bin (noch) nicht zu spät dran (wenn ich allerdings noch etwas trödele, dann schon), b) es ist nicht nass (und gegen die Kälte kann ich mich wappnen), und c) ich habe auch nicht zu viel Gepäck (alles eine Frage des Packens). Die echten Gründe, die mir bleiben, sind Bequemlichkeit und keine Lust. Nicht sehr rühmlich, wenn ich es genau bedenke. Also gut, ich räume die Hälfte meiner Tasche aus, vermumme mich dick und dann los. So schlimm ist es gar nicht. Im Gegenteil, nach den ersten Minuten des Murrens macht es mir sogar Spaß. Nebenbei bin ich auch noch sehr zufrieden mit mir…

"Du wirst zu viel zu tun gehabt haben." - "Eigentlich nicht."

Na, wenn das so einfach ist… Einen Tag und etliche Ausreden später erinnere ich mich wieder an meinen Vorsatz. Nun gut, einige Chancen sind verpasst. Darum nehme ich mir den nächsten Tag vor. Und so komme ich schon den zweiten Tag in Folge zum Genuss einer Radfahrt zur Arbeit.

Tag Zwei denke ich besser daran. Ein paar Arbeiten sind liegen geblieben. Nicht, weil ich soo viel Arbeit gehabt hätte, das nicht, sondern weil ich auf gerade diese Arbeit nicht viel Lust hatte, wenn ich ehrlich bin. Derjenige, der eigentlich heute etwas von mir wollte, hat rasch eine Entschuldigung für mich parat: ,Du wirst zu viel zu tun gehabt haben.' Wie leicht wäre es, jetzt einfach zu nicken. Oder nicht einmal etwas zu sagen, sondern einfach nur zu schweigen. Aber: Keine Ausflüchte! Also sage ich: ,Eigentlich nicht! Ich habe es liegen gelassen.' Unangenehm, aber es geht. Und meine Zeitgenossen akzeptieren es. Nur zu oft sollte das nicht passieren.

Jetzt wird es wirklich ernst. Wie sage ich es ihm ohne Ausrede?

Im Laufe des Tages stelle ich fest, wie gern die Leute bereit sind, mir zu glauben, dass ich keine Zeit habe. Zu viel zu tun,  das scheint die anerkannte Ausrede zu sein. Nicht nur bei mir, auch bei anderen. Und ich denke: Welch gehetzten Eindruck müssen wir normalerweise auf andere machen, und wie gewohnt sind sie wohl die Entschuldigung: ,Keine Zeit!'. Würden sie es genauso akzeptieren, wenn ich sagte: ,Ich hatte keine Lust dazu', oder: ,Ich bin lieber spazieren gegangen?' Man müsste es ausprobieren.

Auch an diesem Tag hält mein Vorsatz nicht lange. Ab der Mitte des Tages vergesse ich ihn wieder. Erst abends, als ein Bekannter anruft, mit dem ich wirklich nicht mehr reden möchte an diesem Tag, merke ich es wieder: Jetzt wird es wirklich ernst. Wie sage ich es ihm ohne Ausrede? Er fragt, ob er mich nicht stört? Nein, sage ich, er störe mich nicht. Aber bereits nach fünf Minuten entschuldige ich mich wegen Müdigkeit. Versuch gescheitert. Ich habe gekniffen.

Ausflüchte vor mir selbst, die so tief sitzen, dass sie mir gar nicht mehr auffallen

Nach zwei Tagen merke ich, dass mein Blick sich ändert. Ich vergesse meinen Vorsatz noch oft, aber ich denke stärker über das nach, was ich alltäglich tue. Wenn ich vor dem Discounter stehe, frage ich mich, mit welcher Ausrede ich dieses Geschäft wähle. Wenn ich eine Arbeit schiebe, weiß ich, ich werde mich verantworten müssen - oder mit dem schalen Geschmack der Ausrede leben. Aber ich mache auch wunderbar befreiende Erfahrungen: dass die anderen akzeptieren, wenn ich nicht immer funktioniere. Dass sie lachen und von ihrem eigenen inneren Schweinehund erzählen. Dass sie es schätzen wenn ich ehrlich bin. Eigentlich könnte man es immer so machen.

Klar - ich benutze täglich Ausreden, die ich gar nicht merke. Ausflüchte vor mir selbst, die so tief sitzen, dass sie mir gar nicht mehr auffallen. Aber vielleicht gelingt es mir ja in dieser Fastenzeit, diesen kleinen und größeren Lebenslügen ein wenig mehr auf die Spur zu kommen. Vielleicht entdecke ich ja auch bei ihnen, wie befreiend es ist, sie fallen zu lassen und einfach zu meinen Schwächen zu stehen. Oder, wenn sie mich zu sehr stören, daran zu arbeiten.  Das geht nicht an einem Tag. Aber vielleicht ansatzweise in sechs Wochen. Ich bin gespannt darauf."

Protokoll: Anne Lüters